„Ja, so kommen wir doch hin“ Musik und Industrie: Konzert der Jungen Philharmonie Osnabrück

Von Ralf Döring

Präzise wie ein Metronom: Sophia Helming gibt der Jungen Philharmonie Osnabrück als Perkussionistin metrische Orientierung. Foto: Klaus LindemannPräzise wie ein Metronom: Sophia Helming gibt der Jungen Philharmonie Osnabrück als Perkussionistin metrische Orientierung. Foto: Klaus Lindemann

Osnabrück. Die Junge Philharmonie Osnabrück erarbeitet ihr zweites Programm. Die Stücke, die Wahl der Konzertorte und ein paar Details zeigen: Das Orchester unter der Leitung von Christopher Wasmuth geht ungewöhnliche Wege.

Beethoven als früher musikalischer Bote der Industrialisierung? Auf die Idee muss man erst mal kommen. Aber Christopher Wasmuth hat ein paar schlagende Argumente. „Natürlich fragen auch die Musiker danach“, sagt er und verweist auf die Partitur, auf markante Rhythmen, auf „repetitive“, motorische Strukturen. „Das hat viel von einem Perpetuum Mobile“, sagt Wasmuth.

So schlägt er den Bogen zu anderen Programmpositionen, mit denen die Junge Philharmonie Osnabrück (jpo) nun in der Industriehalle Necumer in Bohmte, im Kongress-Saal der Osnabrück-Halle und in einer Industriehalle von Welzel Anlagen in Bramsche gastiert.

Schon die Auswahl der Orte zeigt: Wasmuth will weg von Ritualen des Konzertbetriebs, die ein unerfahrenes Publikum abschrecken könnten. Der Kongress-Saal ist dabei ein Kompromiss, der dem Umstand geschuldet ist, dass in der Stadt kein geeignetes Industrieobjekt als Konzertort aufzutreiben war. Aber auch hier wird das Publikum zunächst von einer Klanginstallation des Bremer Künstlers Heiko Wommelsdorf empfangen. „12-Ton Lüftungsschächte“ heißt sie, und Wommelsdorf hat dafür Fotos von Lüftungsschächten mit Sinustönen kombiniert.

Im Konzert selbst erwarten die Zuhörer dann neben Beethoven und Maurice Ravels Bolero zwei Klassiker der Moderne, die der Welt der Industrie förmlich entsprungen sind: Arthur Honeggers Hommage an die gleichnamige Dampflok „Pacific 231“ aus dem Jahr 1924 und „A Short Ride in a Fast Machine“ des amerikanischen Minimalisten John Adams aus dem Jahr 1986.

Fünf Minuten dauert dieses Stück. „Kurz, aber schmerzhaft“, sagt Wasmuth und geht zu seinem Dirigentenpult. Er gibt den Einsatz; die 17-jährige Sophia hat die schwierige Aufgabe, mit präzisen Schlägen auf den Holzblock metrische Orientierung zu geben. Präzise wie ein Metronom schlägt sie Viertel um Viertel: tock, tock, tock, tock. Flöten, Oboen, Klarinetten spielen flirrende Motive, Hörner, Trompeten, Posaunen setzen markante Synkopen dagegen. Und notorisch schlägt Sophia ihre Viertelnoten. Schwierig? Schon. „Wenn die anderen im Tempo schwanken, weiß ich nicht, ob ich mitgehen soll oder mein Tempo halten soll“, sagt sie. Zu hören ist die Unsicherheit nicht.

Orientierung gibt Christopher Wasmuth. Er hebt die Hände auf Augenhöhe, schlägt den Takt mit kleinen, präzisen Gesten. Auf den ersten Durchlauf folgt die Arbeit an den Details, dann spielt das Orchester das Stück zum zweiten Mal komplett durch. „Ja, so kommen wir doch hin“, sagt er danach sehr zu Recht. Die rund fünfzig Musikerinnen und Musiker spielen auf hohem Niveau.

Eine besondere Anforderung stellt schließlich Honeggers „Pacific 231“. Zu diesem Stück haben die Rapper der Gruppe „Snappbaxx“ vom Jugendzentrum Altes Stahlwerk in Melle ein Video gedreht, und zwar „im MTV-Stil“, sagt Nadja Hekal, die Vorsitzende der jpo. Das Orchester nimmt dabei eine dienende Funktion ein: „Wir begleiten den Film“, sagt Hekal. Das heißt: Das Video gibt das Timing vor. Eine spannende Sache für das Orchester, die jungen Videokünstler –und sicher auch für das Publikum.


Junge Philharmonie Osnabrück: 11.1., 17 Uhr, in der Industriehalle Necumer, Bohmte. 12.1., 20 Uhr: Kongress-Saal der Osnabrück-Halle. 13.1., 20 Uhr: Industriehalle Welzel Anlagen, Bramsche.