Sprachförderschulen schließen Osnabrück: Lüstringer Bergschule steht vor dem Aus



Osnabrück. Die Lüstringer Bergschule in Osnabrück wird ab Sommer 2015 auslaufen. Das sieht der Entwurf für das neue Landesschulgesetz vor. Nach Auslaufen der einzigen Sprachförderschule in Osnabrück wird es keine Alternativangebote für Sprachförderschüler geben, wenn die Stadt keine Grundschule mit dem Profil Sprache aufbaut.

Der Elternvertreter im Schulvorstand der Lüstringer Bergschule, Jens Schomäker, ist empört: „Es ist fatal, wenn es bald keine Alternativangebote für Förderschüler im Bereich Sprache in der Stadt Osnabrück gibt.“ Es bestehe die große Gefahr, dass Kinder mit Förderbedarf Sprache dem Unterricht nicht mehr folgen können, in den sozial-emotionalen Förderbedarf abrutschen und dadurch den Unterricht stören. Das Dramatische sei: „Jedes Kind mit Förderbedarf hat an einer Regelschule Anspruch auf 90 Minuten Förderung pro Woche durch einen Förderschullehrer. Das reicht bei weitem nicht aus.“ Zum Vergleich: An der Lüstringer Bergschule hätten die Schüler jetzt ein bis zwei Förderschullehrer pro Klasse. „Das ist ein gewaltiger Unterschied.“ Zudem würden an der Förderschule nur 14 Schüler in einer Klasse unterrichtet, in Regelschulen seien die Klassen teilweise fast doppelt so groß. Als weiteres Manko sieht er, dass die Regelschulen nicht für Kinder im Förderbedarf Sprache ausgestattet sind und die benötigten audiovisuellen Systeme fehlten. Schomäker sagt konsterniert: „Ich bin auch für Inklusion, aber wir machen den zweiten und dritten Schritt vor dem ersten. Erst einmal müssen wir die Lehrer ausbilden.“

Landesschulbehörde bestätigt: Lüstringer Bergschule läuft ab Sommer 2015 aus

Der Schulleiter der Lüstringer Bergschule, Martin Schybeck, will sich nicht äußern und verweist an die Landesschulbehörde. Die Behördensprecherin Susanne Strätz bestätigte auf Anfrage unserer Redaktion, dass die Lüstringer Bergschule nach dem aktuellen Gesetzentwurf ab dem kommenden Sommer jahrgangsweise auslaufen wird. Sie betont aber, dass „es nicht ausgeschlossen ist, dass sich Grundschulen aus Osnabrück auf den Weg machen zu einer Profilgrundschule Sprache“. Insbesondere an Grundschulen, an denen derzeit sogenannte Sprachheilklassen geführt werden, könne ein Profil Sprachförderung ausgebildet werden. Bislang gibt es solche Klassen in der Stadt Osnabrück im Gegensatz zum Landkreis aber noch nicht.

CDU-Landtagsabgeordneter Jasper: „Lüstringer Bergschule ist gerade im Sinne der Inklusion“

Der Osnabrücker CDU-Landtagsabgeordnete Burkhard Jasper kritisiert den Gesetzentwurf gerade aufgrund der lokalen Auswirkungen: „Wir brauchen solche Förderschulen. Es ist gerade im Sinne der Inklusion, in solchen Förderschulen bereits in der Grundschule Defizite abzubauen, um später eine Regelschule besuchen zu können.“ Bei einem Besuch der Lüstringer Bergschule in diesem Jahr habe er sich von der hervorragenden Arbeit selbst überzeugt. „Weil sie einen problemlosen Übergang in die Regelschule ermöglicht, sollte dieses Angebot erhalten und nicht durch ein anderes ersetzt werden“, betont er. Jasper bedauert sehr, dass die rot-grüne Landesregierung sich trotz der entsprechenden CDU-Anträge gar nicht bewege.

SPD will Sprachheilklassen einführen und fordert Fusion mit Waldschule Lüstringen

Der Osnabrücker SPD-Landtagsabgeordnete Frank Henning interpretiert den Gesetzentwurf hingegen anders: „Förderschulen mit dem Schwerpunkt Sprache - wie die Lüstringer Bergschule - wird mit der Schulgesetznovelle die Möglichkeit gegeben, sich in eine inklusive Grundschule umzuwandeln und Kinder mit Förderbedarf im Bereich Sprache in speziellen Sprachheilklassen zu unterrichten.“ Er halte auch die damit verbundene Option, die Lüstringer Bergschule als Förderschule Sprache mit der Waldschule Lüstringen zu einem gemeinsamen Förderzentrum zusammenzulegen, für sehr überlegenswert. Er prognostiziert: „Würden sich die Lüstringer Bergschule und die Waldschule Lüstringen zu einem Förderzentrum mit angeschlossenen Sprachheilklassen für Kinder mit dem Förderbedarf Sprache zusammenschließen, wären die Chancen auf eine Mensa gut und die so zusammengelegten Schulen könnten als Ganztagsschulen ausgestattet werden.“ Darüber werde mit den Eltern und den betroffenen Schulleitungen im nächsten Jahr zu reden sein.

Schulträger der Lüstringer Bergschule ist die Stadt Osnabrück. Der Pressesprecher der Stadt, Sven Jürgensen, will zu der Entwicklung noch keine Stellung beziehen und verweist darauf, dass der Gesetzentwurf noch nicht beschlossen ist. Die Lüstringer Bergschule würde dem aktuellen Gesetzesentwurf zufolge ab 2015 keine Kinder mehr in die Klasse 1 aufnehmen, damit sie 2018 die letzten Viertklässler entlassen kann. Die endgültige Fassung des neuen Schulgesetzes wird voraussichtlich bis spätestens Juni 2015 vorliegen.

Sprachförderklassen in Melle, Bissendorf und Quakenbrück bleiben

Im Landkreis Osnabrück ist die Lage für die Sprachförderschüler entspannter. „Alle drei Grundschulen mit Sprachförderklassen in Melle, Bissendorf und Quakenbrück sowie die Grundschulen Hagen-Gellenbeck und eventuell auch in Hilter, die lange mit dem Schwerpunkt Sprache gearbeitet haben, werden dem Entwurf zufolge erhalten bleiben“, sagt der Vertreter der allgemeinbildenden Schulen im Landkreis-Bildungsausschuss, Andreas Viehoff. „Damit haben Förderschüler im Bereich Sprache im Landkreis weiterhin die Wahl zwischen einer Profilschule und einer wohnortnahen Regelschule“, konstatiert Viehoff, der auch Leiter der Georgsmarienhütter Comeniusschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen ist.

Georgsmarienhütter Förderschulleiter Viehoff kritisiert die Abschaffung der Förderschulen Lernen

Er kritisiert auch die Abschaffung der Förderschulen Lernen: „Beim Auslaufen der Förderschulen Lernen wird die regionale Vernetzungsarbeit kaum mehr möglich sein. Das ist sehr schade. So besteht die Gefahr, dass nicht mehr das Kind im Vordergrund steht, sondern die Probleme nur noch administrativ gesehen werden.“ Im Moment hingegen gebe es ein intensives Vernetzungssystem mit den Sozialeinrichtungen der Träger, Erziehungsberatungsstellen, der Agentur für Arbeit, und der Kinderpsychiatrie und vielen weiteren Institutionen. Die Abschaffung bereite auch „Bauchschmerzen, weil die Bindungsarbeit im großen System schwieriger wird“. Viele Kinder mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf benötigten eine ganz andere emotionale Unterstützung. Aus Angst vor mangelnder Unterstützung für ihre Kinder hätten Eltern im Landkreis bereits Petitionen zur Erhalt der Förderschulen im Kultusministerium eingereicht. „Viele Eltern wünschen sich, weiterhin die Wahl zwischen einer Regelschule und einer Förderschule zu haben.“

Reschi entstehen: Regionalstellen für schulische Inklusion

Erstmals ist im Entwurf für das neue Schulgesetz von 50 Regionalstellen für schulische Inklusion (Reschi) für ganz Niedersachsen die Rede. „Die Förderzentren, die an den Förderschulen angebunden sind, sollen aufgelöst werden und Reschi eingeführt werden“, erläutert Viehoff (mehr dazu unten).

Im Landkreis laufen die Förderschulen in Quakenbrück, Bramsche, Bohmte und Melle weiter

Landkreis-Sprecher Burkhard Riepenhoff geht davon aus, dass im Landkreis die Förderschulen in Quakenbrück, Bramsche, Bohmte und Melle weiterlaufen können, weil sie neben dem Förderschwerpunkt Lernen auch den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung anbieten. Nach dem Entwurf der Schulgesetznovelle ist geplant, die Förderschulen Lernen und Sprache auslaufen zu lassen, die übrigen Förderschulen jedoch nicht. Riepenhoff prognostiziert: „Somit werden die vier genannten Förderschulen grundsätzlich als Förderschulen mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung weiterlaufen.“

Ein Themen-Special zur Inklusion finden Sie hier : http://www.noz.de/inklusion


Aus Förderzentren werden Reschi:

Die Förderschulen fungieren bislang auch als sonderpädagogische Förderzentren. Nach dem Schulgesetzentwurf sollen 2015 anstelle der sonderpädagogischen Förderzentren die Regionalstellen für schulische Inklusion (Reschi) eingeführt werden. Die Förderschulen bleiben somit grundsätzlich bestehen, verlieren jedoch die Funktion als Förderzentrum. Bei den Reschi soll es sich um eine an die Landesschulbehörde angebundene überwiegend administrative Einrichtung handeln. Nach den Erläuterungen zum Schulgesetzentwurf sollen die Reschi vor allen Dingen sonderpädagogisches Fachpersonal verteilen, sonderpädagogische Überprüfungen sowie Fortbildungen erarbeiten. Die Reschi sollen zudem Schulen zur inklusiven Schulentwicklung und die Schulträger bezüglich ihres sonderpädagogischen Schulangebots beraten und Konzepte mit den Schulträgern erstellen. Voraussichtlich werden viele Leiter auslaufender Förderschulen in den Reschi arbeiten. Landkreis-Sprecher Burkhard Riepenhoff fordert: „Der Landkreis Osnabrück ist der Ansicht, dass es pro Landkreis mindestens eine Regionalstelle geben sollte.“ Für den Landkreis Osnabrück wünscht sich Riepenhoff „angelehnt an die Anzahl der derzeit bestehenden sieben sonderpädagogischen Förderzentren mehrere Regionalstellen“.

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