Ein Ritt durch die Kunstgeschichte Jürgen Beckers lückenlose Wissensschau in Osnabrück

Von Matthias Liedtke


Osnabrück. Mit einem wort- und kenntnisreichen Parforceritt durch die Religions- und Kunstgeschichte redete der Kölner Kabarettist Jürgen Becker das Publikum in der ausverkauften Lagerhalle nahezu schwindelig. Im Duktus irgendwo zwischen Geschichtsunterricht und Büttenrede angesiedelt, verwandelte er den Saal in ein Klassenzimmer und spielte dabei selbst den lustigen Lehrer, den sich wohl alle der anwesenden überwiegend älteren Semester gerne gewünscht hätten.

Denn jeder Ansatz eines ernsthaften Vortrags mündete in einen Witz. Vom flachen Kalauer bis hin zur fein gedrechselten Pointe war alles dabei. Die historische Profilmalerei etwa führte Becker zum kabarettistischen Allgemeinplatz, dass die heutigen Politiker kein Profil mehr hätten. Und das „Spannungsverhältnis“ zwischen Religion und Kunst löste er dahingehend auf, dass man in beiden Fällen die entsprechende Litanei kennen müsse. Auf einer Vernissage – für ihn die französische Übersetzung von Hölle – sollte man so tunlichst vermeiden, die tollen Rahmen zu loben oder den Feuerlöscher für eine rote Skulptur zu halten. Das Versprechen „Der Künstler ist anwesend“ – so auch der Name des Programms – sei deshalb eher als Warnung zu verstehen.

Lisa Politts Parforceritt durch die Politik ››

Mit der Äußerung, dass Bilder für sich selbst sprechen müssten, aber einem oftmals nichts sagen würden, gestand der in der Lagerhalle anwesende Künstler zwar Verständnislücken, münzte diese aber charmant in eine demgegenüber scheinbar lückenlose Wissensschau um, die augenzwinkernd allerlei „Anleitungen zum Gebildetwirken“ enthielt.

Den „Triumphzug“ der römisch-katholischen Kirche erläuterte er anhand der Struktur ihrer Gebäude als „Symbiose aus Aula und Markthalle“, wobei Romanik „dicke Wände ohne Ende“ seien, Gotik aber dagegen „architektonischer Sex“ und Barock „Rationalismus im Speckmantel“. Ein Exkurs zur Kochkunst mündete in der Erkenntnis, dass „Kochen nach Rezept wie Malen nach Zahlen“ sei.

Den Auftakt des Festivals machte Volker Pispers ››

In einer Art Dia-Show präsentierte Becker Zeugnisse der bildenden Kunst und der Baukunst aus unterschiedlichen Epochen. Und geißelte dabei den Eklektizismus. So, wie die „Griechen bei den Ägyptern geklaut haben“, hätten es die Römer bei den Griechen getan und letztlich die Christen bei den Römern. Die simple, aber effektive Methode, in freigeistiger Weise neue Bildunterschriften zu assoziieren und sich so einen ganz eigenen Reim auf das Anschauungsmaterial zu machen, erlaubte es ihm dabei, mitunter radebrechende Brücken zur Gegenwart zu schlagen. So wurde etwa aus dem „Letzten Abendmahl“ ein „Promi-Dinner mit Jesus“. Die selbst ernannten „Welterklärer“ der Kunstgeschichte sezierte er im Stile eines verschmitzten Aufklärers, der seinerseits der Welt gerne mit erhobenem Zeigefinger erklären würde, warum Christentum und Okzident dem Bilderverbot des Islam eine Flut an „bunten Bildern“ entgegensetzen.

Auch „Dietutnix“ war schon in der Lagerhalle ››

Die ernüchternde Quintessenz aus 120 exemplarischen Bildern in zwei Unterrichtsstunden war schließlich, dass Kulturkonsum heutzutage Triebverzicht bedeutet („Koitus oder Konzert“), Künstler „machen müssen, was sie wollen“ und aus Mangel an Definitionen eben all das Kunst ist, was von Hasenkamp transportiert wird, der weltweit größten Kunstspedition aus Jürgen Beckers Heimatstadt. Darauf gab es am Ende eine Runde frisch Gezapftes aus Kölner Braukunst.