Die kleine Kneipe… Zu Gast in der Osnabrücker Bahnhofskneipe „Abgefahren“


Osnabrück. Wer die Kneipe „Abgefahren“ betritt, kommt erst mal aus dem Staunen nicht heraus. Das Auge weiß gar nicht, wohin es zuerst gucken soll, so sehr ist der Raum mit Hinguckern gefüllt. Vor allem die vielen Fußball-Fanschals, die unter der Decke hängen, fesseln den Blick. „Abgefahren“, mag der eine oder andere umgangssprachlich denken. Doch das ist nicht der Grund, warum die Kneipe im Osnabrücker Hauptbahnhof diesen Namen trägt.

„Bahnhofskneipe ist gleich Pennerkneipe. Dieses Image kriegt man nicht weg“, sagt Stephan Seling müde lächelnd. „Dabei kann man nirgendwo ruhiger sein Bier trinken als hier“, fügt er an. Das gilt vor allem am Wochenende, wenn die Polizei am Bahnhof präsent ist. Dann sind viele Fußballfans unterwegs. Am Osnabrücker Bahnhof müssen die Anhänger der Vereine häufig umsteigen, wenn sie zu Auswärtsfahrten unterwegs oder beim VfL zu Gast sind. Der ein oder andere durstige Fan kommt dann ins „Abgefahren“, um dort in aller Ruhe ein Bier zu trinken. Dass alle Fußballfans Hooligans sind, ist übrigens genauso ein Klischee wie das von den Bahnhofskneipen, die Pennerkneipen sein sollen.

Alle 193 Schals, die unter der Ecke in Selings Kneipe hängen, sind Geschenke von Fans – bis auf einen. Ein blau-weißer Schal mit den Farben von Arminia Bielefeld gehört dem Wirt. „Das war der erste“, sagt Stephan Seling und outet sich als Fan des ostwestfälischen Clubs. Dass er damit in Erzrivalität mit dem VfL Osnabrück steht, damit hat der gebürtige Bramscher kein Problem. Mit seinem Vater sei er vor etlichen Jahren auf die Alm gegangen, wie das Bielefelder Stadion genannt wird. „Da bin ich Fan geworden.“ Am 31. Januar steigt in Osnabrück das Derby. Darauf freut er sich schon. „Dann stehen in meiner Kneipe Arminia- und VfL-Fans nebeneinander.“

Für Fußball-Anhänger fast aller Vereine im bezahlten Profi-Sport hat Stephan Seling übrigens einen ganz speziellen Service: Auf seinem Laptop sind die Hymnen aller deutschen Vereine gespeichert. „Wenn ein Dortmund- oder ein Schalke-Fan die Kneipe betritt, bekommt er auch seine Hymne.“

Ein Fan, der gerade besonders leiden muss, ist Heinz Retzlaff. Der 69-Jährige pendelt zwischen Hagen in Westfalen, Hamburg und Spanien hin und her. An diesen Orten lebt der braun gebrannte Pensionär. „Ich habe Sympathien für den HSV, mein Herz schlägt aber für den FC St. Pauli“, erzählt er. Dass beide Vereine derzeit im unteren Viertel der jeweiligen Tabelle rangieren, sieht er gelassen.

Ins „Abgefahren“ geht Retzlaff immer, wenn er auf seinen Zug warten muss. Dann trinkt er ein alkoholfreies Weizenbier. „Man trifft hier nette Leute, der Wirt ist freundlich, und man kann mit ihm gut frotzeln“, sagt er noch schnell. Dann muss er los. Retzlaff will seinen Zug nicht verpassen. Dem Weltenbummler geht es da anders als anderen Gästen. „Es kommt oft vor, dass die Leute hier knobeln und die Zeit vergessen“, berichtet Seling. Dann schauen sie auf die Uhr und merken: Ihr Zug ist abgefahren. „Daher hat die Kneipe ihren Namen.“

Dass Retzlaff Stephan Seling lobt, ist keine Schmeichelei. In seinem Geschäft müsse Freundlichkeit oberstes Gebot sein, meint der 47-Jährige. Er hat dieses Gebot auf natürliche Weise verinnerlicht. Der Witwer und alleinerziehende Vater von zwei Töchtern hat die Gabe, die Leute zu nehmen, wie sie sind. Er behandelt Münster- und Osnabrück-Fans gleich, er hat ein freundliches Wort für den unrasierten Mann am Spielautomaten und schickt der älteren Dame am Ende des Tresens ein ironisches, aber nett gemeintes Bonmot über den Tresen. Und wenn seine Töchter Jasmina (25) und Jessica (24) in der Kneipe „Papa“ zu ihm sagen, dann ist das nicht der alleinige Grund, warum in der Bahnhofskneipe eine familiäre Atmosphäre herrscht.

Es sind nicht nur Durchreisende, die im „Familienbetrieb“ von Stephan Seling einkehren. Es kommen auch einheimische Stammgäste ins „Abgefahren“. So wie der 67-jährige Otto Knoblauch. Wenn er in der Stadt ist und „es passt“, fährt er mit seinem Fahrrad auf ein Bierchen zum Bahnhof. „Es kommt oft zu einem Gespräch“, gibt er als Grund für sein Kommen an, auch wenn er zum Thema Nummer eins in dieser Kneipe, dem Fußball, nichts beitragen kann. Das Publikum sei angenehm und der Bahnhof ein Treffpunkt für alle möglichen Leute, sagt der ehemalige Sonderschullehrer und Heilpädagoge.

Otto Knoblauch sitzt – wenn der Platz frei ist – immer an derselben Stelle, direkt am Brett, mit Blick auf die Eingangstür. „So habe ich alles im Blick.“ Am anderen Ende der Kneipe ist der Stammplatz von Irene Kiesewalter. Genau genommen hat sie zwei Stammplätze: an der Theke und am Spielautomaten. Die 73-Jährige kommt seit fünf Jahren jeden Freitag ins „Abgefahren“ und trinkt ihre Fanta. Ab und zu wird sie von ihrer Schwiegertochter Sandra Hüllemeyer (43) begleitet. Früher kam Irene Kiesewalter mit ihrem Mann. Aber der ist im Januar gestorben. „Der war so krank...“, sagt sie, um dann abzubrechen.

Irene Kiesewalter geht seit vielen Jahren in Osnabrücker Kneipen. „Man muss mal raus, unter die Leute“, sagt die rüstige Rentnerin. „Früher hast du ja immer die Lohntüte aus der Kneipe geholt“, erzählt Stephan Seling lachend. Die 73-Jährige wiegelt ab, macht eine wegwerfende Handbewegung und lacht mit. In der Johannisstube seien sie und ihr Mann 28 Jahre lang im Sparclub gewesen, sagt die ältere Frau. „Aber dann hat der Besitzer die Pacht erhöht...“ Sie zuckt die Achseln. Das war das Aus für die Johannisstube.

Ein älterer, zurückhaltend wirkender Herr mit grauem Haar bringt sich mit leiser Stimme in das Gespräch ein. „Soll ich mal was über Irene erzählen?“, sagt er mit britischem Akzent. Der Mann, der sich als John Lindie vorstellt, sagt mit ernster Miene: „Irene hat ein Zauber-Portemonnaie.“ Oft stehe sie neben ihm am Spielautomaten, wirft Kleingeld in den Münzeinwurf, während er sein Quantum schon verbraucht habe. Ihr Reservoir scheint unerschöpflich zu sein, berichtet Lindie ungläubig. „Ich gewinne ja auch“, ruft die 73-Jährige dazwischen und ergänzt: „Aber den Trick verrate ich nicht.“ Sie stopfe zwar gerne Kleingeld in den Spielautomaten, aber sie versichert: „Ich weiß, wann ich aufhören muss.“


0 Kommentare