Persönlichkeitsforscher Julius Kuhl Osnabrücker Professor kennt die Wege zum Glück

Von Katrin Jäger

Der Blick in den Spiegel macht glücklich: Denn nur wer sich selbst gut kennt, führe ein zufriedenes und erfüllendes Leben. Sagt der Osnabrücker Persönlichkeitsforscher Julius Kuhl (Bild). Foto: Elvira PartonDer Blick in den Spiegel macht glücklich: Denn nur wer sich selbst gut kennt, führe ein zufriedenes und erfüllendes Leben. Sagt der Osnabrücker Persönlichkeitsforscher Julius Kuhl (Bild). Foto: Elvira Parton

Osnabrück. Das Glück: Seit es Menschen gibt, streben sie danach. Einigen ist es hold, andere verlässt es scheinbar – und einer kennt sich besonders gut damit aus: Julius Kuhl, Psychologieprofessor an der Universität Osnabrück.

Man könnte Glück auch Wohlbefinden nennen oder Zufriedenheit. Denn Julius Kuhl geht es nicht um das Glück in Form von glücklichen Zufällen wie einem Lottogewinn. Sondern um die Befindlichkeit, um das Lebensgefühl des Menschen.

Ein glückliches Neues Jahr, das sich dieser Tage alle gegenseitig wünschen, wäre im Sinne des Osnabrücker Persönlichkeitsforschers ein Jahr, in dem der Mensch einerseits seine individuellen Bedürfnisse befriedigen und andererseits die eigenen Ziele, Überzeugungen und Wertvorstellungen verwirklichen kann. Um das alles zu bekommen, bedarf es einer guten Selbstwahrnehmung. „Manche Menschen“, sagt Kuhl „haben ein völlig falsches Bild von sich selbst.“

Kenne dich selbst!

Wer aber glücklich sein will, müsse vor allem sich selbst und seine Kompetenzen richtig einschätzen. „Nur so kann man einen Lebensbereich für sich finden, in dem man das, was einem liegt, tun kann.“ Was das ist, sei völlig egal. „Irgendetwas, was einen anzündet“, sagt Kuhl. Glücklich könne außerdem nur sein, wer nicht dauernd über- oder unterfordert ist.

Doch wie findet man heraus, was einen glücklich macht? Kuhl, der auch viele Jahre in den USA und am Max-Planck-Institut geforscht hat, hat einen Persönlichkeitstest entwickelt (EOS-Test), mit dem man bis zu 100 verschiedene Kompetenzen eines Menschen ermitteln kann.

Dabei geht es auch darum, wie selbstbeherrscht jemand ist, welche Motive ihn antreiben, wie die Beziehungen zu anderen Menschen sind, wie durchsetzungsstark Jemand ist. Kennt man diese für das Glücklichsein wichtigen Kompetenzen, soll es leichter sein, ein falsches Eigenbild in ein richtiges umzuwandeln – und so Dinge zu finden, die auf Dauer zufrieden und damit glücklich machen. Julius Kuhl: „Man sollte sich entfalten können – ganz egal, ob im Beruf, in einer Beziehung, beim Hobby.“

Mut zur Veränderung

Der Psychologieprofessor erinnert sich an einen erfolgreichen Unternehmer, der unglücklich zu ihm in die Beratung kam. Kuhl fand heraus, dass der Mann sehr leistungsorientiert war, in seinem Betrieb aber nur noch delegieren und nicht mehr selbst etwas umsetzen konnte. Die Firma zu verkaufen kam nicht in Frage, also strukturierte der Unglückliche um. Verteilte einige seiner Aufgaben an Mitarbeiter und begann in den frei gewordenen Stunden ein Fernstudium, musizierte und schrieb. Jetzt fühlt er sich angeblich wohl.

Aber auch ohne wissenschaftlichen Test könnten die meisten Menschen herausfinden, was ihnen liegt, glaubt Kuhl. „Auf Freunde, auf das Umfeld hören, sich dort Rat holen“, ist ein Tipp des Professors. Und: „Die dunklen Tage rund um Weihnachten eignen sich, zur Ruhe – zur Besinnung – zu kommen. Bei sich zu sein. Einfach mal durchatmen.“

Das Glück nicht suchen

Denn Stress sei der Feind der Eigenerkenntnis. Hohe Dauerbelastung führe dazu, dass man nur noch einen Tunnelblick auf das Ziel habe. Dabei würden die Emotionen zu kurz kommen und der weite Blick, den man brauche, um in jeder Situation zu finden, was ein Stückchen zufriedener macht.

Deshalb rät Kuhl auch von den berühmten guten Vorsätzen ab. Besonders dann, wenn sie nur Druck erzeugen und deshalb dem eigenen Glück am Ende sogar im Wege stehen können. Denn so paradox es auch klingt, Kuhl ist der Überzeugung: „Wer das Glück sucht, darf es nicht suchen!“

Man könne nur Rahmenbedingungen für das Glück schaffen, in dem man „ein gesundes Selbst“ entwickelt. Intuition und Lebenserfahrung könnten den Menschen dann durch alle Situationen des Lebens eine gute Orientierung geben. Das Glück sei dann nicht mehr nur abhängig von äußeren Umständen, der Mensch selber habe es in der Hand.

Die goldene Mitte

Psychologe Kuhl hält es übrigens mit der Glücksfrage wie der griechische Philosoph Aristoteles: Die goldene Mitte macht dauerhaft am glücklichsten. Das heißt: „Wenn etwas Negatives passiert, sollte man trotzdem den Gedanken zulassen, sich über etwas zu freuen.“ Wem etwas unglaublich Tolles widerfahre, sollte gleichzeitig auch traurige Gedanken akzeptieren. „Man sollte nicht so sehr exaltieren und Extreme vermeiden“, sagt der Wissenschaftler. Glück sei ständig in Bewegung, wie ein Pendel. „Festhalten geht nicht – und schon der Versuch kann das Glücklichsein erschweren.“


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