Weihnachtsstimmung auf dem Markt Erinnerungen an Osnabrück im Jahr 1960



Osnabrück. Für weihnachtliche Stimmung auf dem Markt sorgte 1960 eine einzelne mit Lichtern bestückte Tanne. Im Zusammenspiel mit den angestrahlten Treppengiebelhäusern gelang ihr das gar nicht so schlecht, auch wenn aus heutiger Sicht nur noch schwer nachzuvollziehen ist, dass „Osnabrücks gute Stube“ oder auch „das Riesen-Museum des Mittelalters“ mit St. Marien, Rathaus, Stadtwaage und den Kaufmannshäusern einmal als schnöder Parkplatz herhalten musste.

Doch vor 50 Jahren wurde das Automobil noch nicht als Störenfried vor historischen Kulissen gesehen, sondern eher als Bereicherung. Nach Jahren der Entbehrung war man stolz auf den ersten eigenen fahrbaren Untersatz, in den Werbeprospekten der Hersteller gingen Autos und Prachtgebäude aus vergangenen Tagen oft eine Symbiose ein. Die Zeichen standen eher auf autogerechter als auf menschengerechter Stadt, die Fußgängerzone war noch nicht erfunden, die Autofreiheit als Ausweis urbaner Lebensqualität noch kein Thema.

Andererseits waren Parkflächen zu ebener Erde – auf abgeräumten Trümmergrundstücken wie eben auch auf historischen Plätzen – eine bittere Notwendigkeit, um die schnell wachsende Zahl von Autos unterzubringen. Das Zeitalter der Parkhäuser und Tiefgaragen begann in Osnabrück erst Jahre später. Nach dem ersten Parkhaus am Kaufhaus Merkur (1964) folgten die Parkgaragen am Kollegienwall (1971), unter dem Ledenhof (1976) und im Nikolaizentrum (1982). Sie gingen Hand in Hand mit der fortschreitenden Bebauung von Trümmerflächen und der Anlage von Fußgängerbereichen, wodurch Parkmöglichkeiten am Straßenrand verschwanden.

Die hier abgebildete Reihe der Kaufmannshäuser mit ihren Treppengiebeln war 1960 ein Top-Fotomotiv, denn sie waren gerade erst rekonstruiert worden. Die Stadt hatte zudem durch eine geschickt abgestufte Fassadenbeleuchtung dafür gesorgt, dass die Vielfalt der Giebelformen und Traufenlinien unterstrichen wurde.

Die Rekonstruktion war notwendig geworden, weil der Luftangriff vom 13. September 1944 die Bauten aus dem späten 15. Jahrhundert in eine Ruinenlandschaft verwandelt hatte. 13 Jahre lang beherrschten Trümmer, notdürftig abgestützte Giebelwände und ausgebrannte Fensterhöhlen die Südseite des Marktes. Stadtdirektor Paul Voßkühler mahnte in einem besorgten öffentlichen Aufruf an, es müsse ganz schnell etwas passieren, bevor die Giebel ganz zerfielen und damit der historische Kern der Stadt sein Gesicht verlieren würde.

Daraufhin nahm sich der Verkehrsverein der Sache an und organisierte eine groß angelegte Marktplatz-Lotterie. Vereine, private Gruppen, Firmen und öffentliche Dienststellen stellten sich in den Dienst der Sache – „Zeichen einer geschlossenen Willensäußerung der Bewohnerschaft Osnabrücks“, wie es damals im „Osnabrücker Tageblatt“ hieß.

Die Hauptgewinne der Lotterie, eine Kruse-Küche, zwei Tempo-Dreirad-Lieferwagen und ein DKW-Personenwagen, waren mit zahlreichen weiteren Kleingewinnen in Schaukästen von insgesamt 40 Meter Länge auf dem Markt ausgestellt. Kleine bunt bedruckte Holz-Modelle der Marktbebauung dienten zur Dekoration und wurden als „Bausteine“ verkauft. Musikkapellen und Drahtseilartisten, Schützen und Boxer traten auf dem Marktplatz auf und lockten die Menschen an die Losbuden.

Die Lotterie wurde zum Riesenerfolg. 200000 Lose wurden verkauft und 72000 DM eingespielt – nach heutiger Kaufkraft etwa eine halbe Million Euro. Die Gemeinde St. Marien bekam einen Teil zur Sicherung des Kirchturmschafts, während der Hauptteil für die Rekonstruktion von Stadtwaage und Giebelhäusern bestimmt war. Damit hatten die Osnabrücker einen großen Schritt zum Wiederaufbau „ihres“ Marktes selbst getan. Öffentliche Gelder von Bund, Land, Stadt und Klosterkammer kamen hinzu. 1959 war die Anstrengung mit der Vollendung der Stadtbibliothek Markt 6 (früher Löwen-Apotheke) geschafft. Zum Lückenschluss gehörte auch der moderne Stelzenbau der Stadtkasse Markt 1–5 (heute Stadtbibliothek).


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