Inhaber kann nicht mehr Modellbauladen will weg von Osnabrücks Todeskreuzung

Von Sebastian Stricker


Osnabrück. Dreimal musste Sascha Kramer mit ansehen, wie Radfahrer vor seinem Geschäft das Leben verloren. Dreimal zu oft. Am liebsten würde er den Modellbauladen an der Osnabrücker Todeskreuzung sofort schließen und umziehen.

Nach zwei, drei Wochen dachte Sascha Kramer, er hätte das Schlimmste überstanden. Schlafstörungen legten sich. Albträume verblassten. Und der Alltag verdrängte allmählich die Erinnerung an den Nachmittag des 4. März 2014, als ein 20-jähriger Radfahrer an der Ecke Johannistorwall/Kommenderiestraße unter die Räder eines Lastwagens kam und starb.

„In Liebe, Papa!“

Dann trat plötzlich der Vater des Verunglückten in das Geschäft. Stellte Fragen. Ließ sich die ganze Geschichte erzählen. Bat um ein Töpfchen roter Farbe und einen Pinsel. Und schrieb damit unter Tränen auf ein schneeweiß lackiertes Ghostbike, das Fahrrad-Aktivisten in Gedenken an seinen Sohn aufgestellt hatten: „In Liebe, Papa!“

Sascha Kramer stand am Fenster seines Ladens.

Sah ihm zu.

Litt mit.

Nichts war vorbei. Nichts kann der 43-Jährige vergessen.

Kaum auszuhalten

Nicht, wie er sie damals fahren sah: den Lastwagenfahrer nach rechts, den Radler geradeaus, „ganz locker, mit den Gedanken woanders“. Nicht den Anruf beim Rettungsdienst. Nicht die Erste Hilfe seines Mitarbeiters. Nicht das Dröhnen des Muldenkippers, dessen Motor Kramer später selbst abstellte, damit wenigstens dies ein Ende hat. Nicht den Trucker, der auf wackeligen Beinen um sein Fahrzeug irrte, bis er kreidebleich zusammenbrach. Erst recht nicht den jungen Mann, der auf der Straße sein Leben ließ.

Heute, ein Dreivierteljahr und einen weiteren tödlichen, fast identischen Fahrradunfall später, hält es der Unternehmer kaum noch aus. „Ich kann es nicht mehr haben. Jedes Mal, wenn da draußen ein Lkw abbiegt, zucke ich zusammen.“ Und das kommt oft vor. Zigmal am Tag. Weil die Bundesstraße 68, über die Brummis von Schildern und Navigationsgeräten durch die Stadt gelotst werden, vor seiner Tür einen gefährlichen Knick macht. Man könne auf das nächste Unglück förmlich warten, meint Kramer.

Eldorado für Bastler

DM Modellbau. Die Abkürzung steht für „Die Macher“. Wer Fahrendes, Fliegendes und Schwimmendes im Miniaturformat zum Fernsteuern sucht oder auch nur passendes Zubehör, wird auf diesen bis unters Dach ausgereizten 120 Quadratmetern in Osnabrück fündig. Darüber hinaus dürfte es kaum eine Frage zu diesem Hobby geben, die Sascha Kramer nicht beantworten kann.

In ihm geraten Kunden und Ratsuchende an einen Fan, einen Fachmann, einen Freak, der selbst mit 13 Jahren dem Modellbau verfiel, als er zu Weihnachten einen Offroad-Buggy-Bausatz bekam. Der später bei Schäffer Geschenke am Nikolaiort das Verkaufen lernte. Der sich 1998 mit DM Modellbau selbstständig und seinen Laden zur ersten Anlaufstelle für Bastler im Umkreis von 50 Kilometern machte.

Adresse des Grauens

Von dieser Arbeit hat Sascha Kramer bis heute nicht genug. Vom Standort schon. Drei Tote auf einer Kreuzung in fünf Jahren! Dazu täglich die Angst, dass es dort jeden Moment wieder knallt. Unerträglich. Nichtig und klein scheinen in diesem Licht all die anderen Probleme, mögen sie dem Inhaber auch – unter anderen Umständen – jedes für sich genommen genügend Anlass zum Umzug bieten.

Zum Beispiel dass das Lokal viel zu klein und zu eng geworden ist und auch baulich nicht mehr besonders gut in Schuss. Luxussorgen eines erfolgreichen Geschäftsmannes. „Ich merke, dass sich was ändern muss“, sagt der 43-Jährige. Bloß weg vom Johannistorwall 65a, dieser Adresse des Grauens. Möglichkeiten woanders zu eröffnen hätte er. Also worauf warten? Sascha Kramer weiß selbst nicht so genau, was ihn noch hält. Vielleicht die Hoffnung, dass die Kreuzung nach dem Umbau sicherer wird.

Die Bilder bleiben

Seine Mitarbeiter hätten gegen einen Tapetenwechsel kaum etwas einzuwenden. „Was hier passiert, ist schlecht für den Laden“, sagt Oliver Birkemeyer. Der 31-jährige Verkäufer, Spezialgebiet Hubschrauber, gehört seit 2010 zum Team. Als er dazustieß, war der erste tödliche Fahrradunfall vor der Haustür kaum zwölf Monate her. „Es war das Erste, was mir erzählt wurde. Mein Vorgänger hat‘s mit angesehen. Er stand damals alleine im Laden. Ihm ging es nicht gut danach.“

Den Unfall im März 2014 hat Birkemeyer verpasst. „Zum Glück.“ Den am 22. Oktober nicht. Seitdem quälen auch ihn schreckliche Bilder. Und die Gedanken an einen Besuch wenige Tage nach dem Unglück. Es war der Bruder des getöteten Radfahrers.