Blick in die Krippe Weihnachten: Wenn das Wunder ein Kinderspiel ist



Glandorf. Heilig Abend ist wunderbar: „Jesus hat Geburtstag und wir kriegen die Geschenke“, sagt Sina. Aber warum eigentlich? Was uns ein Krippenspiel von heute über das Wunder von damals verrät.

Einer muss der Josef sein. Und weil der vor über 2000 Jahren nicht gerade einen leichten Job hatte, darf es niemanden überraschen, dass andere Rollen bei den Grundschülern aus Schwege beliebter sind. Stern zum Beispiel oder Hirte. „Ich wäre sonst gern der zweite Hirte gewesen“, sagt Simon, der das Josef-Los gezogen hat. „Aber Josef ist auch gut“, findet er und hat Argumente: „Mein Papa heißt so.“ Bis kurz vor der Generalprobe haben sie gemeinsam den Text geübt.

Die Marienkirche in Schwege ist kalt, die Bänke noch leer, nur ein paar trippelnde Sterne im Altarraum geben eine leise Ahnung davon, dass Weihnachten im Anmarsch ist. „Josef, dein Einsatz“, drängeln die Sterne bei der Probe. „Ich bin Josef, ein Mann vom Bau“, sagt der Drittklässler Simon und füllt seine Rolle aus – mit dem Hut vom Opa und einer Weste, die seine Mutter dem Josef vom Kindergarten-Krippenspiel abgeschwatzt hat. Heute ist er Zimmermann, durch und durch. „Einfache Leute sind wir“, betonen Maria und Josef. So einfach, dass sie ihr Kind in einem Stall zur Welt bringen.

Stall ist für die Kinder aus der 1000-Seelen-Ortschaft Schwege kein Fremdwort. Sie wissen, dass man Stroh braucht, wenn man mit der Weihnachtsbotschaft ernst machen will. Drei Ballen haben sie für ihre Weihnachtsfeier in der Grundschulturnhalle bekommen, zwei sind in der Krippe gelandet, der dritte aber verteilt die Weihnachtsbotschaft Strohhalm für Strohhalm über den Schulhof, in die Requisite bis ins ordentliche, frisch renovierte Büro der Lehrer. Ein pieksender Hinweis darauf, dass heute etwas besonderes passiert. „Wir feiern Jesus Geburtstag“, sagt Lilo als Maria und sucht nach den Sternen, die noch an der Eingangstür auf Geburtstagsgäste warten: „Mama hat gesagt, sie kommt. Sonst schickt sie Oma.“

In der Turnhalle sind alle vier Klassen der Zwergschule zusammengekommen – mit Eltern, Geschwistern und Großeltern. Während die Kleinsten sich auf blaue Turnmatten krümeln, laufen die Älteren als Tannenbäume durch die Halle. Lebendige Requisite. Die Weihnachtsgeschichte beginnt. Auf Josefs „Ich bin ein Mann vom Bau“, reimt Lilo ihr: „Und ich Maria, seine Frau.“ Niemand hört sie, das Mikrofon hat einen Wackelkontakt. Sie wiederholt sich, rüttelt am Kabel. Hallo? „Arme Maria“, flüstert eine Mutter auf der Turnbank. Geplant ist die technische Panne nicht, ins Konzept passt sie trotzdem. Schließlich hatten es Maria und Josef damals in Bethlehem auch nicht leicht, sich Gehör zu verschaffen.

Damals waren es die Herbergsväter, die sie im Regen stehen ließen, heute ist es eben die Technik. In beiden Fällen hat Maria für solche Sperenzchen keine Zeit: Sie erwartet schließlich ein Kind. „Wir haben dich lieb“, sagt sie und legt eine nackte Plastikpuppe in die Krippe. Schwuppdiwupp – ist Jesus geboren.

Ein Gott aus Plastik? Die Kinder sind sich in der Analyse nach der Aufführung einig: „Jesus ist ein König“, sagt Max, der selbst einen spielt. „Ein nackter König“, sagt ein anderes Kind und biegt ein Bein der Babypuppe in die Luft. „Er ist eben Gottes Sohn, das ist schon was Besonderes“, sagt Maria. Die Rollen entlarven das. Alle Rollen seien wichtig, jeder hat einen Text, sagt Maria. Aber: „Jesus spielt die Hauptrolle“, findet Hirte Roman. Und das ganz ohne Text. Die Kinder staunen. Das muss man erst mal schaffen. Und er kann noch mehr: „Jesus hat Geburtstag und wir kriegen die Geschenke“, verrät Sina einen Clou des Festes. „Damit alle glücklich sind.“ Jesus hat schließlich damals schon genug Gaben bekommen.

Hol- und Bringdienst

Der Engel ist immer zuerst da – mit Verkündigungsauftrag. „Ich bring Euch Grüße von Gott, dem Herrn“, verkündet er bei der Probe in der Marienkirche. Nichts passiert. „Grüße von Gott, dem Herrn“, ruft Johanna noch einmal lauter und wirft einen strengen Blick über die Schulter.

Das war das Signal. Jetzt müssten die Sterne sich eigentlich in Bewegung setzen und die Hirten abholen. Und tatsächlich: Vier Kinder, in weißen Gewändern, angeführt von der Ober-Sternschnuppe, irren durch die Bänke. „Ihr müsst eher loslaufen und da hergehen, wo am Heilig Abend noch Platz ist“, kommt eine Regieanweisung aus dem Off. Jedem Wunder seine logistische Herausforderung.

Die Hirten meistern sie und überreichen das, was sie haben: Felle. „Zum Draufliegen, zum Dranschmiegen – und noch eins unters Schöpfchen vom Köpfchen“, sagen sie und begraben den nackten König unter einem Lammfellberg. Ein dickes Fell kann nie schaden, das ist auch 2000 Jahre später noch so.

Die mit den Luxusgeschenken kommen später – die Könige müssen als nächstes von der Sternen-Bande abgeholt werden. Diesmal läuft alles reibungslos. Sie bringen wertvolle Geschenke mit – vertreten durch Alufolien-Attrappen. Weihrauch, Gold und Möhre. „Nein Myrrhe heißt das“, korrigiert Max. „Das ist wertvoll.“ Ein besonderes Harz. „Jesus bekommt die Geschenke, damit er sich fühlt wie ein echter König.“

Viel wichtiger als der pünktliche Zustellservice der Gaben ist für die Engel ihr erhellender Job an der Krippe: „Heute geht ein heller Schein in die dunkle Welt hinein“, singen sie. Dass sie wegen des Sternen-Status an Heilig Abend sehr lange wach bleiben und leuchten müssen, ist schon in Verhandlung. „Es ist ja eine Ausnahme. Wegen Jesus.“


Das Krippenspiel der Grundschüler der dritten Klasse aus Schwege wird am Heilig Abend, 24. Dezember, um 15.30 Uhr in der Marienkirche in Schwege aufgeführt. Lehrerin Sandra Tiemann hat das Stück mit den Kindern eingeübt. „Ein schönes Stück - wenn nicht sogar das Schönste, was es bisher gab“, sagte Schulleiterin Susanne Brinkmann.

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