Austausch auf Facebook-Seite Was tun bei Diagnose Borderline-Störung?

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Osnabrück. Osnabrück. Auf der Facebook-Seite „Aus dem Leben eines Borderliners“ treffen sich Menschen, die an der Persönlichkeitsstörung erkrankt sind. Sie teilen ihre Erfahrungen und wollen auch andere darüber aufklären, was mit Borderline-Patienten los ist. Doch Experten warnen: Seiten wie diese könnten Angstsymptome noch verstärken. Wir haben uns über die Erkrankung informiert.

„Auf einmal warst du weg, obwohl du mir versprochen hast, dass du mich niemals verlassen wirst …“, steht auf einem Bild geschrieben. Das Bild mit der Signatur „Denise“ hat Alex auf seiner Facebook-Seite „Aus dem Leben eines Borderliners“ gepostet. Im Hintergrund ist reißendes Wasser zu sehen, ein Fluss vielleicht, am Ufer Bäume vor der Abenddämmerung.

Alex gibt auf der Seite seine Identität nicht preis. Er sei 23 und habe selbst die Borderline-Störung, sagt er. Auf seiner Seite postet er immer wieder seine Erfahrungen. Dazu kommen Texte und Bilder, die ihm andere Erkrankte zuschicken. Sein Ziel: „Aufklärung“, schreibt er auf der Seite. Aber auch: „Du bist nicht allein, gemeinsam sind wir stark!“ Ein Interview möchte Alex uns nicht geben, fühlt sich dafür nicht stark genug.

6833 Menschen haben die Seite schon mit „Gefällt mir“ markiert, und jedes Bild und jeder Text, den Alex postet, erhält ebenfalls viele „Likes“ und aufmunternde Kommentare. Das Bild von Denise hat nach 20 Stunden 323 Likes und wurde 34-mal geteilt. Viele drücken dadurch aus, dass sie Ähnliches erlebt haben und Denise verstehen.

Die Zahlen zeigen an, dass die Erlebnisse und Gefühle viele Menschen bewegen. Die Lebensgeschichten werden manchmal mit Namen, oft aber auch anonym oder halbanonym geteilt. Die Schicksale ähneln sich: Viele sind im Kindesalter missbraucht worden – sexuell oder emotional, schreiben sie. Manche haben eine nahe Bezugsperson verloren. Viele berichten von Essstörungen, Selbstverletzungen, Einsamkeit und großer Traurigkeit.

Alex ist bewusst, dass die Lebensgeschichten "triggern" können, also traumatische Erfahrungen so in Erinnerung rufen, dass sie quasi erneut durchlebt werden. Immer wieder weist er darauf hin, dass nur Menschen diese Geschichten lesen sollten, die dafür stark genug sind. Diplom-Psychologin Ulrike Kröger sieht Seiten, die nicht professionell geleitet sind, als "schwierig" an. "Diese Seiten können die Symptomatik verstärken", warnt die psychologische Psychotherapeutin am Osnabrücker AMEOS Klinikum, die sich auf die Borderline-Störung spezialisiert hat. Zwar bekomme der Erkrankte hier viel Verständnis, es bestehe aber die Gefahr, in der Symptomatik hängen zu bleiben, statt sich auf Veränderung hin zu orientieren.

Den Gefühlen hilflos ausgeliefert

Aber was genau ist eigentlich die Borderline-Störung? „Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine Störung der Gefühlsregulation“, erklärt Ulrike Kröger. Sie betont, die Betroffenen reagierten sehr sensibel und intensiv auf emotionale Reize. Dabei fehle ihnen die Möglichkeit, intensive Gefühle zu bewältigen. „Borderline-Patienten fühlen sich machtlos gegenüber unerträglichen Gefühlen wie Scham, Wut, Einsamkeit, Leere und sozialer Zurückweisung", erklärt die Therapeutin. „Nicht regulierte Gefühle führen zu hoher Anspannung, die großen Widerwillen hervorruft und einhergeht mit dem Gedanken:'Ich halte das nicht mehr aus!'"

Die Borderline-Störung ist heute gut behandelbar“, ermutigt die Fachfrau. Wer die Diagnose „Borderline-Störung“ erhalte, solle sich gut informieren und professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, um den Hilfe- und Behandlungsbedarf abzuklären. Mit einem Psychologen könne abgeklärt werden, ob eine ambulante oder stationäre Therapie hilfreich sei.

Internetseiten können den persönlichen Kontakt nicht ersetzen, bei guter Qualität aber durchaus ergänzen. Ulrike Kröger empfiehlt, dabei vor allem auf die professionelle Anleitung zu achten, um zu vermeiden, dass sich die Betroffenen gegenseitig noch herunterziehen – etwa durch Bilder von selbst zugefügten Verletzungen. Eine Plattform, die sie geeignet findet, ist www.borderline-netzwerk.info , aber auch andere wie www.blumenwiesen.org . Facebook-Nutzern empfiehlt sie die DBT Skills Group ", die allerdings englischsprachig ist.

Was können die Angehörigen tun?

„Angehörige von Borderline-Patienten brauchen selbst Unterstützung“, betont die Psychologin, denn sie litten unter den Erlebens- und Verhaltensweisen der Betroffenen. Auch sie sollten sich gut über die Erkrankung informieren, etwa über die Zeitschrift „Grenzposten“ oder im Internet unter www.borderlinetrialog.de .

Im Umgang mit dem Borderline-Betroffenen sollte das soziale Umfeld wertschätzend und annehmend auftreten, nicht überreagieren und Verständnis äußern. „Auf der anderen Seite ist es wichtig, klare Grenzen zu setzen“, weiß Ulrike Kröger. So sollten Verwandte und Freunde erwachsenen Patienten nicht die Verantwortung für sich selbst abnehmen oder beispielsweise Aufgaben übernehmen, vor denen die Betroffenen Angst haben. „Wichtig ist es auch, das anzusprechen, was unausgesprochen im Raum steht“, empfiehlt die Therapeutin.

Wer hilft in Osnabrück?

„In Osnabrück haben wir störungsspezifische Behandlungsangebote, sowohl ambulant, teilstationär als auch stationär“, sagt Ulrike Kröger. Stationär behandle die Station A4 am AMEOS Klinikum. „Es ist gut, dass die Diagnose Borderline heute nicht mehr so stigmatisierend ist“, findet die Expertin. Denn dadurch werde es erst ermöglicht, dass die Patienten aktiv Hilfe suchen.


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