Nach dem Krieg nicht mehr zu retten An der Osnabrücker Rolandstraße 7 stand bis 1960 die Hammersen-Villa

Von Joachim Dierks


Osnabrück. Eine hochherrschaftliche Villa inmitten eines Baumbestandes, der offensichtlich längere Zeit nicht gepflegt wurde, davor eine kunstvolle Zaunanlage und eine Straße mit Kopfsteinpflaster – wo mag das sein? Als Barbara Kahlert vom Museum Industriekultur alte Fotografien für den Jahreskalender 2013 auswählte, stieß sie im Nachlass des Ateliers Lichtenberg auf dieses Bild. Zunächst hatte sie keinen Hinweis, wo das Haus steht oder stand.

Die geparkten Autos – ein Lloyd Alexander, ein Renault 4CV, ein Mercedes und ein Ford – erlaubten die zeitliche Einordnung in die 1950er-Jahre. Die Fenster im Obergeschoss der Villa sind zugemauert. Offensichtlich hatte das Haus Kriegsbeschädigungen davongetragen, die nur provisorisch behoben waren. Den besten weiterführenden Fingerzeig gab das „Schufa“-Schild am Mauerpfeiler ganz rechts. Die „Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung“ unterhielt damals eine Geschäftsstelle in der Rolandstraße 9. Das ist das Haus mit dem charakteristischen Fachwerkgiebel, das heute als Sitz des CVJM bekannt ist. Es liegt rechts neben der hier abgebildeten Villa außerhalb des Bildes.

Auf dem Foto haben wir es hingegen mit der Villa Hammersen, Rolandstraße 7, zu tun. Die Schäden in der Gebäudestruktur schienen dem letzten Eigentümer Fritz Hammersen offensichtlich so gravierend zu sein, dass eine Grundsanierung für ihn nicht infrage kam. Als die größte Wohnungsnot nach dem Krieg behoben war und die Wohnansprüche stiegen, ließ er um 1960 das Haus abreißen. Die Soziale Wohnungsbaugenossenschaft errichtete an der Stelle eine schlichte dreigeschossige Doppelhausanlage. Sie beherbergt heute Eigentumswohnungen, eine Arztpraxis und eine Unternehmensberatung. Das neue Haus ist jetzt rund 55 Jahre alt und im Begriff, den Vorgängerbau an Standhaftigkeit zu übertreffen. Denn die Villa wurde nicht älter als 55.

Sie entstand 1905 nach Plänen des Architekten Gustav Majewski. Die westliche Stadterweiterung vor dem Hegertor und dem Martini-Tor war noch nicht sehr weit fortgeschritten. Der Neubau der Regierung an der westlichen Wallseite 1893–1896 hatte gerade die Breite des hinter ihr liegenden Straßenrasters zwischen Katharinenstraße und Rolandstraße definiert. Der Abschnitt der Rolandstraße zwischen Arndt- und Herderstraße – hier liegt die Villa Rolandstraße 7 – nahm überhaupt erst 1904/05 Konturen an. Dabei kam es zu der kuriosen Situation einer Verschwenkung auf dem kurzen Abschnitt, die wir wohl als kleine stadtplanerische Panne beschmunzeln dürfen: Die von der Herderstraße ausgehenden Bauzeilen trafen nicht genau auf die von der Arndtstraße ausgehenden. Der Albtraum eines jeden Tunnelbauers, der von gegenüberliegenden Seiten in den Berg bohrt – in Osnabrück wurde er bei offener Straßenbauweise wahr.

Bei gutbürgerlichen und herrschaftlichen Wohnhäusern war der spätklassizistische Baustil bis etwa 1890 vorherrschend. Er bestimmte den Charakter ganzer Straßenzüge etwa an Lotter Straße, Arndtstraße und östlicher Katharinenstraße. Relativ spät, als anderswo Historismus und Jugendstil das Bauen schon stärker beeinflussten, entschieden sich Bauherr Friedrich Hammersen und sein Architekt Majewski für eine relativ strenge klassizistische Bauform, als sie 1904 den Bauantrag für die Rolandstraße 7 stellten.

Hammersen entstammte der Dynastie der Textilfabrikanten Hammersen mit ihrer Keimzelle an der Johannisstraße. Während Friedrich Heinrich Hammersen (1816–1899) 1893 an die Iburger Straße zog und den Grundstein für den zeitweilig größten Baumwollkonzern Mitteleuropas legte, gehört der Bauherr der Villa Rolandstraße 7 zu der anderen Linie, die eine Textilfabrik an der Goethestraße gegenüber der Neuen Mühle an der Hase betrieb. Als die Villa 1905 bezogen werden konnte, war er bereits verstorben. Im Adressbuch ist seine Witwe als Eigentümerin aufgeführt.

In der nächsten Generation sind die Brüder Fritz und Ernst verzeichnet, wobei Ernst nach New York ausgewandert ist, Fritz aber die Villa bewohnt. Er ist Architekt und Partner von Justus Haarmann, der als bedeutender Vertreter des „Neuen Bauens“ in der Weimarer Zeit gilt.

Im letzten Krieg wurde die Villa 1942 und 1944 von Bomben getroffen. Ein Notdach sorgte dafür, dass wenigstens Hochparterre und Untergeschoss bewohnbar blieben. Fritz Hammersen wohnte in der Nachkriegszeit bereits in Burg Gretesch, hatte das Architekturbüro aber weiterhin im Untergeschoss.

Im Parterre lebte der Gartenmöbelfabrikant Rudolf Runge mit Familie sowie als Noteinquartierung, wie sich Sohn Dr. Jochen Runge erinnert, auch „die von oben“, die Familie des ausgebombten Druckereibesitzers Albrecht Liesecke: „Irgendwie war das wohl machbar, denn es gab ja das Esszimmer, das Wohnzimmer, das Musikzimmer, das Herrenzimmer, den Wintergarten und so weiter, die Wohnung war in meiner Erinnerung unendlich groß.“