Entwidmung am Sonntag Osnabrücks Protestanten geben Melanchthonkirche auf


Osnabrück. Die evangelisch-lutherische Südstadtkirchengemeinde trennt sich von einem ihrer vier Gotteshäuser. Bereits am Sonntag soll die Melanchthonkirche im Stadtteil Kalkhügel entwidmet werden. Übergangsweise wird das Emma-Theater das 1962/63 errichtete Gebäude nutzen.

Ulf Jürgens, Geschäftsführer der Südstadtkirchengemeinde, bestätigte am Montag auf Nachfrage entsprechende Informationen unserer Redaktion. Grund für die unmittelbar bevorstehende Schließung von Osnabrücks höchstgelegener Kirche seien verschwindend geringe Besucherzahlen bei den monatlichen Gottesdiensten.

Zuletzt hätten sonntags kaum mehr als ein Dutzend Protestanten den Weg an den Bergerskamp gefunden, sagte Jürgens. Viele ziehe es stattdessen in die nur einen Kilometer entfernte Lutherkirche am Schölerberg. „Es war eine Abstimmung mit den Füßen. Wir können es uns finanziell einfach nicht mehr leisten, vier Kirchen zu betreiben.“ Neben den beiden genannten gehören auch die Margaretenkirche (Voxtrup) und das Lukas-Familienzentrum (Schölerberg) zu den geistlichen Heimstätten der 2009 gegründeten Südstadtkirchengemeinde.

Die Kosten für den Unterhalt der Melanchthonkirche würden „in keinem vertretbaren Verhältnis zur Nutzung stehen“, heißt es auch in einem von Kirchenvorstand und Pastorin Renate Jacob unterzeichneten Brief, der am Montag an die 9600 Gemeindeglieder verschickt wurde. „Von einer Kirche trennt man sich nicht leichten Herzens“, stellen sie darin fest. Landeskirche und Landesdenkmalschutz würden jedoch hinter den Plänen stehen. Ein Leerstand des Gebäudes solle möglichst vermieden werden.

„Das ist schmerzhaft“

„Das ist ein schmerzhafter Einschnitt“, betonte auch Geschäftsführer Jürgens im Gespräch mit unserer Redaktion. Für viele, die in über 50 Jahren hier getauft, konfirmiert oder verheiratet wurden, komme der Entschluss „sicher überraschend“, mutmaßte er. Dagegen hege die Leitung der jüngsten und größten Gemeinde im Kirchenkreis Osnabrück spätestens seit Sommer 2013 die Absicht, die nach Reformator Philipp Melanchthon (1497– 1560) benannte Kirche aufzugeben. Zum plötzlichen Handeln veranlasste sie nun ein Wunsch der Städtischen Bühnen.

Wie aus dem Rundbrief hervorgeht, baten diese darum, den Kirchenraum während des Umbaus des Emma-Theaters für Aufführungen gebrauchen zu dürfen. Aus Sicht der Südstadtkirchengemeinde ein „wünschenswerter kultureller Zweck“, der laut Jürgens eine „sinnvolle Nutzung“ bis Oktober sicherstellt. Offen sei, wie es weitergeht. Denkbar sei eine Verwendung nach dem Vorbild der zur Kunsthalle umfunktionierten Dominikanerkirche. Auch für Gastronomie und Veranstaltungen würde sich die Melanchthonkirche eignen, so der Geschäftsführer. „Es ist einiges möglich. Es muss nur jemand in die Hand nehmen und finanzieren.“

Der Gottesdienst am 1. Februar (9.30 Uhr) soll jedenfalls der letzte in diesem Haus sein. Zur feierlichen Entwidmung wird auch Landessuperintendent Detlef Klahr (Sprengel Ostfriesland-Ems) erwartet.


Die evangelisch-lutherische Südstadtkirchengemeinde ist die jüngste und größte Kirchengemeinde im Kirchenkreis Osnabrück. Im Jahr 2009 gegründet, erstreckt sich ihr Amtsbezirk über die Stadtteile Fledder, Kalkhügel, Nahne, Schölerberg und Voxtrup im Süden der Stadt Osnabrück. Sie zählt 9600 Gemeindeglieder und wartet mit (noch) vier Kirchen samt Gemeindehäusern sowie vier Kindertagesstätten und zwei Kinderkrippen auf. Vier Pastorinnen und Pastoren bekleiden die drei Pfarrämter. Zusätzlich leisten zwei Diakone Gemeindearbeit. Ein Kantor und mehrere Organistinnen sorgen für die Kirchenmusik. Verwaltet wird die Südstadtkirchengemeinde von einem Geschäftsführer und drei Sekretärinnen. Weiterhin sind ein Hausmeister und drei Küster angestellt.Am 1. Januar 2009 wurde die evangelisch-lutherische Südstadtkirchengemeinde aus den ehemals vier selbstständigen Kirchengemeinden Lukas, Luther, Margareten und Melanchthon gegründet. Zuvor hatten die vier Kirchengemeinden bereits auf regionaler Ebene zusammengearbeitet. Grund für die Fusion waren vor allem knapper werdende finanzielle Mittel. Die 1962/63 erbaute Melanchthonkirche am Bergerskamp fasziniert durch ihre klare Schlichtheit. Der Grundriss erinnert an ein Schneckenhaus. Im Unterschied etwa zum protestantischen Konzept der Lutherkirche befindet sich die Taufkapelle nicht im Altarraum, sondern im Eingangsbereich. So war es auch im Mittelalter üblich. Der helle Gottesdienstraum wird dominiert von einem großem Kruzifix, geschaffen vom Bildhauer Heinz Heiber (1928-2003). Mit leeren aufgerissenen Augen schaut sein gekreuzigter Christus die Gemeinde an. Nach den Erfahrungen von Krieg und Vertreibung war dieser leidende und sterbende Gottessohn den Menschen näher als ein triumphierender Herrscher.Ebenfalls von Heiber stammt die Bronzeplatte an der Kanzel. Ein Duplikat befindet sich in der St.-Marien-Kirche Osnabrück. Es bildet das Pfingstgeschehen ab. Die Taube und zwölf Feuerflammen auf den Köpfen der Apostel symbolisieren den Heiligen Geist.

Das Evangelium wird von einem eigenen Lesepult gelesen, das die Symbole der vier Evangelisten trägt: ein Stier für Lukas, ein Löwe für Markus, das Menschenangesicht für Matthäus und ein Adler für Johannes. Der Altar ist kein protestantischer Abendmahlstisch, sondern erinnert an einen Sarkophag. Dies ist ebenfalls eine Reminiszenz an die Ursprünge des christlichen Glaubens: Im alten Rom sollen die ersten Anhänger dieser Religion auf den Särgen der Märtyrer das Abendmahl gefeiert haben.

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