Fremdenfeindliche Debatte Sind die Flüchtlinge wirklich willkommen in Osnabrück?

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Hannover. Osnabrück werde die neuen Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Niedersachsen für rund 600 Asylbewerber mit offenen Armen empfangen, waren sich Oberbürgermeister Wolfgang Griesert (CDU) und sein Amtsvorgänger und jetziger Innenminister Boris Pistorius (SPD) am Donnerstag sicher. Wirklich? Ein Blick in die Tiefen des Internets lässt daran Zweifel aufkommen.

Um kurz nach Mitternacht war der Geist aus der Flasche: Unsere Redaktion hatte im Internet und auf Facebook die Nachricht verbreitet, die ehemalige Klinik am Natruper Holz in Osnabrück solle zur Aufnahmeeinrichtung für bis zu 600 Flüchtlinge umgebaut werden. Innerhalb kürzester Zeit entspann sich unter den mehr als 40.000 Lesern eine der heftigsten Debatten der vergangenen Monate.

Noch mehr von denen, lautete eine der ersten Reaktionen. Sorge vor mehr Kriminalität im beschaulichen Osnabrück wurde geäußert. Viele Leser scheuten sich nicht, unter ihrem Klarnamen offen fremdenfeindliche Positionen zu beziehen. Andere hielten dagegen, versuchten mit Argumenten zu überzeugen.

Info-Veranstaltung am 3. Dezember

Genau das hat sich auch Oberbürgermeister Griesert vorgenommen. Am 3. Dezember will er die Bürger im historischen Rathaus der Stadt über die Pläne informieren. Viele Fragen erwarte er, sagte der CDU-Politiker. Vielleicht auch die, warum die Pläne nicht früher öffentlich gemacht werden? Immerhin werden die ersten rund 100 Flüchtlinge bereits im Dezember erwartet.

Weil alles recht schnell gegangen sei, sagten Griesert und Innenminister Pistorius übereinstimmend bei der Präsentation der Pläne am Donnerstag in Hannover. Aus Osnabrück sei das Angebot für die Immobilie an die Landesregierung vor gut vier Wochen herangetragen worden. Die sucht nämliche händeringend nach einem vierten Standort, um Flüchtlinge unterzubringen, bevor sie auf die Kommunen verteilt werden.

7000 Quadratmeter Fläche frei

Da passte es gut, dass gerade ein Großteil der Klinik am Natruper Holz geräumt worden war und gut 7000 Quadratmeter freistehen. Nach der Prüfung durch das Ministerium der Zuschlag: Osnabrück soll vorbehaltlich der Zustimmung des Rates der Stadt am 9. Dezember vierter Standort der Landesaufnahmebehörde nach Braunschweig, Friedland und Bramsche werden.

4,5 Millionen Euro stehen laut Pistorius zur Verfügung, dass Krankenhaus umzubauen. Der Mietvertrag laufe erst einmal über zehn Jahre. 800.000 Euro Miete pro Jahr kassiert das finanziell angeschlagene Klinikum, ein Tochterunternehmen der Stadt und Besitzer der Immobilie, vom Land. Das war ein Argument, das Griesert als Stadtoberhaupt anführte.

Angespannter Wohnungsmarkt in Osnabrück

Ein weiteres: Als Standort der Erstaufnahmeeinrichtung muss Osnabrück als Kommune selbst weniger, vielleicht sogar keine Flüchtlinge aufnehmen und unterbringen. 600 seien es derzeit, sagte Griesert. Für das kommende Jahr seien weitere 600 angekündigt. Wohin mit ihnen? Der Oberbürgermeister verwies auf den angespannten Wohnungsmarkt in seiner Stadt. Es gebe schlichtweg keine Immobilien mehr, die die Stadt zur Unterbringung von Flüchtlingen anmieten könnte.

„Wir können unsere eigenen hohen Ansprüche nicht erfüllen“, so Griesert. Die Stadt habe bereits angefangen, nach Standorten für Container und Zelte zu gucken – einer davon im Übrigen rund 400 Meter vom geplanten Lagerstandort Krankenhaus entfernt. Wo nun ein Studentenwohnheim entstehen soll, hätten ansonsten mehrere Monate Flüchtlinge in einem Provisorium leben müssen.

Mehrere Monate hätten die Flüchtlinge in solchen Provisorien leben müssen. Mit der Einrichtung der Aufnahmestation seien solche Pläne aber hinfällig, so der Oberbürgermeister. Die Zahl der Asylbewerber, die Osnabrück aufnehmen muss, sinkt mit der Zahl der Menschen, die das Land in der früheren Klinik unterbringt.

Diakonie will Einrichtung betreiben

Etwa zwei bis drei Millionen Euro werde der Betrieb der Einrichtung im Jahr kosten. Ein „seriöser Anbieter“ soll das Lager leiten, hieß es. Unter anderem hat die Diakonie ein Angebot abgegeben.

Mit Protesten oder Widerstand in der Bevölkerung rechnen weder der Sozial- noch der Christdemokrat. „Ich kenne die Mentalität der Osnabrücker“, sagte Pistorius, der selbst noch in der Hasestadt lebt. Traditionell sei das Engagement für Flüchtlinge groß. Der Innenminister erinnerte an die Protestaktionen, mit denen Bürger bereits dutzende Abschiebungen von Asylbewerbern verhindert hatten. Und Griesert sagte: „Wir können uns als Stadt nicht wegducken.“

Den Rat weiß er hinter sich, sämtliche Fraktionen haben Zustimmung zu den Plänen signalisiert. Die Kommunalpolitiker sind überzeugt. Und die Menschen? Griesert will Überzeugungsarbeit leisten. Pistorius will „jeder fremdenfeindlichen Bestrebung entgegentreten.“ Vor der Informationsveranstaltung im Rathaus sollten beide wohl noch einmal ins Internet schauen.


Der Klinik-Standort am Natruper Holz ist eine Begleiterscheidung der Aufrüstung in Nazi-Deutschland. 33 Jahre, von 1939 bis 1972, war das Haus eine hässliche Rohbau-Ruine.

1936 muste die Stadt das Gelände am Natruper Holz dem Heeresbauamt abtreten, das hier den Grundstein für ein Lazarett legte. Als Hitler 1939 den Krieg begann, wurden die Arbeiten abrupt eingestellt. Eine gewaltige Rohbau-Ruine überdauerte den Krieg und die Nachkriegszeit. In den ersten Nachkriegsjahren fühlte sich keiner für den Rohbau zuständig. Ausgebombte richteten sich in den geschlossenen Winkeln notdürftig ein, andere nutzten den Bau als Steinbruch und schleppten alles an Baumaterial fort, was zu gebrauchen war. (Weiterlesen: Hier geht‘s zum Liveticker von der Pressekonferenz mit Boris Pistorius. )

Erst 1963 – acht Jahre nach Beginn der Wiederbewaffnung – signalisierte die Bundeswehr Interesse an dem Torso. Zwei weitere Jahre brauchte das Verteidigungsministerium noch – da hieß es plötzlich: In 14 Tagen beginnen die Bauarbeiten, um aus dem unvollendeten Wehrmachtslazarett ein modernes Bundeswehrkrankenhaus zu machen. 1972 nahmen die Stabsärzte der Bundeswehr ihren Dienst in dem Krankenhaus auf, das bei der Schlüsselübergabe als „europaweit einzigartig“ gelobt wurde. Einzigartig war vor allem der Bunker: Unter der Klinik erstreckt sich bis heute ein unterirdischer Schutzraum, in dem für 100 Betten Platz ist.

Von Anfang an wurde das Krankenhaus auch zivil genutzt. Ein Drittel der Betten standen externen Patienten zur Verfügung. Außerdem stellte die Bundeswehr einen Notarztwagen für die Notfallversorgung in Osnabrück. Der Wagen war einer von sechs Rettungswagen, die die Bundesrepublik extra für die Olympischen Spiele in München angeschafft hatte.

Schon zehn Jahre nach der Eröffnung flackerten erste Spekulationen auf, die Bundeswehr wolle sich von acht ihrer bundesweit zwölf Krankenhäuser trennen. 1984 erhielt Osnabrück eine Bestandsgarantie in Form einer Investitionszusage über knapp zehn Millionen Euro. Es entstand unter anderem eine Intensivstation.

1991 verkündete der damalige Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg dann doch das Aus für das Bundeswehrkrankenhaus Osnabrück. Knapp drei Jahre später rollten die letzten Soldaten die Fahne ein und übergaben der Stadt die Liegenschaft. Deren Wert war zu Beginn der Verkaufsverhandlungen auf 70 Millionen Mark geschätzt worden, die städtischen Kliniken kauften schließlich für 16 Millionen Mark und übernahmen auch die 181 zivile Mitarbeiter. In der Außenstelle des städtischen Klinikums entstanden eine geriatrische Abteilung und ein Zentrum zur Behandlung neurologischer Verletzungen.

Mitte November zogen die Abteilungen in das neue Zentrum für Geriatrie am Finkenhügel um Große Teile des Gebäudes stehen seither leer.

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