Früher Krankenhaus, jetzt VHS 150 Jahre Stüvehaus in Osnabrück

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Alt und ehrwürdig thront das Stüvehaus am Hang des Westerberges gegenüber vom Heger Tor. Vor 150 Jahren begann seine Geschichte mit einer Innovation, für die selbst Angehörige gehobener Stände eine genaue Anleitung benötigten.

Der Vorgänger des Gebäudes stand Anfang des 19. Jahrhunderts in der Großen Gildewart. 1811 richtete die Stadtverwaltung dort ein Krankenhaus ein. So wird es in einem Buch beschrieben, das das Klinikum zu seinem 200-jährigen Bestehen herausgegeben hat („Hauptsache Gesundheit“). Dieses städtische Krankenhaus stieß schnell an seine Grenzen.

Als 1859 die Cholera in der Stadt wütete, starb ein Prozent der Bevölkerung innerhalb von drei Monaten. Der damalige Polizeidirektor schrieb in einem Bericht: „Das Krankenhaus hat leider keine günstige Lage. Es liegt tief und ist dem nöthigen Luftzuge verschlossen.“ Die Stadt plante, vor dem Heger Tor, am südöstlichen Abhang des Westerbergs, ein neues Gebäude zu bauen.

Stadtbaumeister Wilhelm Richard legte mehrfach Entwürfe vor, die sich an den Finanzen der Stadt orientieren mussten. Die war schon damals klamm. „In letzter Minute“, so heißt es im Buch des Klinikums, strich Bürgermeister Johann Carl Bertram Stüve seinem Stadtbaumeister noch ein zierendes Uhrentürmchen aus den Entwürfen. Trotzdem wurde das Haus nach dem Zweiten Weltkrieg nach Stüve benannt. Ein Grund für die Finanzierungsprobleme bestand darin, dass sich die Landdrostei Osnabrück aus dem Projekt zurückzog. Deren Verwaltungsbezirk erstreckte sich bis nach Papenburg und in die Grafschaft Bentheim. Die Hälfte der Baukosten – 53168 Taler – spendeten schließlich die Osnabrücker Bürger. Im Dezember 1864 war das Gebäude fertig. Anfang 1965 wurde das neue Krankenhaus an der Lotter Straße 131 bezogen, gebaut aus Sandsteinen vom Westerberg.

Repräsentativer Bau

Das dreigeschossige Gebäude, in dem sich heute die Volkshochschule befindet, zitiert die Neo-Romanik, etwa mit seinem hervorgehobenen Mittelteil und den teils gekuppelten Rundbogenfenstern. Als repräsentativer öffentlicher Bau wurde es in der Tradition des damals herrschenden „hannoverschen Stils“ gebaut. Über dem Eingang prangte der Spruch „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. Besonders fortschrittlich: Im Gebäude gab es hochmoderne Wasserklosetts, deren Gebrauch auch gehobenen Ständen erst erklärt werden musste. So etwas hatten die wenigsten in ihren privaten Häusern.

Allerdings war – wie das Gebäude an der Großen Gildewart – auch der Neubau schnell ausgelastet. Verzögert durch den Ersten Weltkrieg, nahm die Stadtverwaltung schließlich einen weiteren Bau in Angriff. Das neue Hochhaus wurde im Frühjahr 1931 fertiggestellt und beherbergt heute das Stadthaus 1.

Zerstörung im Krieg

Im Zweiten Weltkrieg blieb das Krankenhaus nicht von den Bomben verschont. Das Relief über dem Eingang („Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“) wurde zerstört. Gleiches gilt für ein Glasfenster im ersten Stock, das die Auferstehung Christi zeigte.

Und die Ideologie der Nationalsozialisten setzte sich auch hier durch: In einer Festschrift zum 75-jährigen Bestehen der Volkshochschule heißt es, dass in dem Gebäude Zwangssterilisationen durchgeführt wurden. Bei einem schweren Luftangriff im September 1944 wurde das Haupthaus so stark zerstört, dass auch die Schwesternwohnungen nicht mehr bewohnbar waren. Die Sanierung dauerte Jahre. Nachdem das Gebäude zwischenzeitlich für die Altstädter Schule genutzt worden war, zog 1964 schließlich die Osnabrücker Volkshochschule ein.

Anfang der Neunzigerjahre stand die Idee im Raum, ein neues Gebäude für die VHS zu bauen. In einem Zeitungsartikel von 1991 heißt es, dass zwei Jahre zuvor weniger als ein Drittel „aller Unterrichtseinheiten“ im Stüvehaus stattfanden. Die Verwaltung konnte sogar schon den möglichen Verkaufswert des Hauses samt Grundstück angeben: Etwa 3,5 Millionen DM hätte die Stadt einnehmen können. Als Alternative für das Gebäude war ein kulturelles Zentrum an der Alten Münze im Gespräch.

Ein Jahr später entschied sich die Stadt dagegen. Stattdessen beschloss der Rat, 7 Millionen Mark in das Stüvehaus zu investieren. Das neoromanische Gebäude wurde mit Glas- und Stahlbauelementen erweitert, heller und behindertengerecht umgebaut. Über 1000 Quadratmeter gewann die VHS nach den dreijährigen Bauarbeiten dazu.

Gleichzeitig zogen die Schule für medizinisch-technische Assistenten und die Brücke der Nationen aus. Auch der Hausmeister musste seine Wohnung unter dem Dach räumen. Dafür zog das brasilianische Restaurant Planeta Sol ins Erdgeschoss. Nach dem Umbau mussten die VHSler mit einem Rückschlag fertig werden: Nur etwa ein halbes Jahr nach der Fertigstellung brach ein Rohr im Dachgeschoss. Das Wasser lief durch das gesamte Gebäude, Parkettböden schwemmten auf. Die Handwerker mussten erneut ran.

Mittlerweile finde etwa die Hälfte der VHS-Veranstaltungen immer noch nicht im Gebäude gegenüber vom Heger Tor statt, sagt VHS-Geschäftsführer Carl-Heinrich Bösling. Kursräume gibt es zum Beispiel in der Käthe-Kollwitz-Schule, der Möser-Realschule und im Haus der Jugend. Den Begriff „Stüvehaus“ sieht Bösling derweil als nicht mehr zeitgemäß an. Bei dem Gebäude handele es sich um das „VHS-Gebäude“. Viele Besucher würden den alten Namen gar nicht mehr kennen. Letzte Anekdote: Während die Wasserklosetts 150 Jahre zuvor zum Modernsten gehören, was in Sachen Badausstattung am Markt zu haben war, wollten heutige Architekten diese Tradition mit dem Umbau offenbar fortsetzen. Die Toilettenspülung im neuen VHS-Gebäude sollte laut Plan mit Regenwasser laufen, das auf dem Dach eingefangen wird. Allerdings wurde – und auch hier ist die Entwicklung konsequent – diese Idee bis zum Baubeginn wieder verworfen. Der Stadt fehlte das nötige Geld.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN