Energiemanager zum Wärmekataster Stahlwerk produziert Hälfte der Abwärme im Kreis


Osnabrück. Die Hälfte der industriellen Abwärme im Osnabrücker Land stammt vom Stahlwerk Georgsmarienhütte (GMH). Mit 1,025 Gigajoule produziert die GMH demnach alleine sogar mehr Abwärme als alle anderen Firmen zusammen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Hochschule Osnabrück. Der Leiter des GMH-Energiemanagements, Reimund Laermann, erklärt im Interview mit unserer Zeitung, wo die Ursachen dafür liegen und wie die Abwärme besser genutzt werden könnte.

Bekannt ist, dass Sie mit dem Stahlwerk in einem Jahr genauso viel Strom verbrauchen wie die Stadt Osnabrück. Nun kommt eine neue Studie zu dem Ergebnis, dass die Hälfte der industriellen Abwärme im Osnabrücker Land von der Georgsmarienhütte GmbH stammt. Überrascht Sie das?

Reimund Laermann: Das überrascht uns nicht, schließlich arbeiten wir hier mit viel Energie und hohen Temperaturen. Um Stahl zu schmelzen benötigt man Temperaturen von bis zu 1.600 Grad Celsius. Etwas anderes geht physikalisch gar nicht. Durch unser Energiemanagement haben wir aber einen sehr guten Überblick über die Energieströme bei uns im Werk. Wir unternehmen schon seit Jahren umfangreiche Anstrengungen zur Reduzierung der Energiebedarfe. Wir sind zum Beispiel Initiator des Energie-Netzwerks Osnabrück (ENO) und haben das Kompetenzzentrum Energie mit dem Projektmanagement beauftragt. Inzwischen haben sich in dem Netzwerk zwölf größere energieintensive Unternehmen aus der Region zusammengeschlossen, um voneinander zu lernen, wie sie am besten Energie sparen können.

Was haben Sie getan, um die industrielle Abwärme zu reduzieren?

Wir nutzen bei uns am Standort an allen Stellen die Abwärme, die bei uns selbst im System anfällt. Mit dem Abhitzekessel unseres Elektroofens nutzen wir seit 2009 25 Prozent der von uns produzierten industriellen Abwärme für unsere Produktion. Am Elektrolichtbogenofen wird die dort entstehende Abwärme durch das Abgassystem aufgenommen, wodurch Dampf erzeugt wird. Allein dort ist schon mehr Energie als Abwärme vorhanden als wir verbrauchen könnten. Rein wärmetechnisch, d. h. Wärmeenergie zum Heizen von Werkshallen und Büroräumlichkeiten, können wir uns am Standort also autark versorgen.

Seit den 90er Jahren haben Sie rund zehn Jahre über den Fernwärmespeicher der Stadt auf Ihrem Betriebsgelände Abwärme ins Fernwärmenetz der Stadtwerke Georgsmarienhütte eingespeist und so das Krankenhaus, Schulen oder das Schwimmbad mit Fernwärme versorgt. Warum machen Sie das nicht mehr?

Das Vertragsverhältnis ist im gegenseitigen Einverständnis schon vor Jahren aufgelöst worden. Details dazu erfragen Sie bitte bei den Stadtwerken. Wir sind weiterhin im Gespräch und prüfen weitere Kooperationen.

Warum wandeln Sie die überschüssige Abwärme nicht in Strom um, den Sie hier am Standort in so hohem Maße verbrauchen?

Die Umwandlung von Wärme in Strom wäre zwar grundsätzlich technisch möglich, die Technologie dafür aber sehr aufwändig. Ein weiteres Problem ist, dass wir nicht immer gleichmäßig produzieren. Der Prozess mit unserem Elektrolichtbogenofen funktioniert so, dass man den Ofen befüllt, den ersten Korb Schrott im Ofen herunterschmelzt. Dann hält der Ofen an, weil wir einen zweiten Korb befüllen. In dem Moment erzeugen wir kein Abgas und damit keine Wärme. Das heißt, dass wir in dem Moment auch keinen Strom erzeugen könnten.

Könnten Sie die Abwärme denn nicht für diesen Zeitraum speichern?

Man kann schon speichern, aber nur in begrenzten Mengen und für einen Zeitraum von etwa einer halben Stunde. Wir haben aber aufgrund der normalen Produktionsplanung auch Tage, an denen wir überhaupt nicht produzieren. Allerdings erzeugt unser Ofen nur Abwärme, wenn er eingeschaltet ist. Wir haben ein dementsprechend reduziertes Abwärmepotenzial und könnten die Stromerzeugung folglich auch nur in diesem Rahmen betreiben. Die von uns erzeugbare Strommenge kann aus prozesstechnischen und physikalischen Gründen nur einen Bruchteil der eingesetzten Energiemenge betragen und könnte daher lediglich einen geringen Teil des benötigten Allgemeinstromes ersetzen.

Sie bekommen Ihren Strom günstiger, weil Sie soviel abnehmen. Lohnt es sich wirtschaftlich überhaupt, die Strommenge zu reduzieren?

Ja, denn es ist wie bei Ihnen zuhause: Die beste Kilowattstunde ist die, die wir nicht benötigen. Diese braucht nicht erzeugt, nicht übertragen und somit auch nicht bezahlt werden. Insgesamt ist uns wirtschaftlich natürlich daran gelegen, Energie zu sparen. Gerade deshalb betreiben wir so intensiv unser Energiemanagement unter dem Motto: Bedarfe reduzieren – Effizienz steigern.

Was machen Sie mit der hier produzierten Abwärme?

Alles, was wir hier an Wärme brauchen, erzeugen wir auch selbst: Ob wir Dampf für unseren Prozess brauchen oder ob wir Wasser vorwärmen, das wir dem Prozess zuführen, überall dort, wo Wärme notwendig ist, wird sie soweit möglich von unserer Abwärme gespeist. Auch die Beheizung unserer Verwaltungsgebäude und Büros läuft über das Abwärmesystem. Wir haben aber erhebliche Abwärmepotenziale übrig, die heute ungenutzt bleiben.

Was heißt das konkret?

25 Prozent der Abwärme können wir im Unternehmen nutzen, 75 Prozent bleiben dementsprechend ungenutzt.

Wie könnten Sie dieses Abwärmepotenzial noch besser ausschöpfen?

Wir haben viele Ideen dafür. Eine wäre etwa ein Latent-Wärmespeicher. Das ist Pökelsalz in Containerform. Der ließe sich mit einem LKW bewegen und so hier aufladen und woanders entladen. Dazu hatten wir Gespräche mit Unternehmen und Institutionen in Stadt und Landkreis Osnabrück wie beispielsweise dem Zoo. Leider lässt sich das wirtschaftlich nicht darstellen. Sie brauchen einen Fuhrpark, Infrastruktur und so weiter.

Lässt sich die überschüssige Abwärme nicht direkt in Ihrer Nähe nutzen?

Deshalb wäre der Zoo eine Idee gewesen, weil er sich wenige Kilometer entfernt nur kurz hinterm Berg befindet. Auch diese Entfernung ist wirtschaftlich nicht darstellbar. Darüber hinaus ist der Zoo über ein Blockheizkraftwerk und eine Hackschnitzelheizung eigenversorgt. Der Transport in andere Bereiche Osnabrücks wäre eine weitere Option gewesen, aber der Weg ist leider zu weit.

Welche weiteren Optionen gäbe es, Ihre Abwärme einzusetzen?

Eine weitere Möglichkeit wäre, die Energiesenken - also diejenigen, die Energie brauchen - dahin zu bringen, wo die Quellen sind. Das ist die Grundidee einer Studie des Landkreises gewesen. Man hat sich angeschaut, wo um Georgsmarienhütte die Firmen sind, die viel Wärme brauchen. Hätten wir solche Unternehmen hier nebenan, dann könnten die von uns hier viel Wärme bekommen und müssten sie nicht selber produzieren. Wir hatten auch über eine Leitung zum Deutschen Milch Kontor (DMK) auf dem Harderberg nachgedacht. Die brauchen Dampf, aber eine Rohrleitung von hier bis dahin dürfte aus heutiger Sicht an den bürokratischen Hürden scheitern. Wegen des aufwendigen Prozesses und der notwendigen Genehmigungen für ein etwaiges Planfeststellungsverfahren hat sich an das Thema noch keiner so richtig herangetraut.

Das hieße aber, dass eine entsprechende Rohrleitung mit ihrer Abwärme zu DMK wirtschaftlich darstellbar wäre, wenn man die bürokratischen Hürden nehmen würde?

Eventuell. Wir haben das aber noch nicht durchgerechnet, weil wir selbst kein Rohrleitungsbauer außerhalb unseres Werksgeländes sind. Nächstes Problem wäre aber, dass DMK mit dem benötigten Dampf ins Produkt geht. Dafür können die unseren Dampf ggf. gar nicht nehmen. Unser Dampf hat eine ganz andere Konsistenz. Man müsste prüfen, mit welcher Technik unser Dampf umgewandelt und dort genutzt werden könnte. Wenn ein neues Gewerbegebiet im Bereich Harderberg kreiert wird, dann sollte darüber nachgedacht werden, unsere Abwärme dort zu nutzen.

Welche Technologien wollen Sie künftig einsetzen, um noch mehr Abwärme intern nutzen zu können?

Das sogenannte „Kühlschrank-Prinzip“ planen wir in Pilotanlagen ab 2015 zu nutzen, um aus Hitze Kälte zu machen und so die Technik wie etwa in den klimatisierten Schalträumen zu kühlen. Das könnte dazu führen, dass wir weitere fünf bis 15 Prozent unserer produzierten Abwärme intern nutzen können.


Das Projekt Regionales Wärmekataster Industrie (ReWin) ist ein mit europäischen Mitteln finanziertes Projekt der Hochschule Osnabrück in Kooperation mit dem Landkreis und dem Kompetenzzentrum Energie. 2014 wurde ein Strukturkonzept für eine Datenbank-basierte Abwärme-Landkarte aufgestellt. Basierend auf Branchenenergiedaten vom Landesamt für Statistik und der GMHütte erstellte Christian Waldhoff für die Hochschule Osnabrück eine Abschätzung des Abwärmepotenzials der Branchen im Landkreis. Ende 2014 startete ein Folgeprojekt, um eine Abwärme-Landkarte im Landkreis mit unternehmensgenauen Daten zu entwerfen. Bis 2016 soll das Abwärmekataster als Planungshilfe für Wärmekooperationsprojekte umgesetzt werden. Die Studie ist auf der Website des Kompetenzzentrums Energie zu finden: www.kompetenzzentrum-energie.de/47.html

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