1300 Quadratmeter prall gefüllte Theaterwelt Das Emma-Theater: Kühle Schönheit mit Tiefgang


Osnabrück. Das Emma-Theater ist eine geheimnisvolle Schönheit. Über drei hohe Treppen muss man sich an sie heranarbeiten, und selbst dann zeigt sie nur die Schulter: ein kleines Foyer und einen Zuschauerraum mit 99 Sitzplätzen. Doch das charaktervolle Antlitz schöpft aus einer Tiefe,ohne die das Emma nicht das Emma sein könnte.

Von Ralf Döring (Text) und Michael Gründel (Fotos)

Eine Sache vermisst Reinhard Habeck, seit er nicht mehr im Großen Haus arbeitet: „Den Moment, wo man den Darstellern den Vorhang für den Schlussapplaus aufhält. Das gibt es hier natürlich nicht.“ Hier, das ist das Emma-Theater, die zweite Spielstätte des Theaters Osnabrück. Oder sagen wir lieber: die Studiobühne. Oder: das Experimentierfeld. Denn „zweite“ Spielstätte klingt so hierarchisch. Als würde es nicht für den ersten Platz reichen. Oder „Kleines Haus“: Das Emma möchte ja gar nicht das „Große“ werden.

Natürlich ist im Emma alles kleiner als im Theater am Domhof: das Team, die Bühne, die Räumlichkeiten. Doch genau das macht die besondere Qualität aus. „Man ist näher am Publikum“, sagt Anja S. Gläser. Sie probt gerade eine Etage unter dem Emma-Theater für „Wir alle für immer zusammen...“, eine Produktion des Kinder- und Jugendtheaters Oskar. „Man arbeitet performativer“, sagt ihre Kollegin Rébecca Marie Mehne. Und Dramaturgin Marie Senf ergänzt, die Produktionen im Emma seien „handgemachter, dreckiger“. Und: „Man kann unglaublich viel machen, spontaner reagieren. Wir sind hier sehr beweglich.“ Denn die Wege sind kürzer als drüben im Haupthaus. Und dann fällt das Wort: „Familiär“ geht es hier zu. Es herrscht ein „anderer Zusammenhalt zwischen Kunst und Technik“.

Trotzdem entsteht Kunst nicht bedingungslos. Wie im Theater am Domhof eröffnet sich dem Zuschauer nur ein kleiner Teil des Theaters: Foyer mit Theke, Garderoben und Toiletten. Der Zuschauerraum mit seinen 99 braunen Holzstühlen. Und hier spielt das Emma einen seiner Vorzüge aus: Mal sitzen die Zuschauer ganz klassisch an der Rückwand, mal sitzt das Publikum an der Längswand, mal wird es Teil des Bühnenbildes. Außerdem sind im Emma 17 Meter maximale Bühnenbreite möglich – mehr als im Theater am Domhof. Und doch ist das nur ein kleiner Teil des Ganzen.

Zwei Stockwerke, insgesamt 1300 Quadratmeter, belegt das Emma im vorderen Flügel der Altstädter Schule, dem früheren „EMA“-Gymnasium. Diese Vergangenheit weht noch durch die Gänge: Wenn es, wie jetzt am frühen Nachmittag, mal für ein paar Momente relativ ruhig ist, würde es einen nicht verwundern, wenn die Zimmertüren aufgingen, um tobende Schüler nach Ablativ und Punischen Kriegen in den Nachmittag zu entlassen. So gesehen sind die zwei Schulranzen als Überbleibsel der Oskar-Probe eine lustige Pointe.

Geblieben ist von der Pennälervergangenheit das Raummaß von neun mal sechs Metern für die Klassenzimmer. Hier probt das Oskar-Team für die nächste Premiere. Gegenüber befinden sich die Garderoben für Männer und Frauen und die „Maske“, in der Maskenbildnerin Bärbel Albrecht die Darstellerinnen und Darsteller für die jeweilige Aufführung zurechtmacht. Jetzt näht sie gerade an einem Pony, den sie anschließend in eine Langhaar-Perücke einnäht. „Die Perücke ist so schön und wertvoll“, sagt sie, deshalb wird sie pfleglich behandelt und so schonend wie möglich verwendet. Das Theater muss sparsam mit seinen Ressourcen umgehen.

Oben, auf der Hauptbühne ist soeben die Probe von „Sammy und die Nacht“ zu Ende gegangen. Noch ergießt sich die Kulisse förmlich wellenförmig vom hinteren Bühnenrand Richtung Stuhlreihen. Aber Thomas Heuer ist bereits mit dem Akkuschrauber zugange; die Probenkulisse muss ab- und die für die Abendvorstellung aufgebaut werden: „27 Monate“, das zweitplatzierte Stück des Dramatikerpreises, steht abends auf dem Spielplan. Eine Produktion übrigens, die fast immer ausverkauft ist. Auch das Publikum liebt sein Emma.

Aus der Vielfalt erklärt sich ein gewisser Platzbedarf: Ein derart dichter Spielbetrieb wird nur möglich, wenn Kulissen und Kostüme im Haus gelagert werden können. „Wir spielen fast jeden Abend“, sagt Schauspieldramaturgin Maria Schneider. Und vormittags gehört das Emma dem Nachwuchs: Dann kommen Schulklassen ins Haus, um jenes Theater zu sehen, für das vor Jahren eine eigene Sparte ins Leben gerufen worden ist – eben Oskar, das Kinder- und Jugendtheater, das ohne das Emma undenkbar wäre.

Stehen Schulvorstellungen auf dem Plan, bereiten Habeck und sein Team ab sieben Uhr die Bühne vor. Für Proben auf der Hauptbühne müssen die Techniker nicht ganz so früh aufstehen. Aber auch dann steht die Bühne, hat Lichttechniker Ludger Wamhoff seine Scheinwerfer justiert. Auch er arbeitet gerne im Emma: Er kann hier „selbstständig arbeiten“, sagt er, und es sei hier „so schön familiär“.

Das rührt auch vom improvisierten Charakter des ganzen Ensembles. „Jede Schneetasche, die hier hängt, ist ein Provisorium“, sagt Habeck. Kulissen können nicht einfach in den Bühnenhimmel gezogen werden, weil der Schnürboden fehlt. Stattdessen ist Muskelkraft gefragt. Und trotzdem ist das Emmma-Team engagiert dabei. „Wir haben hier einen sehr, sehr niedrigen Krankenstand“, sagt Habeck. Stattdessen legt jeder ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit an den Tag – und in die Nacht. Denn Feierabend ist erst nach der Vorstellung.


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