Eklat bei Mitgliederversammlung Ermittlungen im Betrugsfall osradio 104,8 ausgedehnt

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Osnabrück. Die Staatsanwaltschaft hat die strafrechtlichen Untersuchungen im Betrugsskandal bei osradio 104,8 auf weitere Personen ausgedehnt. Ermittelt wird nicht länger nur gegen den bislang hauptverdächtigen, früheren ersten Vorsitzenden Burkhard Holst, sondern auch gegen vier weitere Mitglieder aus der alten und neuen Führung des Bürgerfunksenders.

Im Visier der Staatsanwaltschaft befinden sich nun zusätzlich die Geschäftsstellenleiterin von osradio 104,8, außerdem ein amtierendes und zwei ausgeschiedene Mitglieder des geschäftsführenden Vorstands. Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer bestätigte damit am Freitag auf Nachfrage entsprechende Informationen unserer Redaktion. Die vier Personen seien „formal als weitere Beschuldigte eingetragen“ worden, teilte der Sprecher mit. Weitere Angaben zu Inhalt und Schwere des Verdachts machte er nicht.

Abwahl und Rauswurf beantragt

Angesichts der Vorwürfe, die nun nicht länger nur ihren Mann betreffen würden, beantragte Holsts Ehefrau als Vereinsmitglied am Freitag förmlich die Abwahl des verbliebenen Vorstandsmitglieds sowie die Amtsenthebung der Geschäftsführerin. In dem Brief, der unserer Redaktion vorliegt, beruft sie sich auf das Recht der Gleichbehandlung. Zugleich fordert sie osradio 104,8 auf, das gegen Burkhard Holst verhängte Hausverbot unverzüglich aufzuheben. Auf diese Weise solle ihm bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung Gelegenheit zur persönlichen Stellungnahme gegeben werden.

Schon am Donnerstagabend hatte Gabriele Holst für Aufsehen gesorgt, als sie die ordentliche Mitgliederversammlung über die ausgedehnten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft unterrichtete. Viele Anwesende schienen überrascht von dieser Nachricht, auch die Betroffenen selbst: Sie stritten auf Anhieb alles ab.

Gemeinnützigkeit in Gefahr

Zu Staunen und Besorgnis führte zudem die Mitteilung des Vorstands, dass dem Verein die Aberkennung der Gemeinnützigkeit drohe. Dies sei eine „indirekte Folge der Zweckentfremdung von Geldern“, wie sie bislang Holst zur Last gelegt wurde, sagte Vorsitzender Bernhard Wellmann. Das Finanzamt Osnabrück prüfe den Vorgang. Unter dem Strich könne eine Steuernachzahlung für die vergangenen vier Jahre stehen – geschätzter Umfang: bis zu 13.000 Euro.

Angesichts dieser Ereignisse geriet die eigentliche Tagesordnung des Treffens beinahe in den Hintergrund. Dabei enthielt sie wichtige Punkte: Vorstandswahlen zum Beispiel. Doch auch dieses Unterfangen spiegelte nur die große Verwirrung und Unwissenheit, die am Ende eines „sehr schweren Jahres“ (Wellmann) in Verein und Sender vorzuherrschen scheint.

Voreilige Entlastung?

Gegen die ausdrückliche Empfehlung der Kassenprüfer, die bei osradio 104,8 „ein heilloses Durcheinander“ sehen und zu großer Vorsicht mahnten, erteilten die Mitglieder vor der Wahl dem alten Vorstand (einschließlich Burkhard Holst) mit knapper Mehrheit die Entlastung. Die Frage, ob damit möglicherweise finanzielle Ansprüche erlöschen, die der Verein bei seinem Ex-Oberhaupt geltend macht, stellten viele erst danach. Dabei geht es um Forderungen in Höhe von 90.000 Euro. Zum Vergleich: osradio 104,8 geht davon aus, von den mutmaßlichen Hauptgeschädigten der Betrugsaffäre – Landesmedienanstalt und Umweltstiftung – selbst mit rund 75.000 Euro in Regress genommen zu werden.

Die Wahlen verliefen im Übrigen reibungslos: Wie erwartet wurde der im Herbst für Holst nachgerückte Vorsitzende Wellmann erneut in den geschäftsführenden Vorstand gewählt. Ihm zur Seite steht weiterhin Björn Geise, für Jens Koopmann kommt Björn Kemeter. Im erweiterten Vorstand, der geschlossen nicht wieder kandidierte, befinden sich mit den Neulingen Henrik Peitsch und Claudia Imig nur noch zwei statt vier Köpfe. Dies vor allem deswegen, um den geschäftsführenden Vorstand nicht überstimmen zu können, wie es zur Begründung hieß.


Der Verein osradio 104,8 ist Veranstalter des gleichnamigen Bürgerfunksenders in Osnabrück. Ihm gehören gegenwärtig rund 75 Mitglieder an. Die Lokalstation selbst beschäftigt elf Festangestellte, die Personalkosten in Höhe von 254.000 Euro verursachen. Darüber hinaus arbeiten Scharen von Praktikanten für den Sender. Über 200 Nutzer sind eingetragen.Größter Geldgeber von osradio 104,8 ist die Niedersächsische Landesmedienanstalt, die den laufenden Betrieb mit jährlich 267.500 Euro unterstützt. Stadt und Landkreis Osnabrück schießen pro Jahr jeweils 39.000 Euro zu. Übrige Ausgaben, die 2014 insgesamt 432.000 Euro betrugen (Kalkulation für 2015: 361.000 Euro), müssen aus Eigenmitteln bestritten werden.

osradio 104,8 sendet 28 Stunden pro Woche Bürgerfunk: montags bis samstags von 18 bis 22 Uhr sowie sonntags von 14 bis 18 Uhr. In den vergangenen zwölf Monaten produzierte die Station weit über 1000 eigene Beiträge – im Schnitt fünf pro Arbeitstag.

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