Kinder-Hilfsprojekte in Bophal Lehrer der Domschule Osnabrück reisten nach Indien

Von David Hausfeld


Osnabrück. Nach langjähriger und intensiver Partnerschaft und Freundschaft besuchten jetzt erstmals drei Lehrkräfte der Domschule Osnabrück den indischen Pater Franklin Rodriguez in Bhopal.

In der indischen Stadt sorgt Pater Franklin für Schulen, Unterkünfte, Kindergärten, Brunnen, Bewässerungssysteme, Hospize, und vor allem schafft er eine Perspektive. Seit über 30 Jahren unterstützt die Domschule die Projekte des Geistlichen. Am 9. Dezember berichten die Lehrkräfte während der Adventsmusik in der Herz-Jesu-Kirche von ihren Erlebnissen in den Elendsvierteln.

„Unvorstellbar“, lautet der gemeinsame Tenor von Gabi Markus, Thomas Fleute und Sabine Müller. Die Lehrkräfte kannten Armut und Leid der indischen Elendsviertel bisher nur aus den Bildvorträgen Pater Franklins, der alle zwei bis drei Jahre zu Gast in Osnabrück ist. Kein Bild wurde dem gerecht, was sie vor Ort erlebten. Vor allem der Kontrast zwischen dem bestehenden Elend einerseits, und der immensen Tragweite der Hilfsprojekte andererseits erschütterte und beeindruckte die Reisenden gleichermaßen.

„Auf der einen Seite gibt es den Dreck und die Armut, auf der anderen Seite diese Lichtinseln durch die Projekte von Pater Franklin“, beschreibt Müller, stellvertretende Schulleiterin, die Früchte dieser Arbeit. Nach der Giftgaskatastrophe, die Bhopal 1984 erschütterte, kaufte Rodriguez rund 50 Hektar Land in der Nähe des Flughafens. Seitdem nimmt er in erster Linie Waisen in seine Obhut, jährlich etwa 150 bis 200 neue Kinder ab einem Alter von zwei Jahren.

Leben im Haus lernen

„Wenn man sich vergegenwärtigt, dass es Kinder waren, die eigentlich keine Chance hätten, wird einem bewusst, was dort geleistet wird“, schildert Markus das Erlebte. Mit Unterstützung von Spenden der Domschule, der Indienhilfe und weiterer Partnerschulen, darunter auch das Gymnasium „In der Wüste“, baute Pater Franklin ein System an Vorschulen, Schulen und Unterkünfte auf, um den Kindern ein Zuhause, aber auch eine gute Ausbildung zu ermöglichen.

In der Vorschule lernen die Kleinen zunächst elementare Dinge, wie etwa das Leben in einem geschlossenen Haus mit eigenen sanitären Anlagen. Für viele Straßenkinder alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Von dort aus geht es in die Schule mit Wohnraum in einer der spärlich eingerichteten Unterkünfte. Viele Kinder schlafen auf einfachen Matten auf dem Boden, eine kleine Metallkiste bietet Platz für die wenigen Habseligkeiten. Betten gibt es kaum, und auch hier schlafen die Kinder dicht an dicht. Nach der Schule erledigen die Jungen und Mädchen ihre Hausaufgaben und übernehmen unterschiedliche Aufgaben rund um Haushalt und die Versorgung.

Auf dem Gelände plant Pater Franklin eine neue Nähschule. Junge Frauen sollen dort zur Näherin ausgebildet werden. Anschließend bekommen sie eine Nähmaschine geschenkt, mit der sie Geld verdienen können. Eine reguläre Arbeit zu vermitteln gestaltet sich nach Fleutes Auskunft nahezu unmöglich in einem korrupten System. Eine feste Anstellung erhalte nur, wer Schmiergelder aufbringen könne. Eine Arbeit, die der Pater nicht leisten kann. Dennoch bemühe er sich um Ausbildungsplätze und Kontakt zu Firmen und bereite seine Schützlinge so gut es geht vor. Pater Franklins Projekte sind in erster Linie eine Hilfe zur Selbsthilfe, unabhängig von der Religion. „Es ist keine Missionierung, sondern es geht allein darum, die Kinder von der Straße zu holen“, macht Müller deutlich.

Dennoch bleibe die Versorgung der Armen eine Aufgabe der rund zwei Prozent Christen des Landes. Dies sei dem Kastensystem geschuldet, erklärt Fleute. Wer in eine untere Kaste hineingeboren wird, kann diesen gesellschaftlichen Status sein ganzes Leben lang nicht verlassen. Im Hinduismus ist die Armut eines Menschen eine Verschuldung durch die Verfehlungen in einem vorherigen Leben, oder auch „Karma“. Diese „Bestrafung“ durch Elend ermöglicht das spätere Aufsteigen in eine höhere und damit gesellschaftlich angesehenere Kaste, allerdings erst nach dem Tod in Form der Wiedergeburt.

Wohlstand und Elend

Was für Christen zu einem moralischen Problem werde, sei für die Hindus Teil der Normalität. Die Anhänger der christlichen Kirchen sehen Hilfsbedürftige, die Hindus hingegen Menschen, die sich durch Verfehlungen im vorherigen Leben neu behaupten müssen. „Warum sollen wir jemanden aufhalten auf dem Weg in ein besseres Leben?“, sagt Fleute überspitzt.

Das Waisenhaus und die zugehörigen Einrichtungen, Schulen und Unterkünfte sind ein nahezu vollständig autarkes System. Ackerflächen und Ställe mit Ziegen und Kuhbullen ermöglichen eine fast autonome Versorgung. Etwa fünf bis zehn Geistliche sowie 120 bis 130 Ordensschwestern betreuen die Kinder und halten das System am Laufen. Hilfe durch den Staat können sie nicht erwarten, im Gegenteil: Die hohe Armut in den niederen Kasten und Bevölkerungsschichten steht in direktem Gegensatz zum immensen Wohlstand der oberen Kasten. Moderne Neubauten stehen in unmittelbarer Nähe zu den Elendsvierteln, wie etwa der örtlichen Leprakolonie.

Umso wichtiger sei die finanzielle Unterstützung dieser Projekte, die jedoch ohne das ehrenamtliche Engagement der Menschen nichts nützen würde, betont Müller. Und, davon konnten die Lehrkräfte sich nun überzeugen, jeder Euro komme an und werde sinnvoll in bedarfsorientierte Projekte vor Ort investiert.

Zu einem ausführlichen Reisebericht laden die Lehrkräfte am 9. Dezember um 17 Uhr bei der Adventsmusik der Schule in der Herz-Jesu-Kirche ein. An der Reise nahmen unter anderen auch die Lehrer Rebecca Scetaric und Tobias Schleper des Gymnasiums „In der Wüste“, Guntram Helmich vom Bistum Osnabrück und Franz Xaver Sperrer, Stadtbürgermeister der Verbandsgemeinde Hagenbach, teil. In Hagenbach in der Nähe von Karlsruhe hat die deutsche Indienhilfe rund um die Projekte von Pater Franklin ihren Ursprungsort.


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