Kinder psychisch kranker Eltern Osnabrücker Ärzte orgeln für den Kinderschutzbund

Von Ulrike Schmidt


Osnabrück. Sie lieben ihre Mütter und Väter, auch wenn sie ihr Verhalten nicht immer verstehen. Sie verheimlichen die Krankheit ihrer Eltern, laden deshalb keine Freunde zu sich ein und leben zurückgezogen. Der Kinderschutzbund Osnabrück will mit seinem Projekt „Trotzdem“ Kindern psychisch kranker Eltern helfen. Die Orgelnden Ärzte und ihre Freude sammeln in diesem Jahr Spenden für dieses Projekt.

Seit inzwischen zehn Jahren stehen Osnabrücker Kinderärzte, Therapeuten und Freunde in der Vorweihnachtszeit am Nikolaiort und drehen die Kurbel der alten Mussenbrock-Orgel. Zum Klang von Weihnachtsliedern sammeln sie für eine Einrichtung oder einen Verein, der Kinder unterstützt. In diesem Jahr sind es Kinder psychisch kranker Eltern. Zwei bis drei Millionen Minderjährige leben nach Information des Kinderschutzbundes in Deutschland in Familien mit mindestens einem Elternteil, das psychisch krank ist.

Kinder aus solchen Familien sind oft „auffällig unauffällig“. Sie lieben ihre Eltern und lassen nichts auf sie kommen. Daher kommen sie schnell in einen Zwiespalt zwischen der „familiären“ und der „äußeren“ Welt, den Bedürfnissen ihrer Eltern und ihren eigenen. Gleichzeitig versuchen sie, ihr Leid und ihre Belastungen so gut es geht zu verstecken, erzählen Maike Ruskowski und Maria Skorochod, die beim Osnabrücker Kinderschutzbund für „Trotzdem“ arbeiten.

Die Kinder psychisch Kranker erleben ihre Eltern in für sie unverständlichen, extremen Gefühlszuständen. Sie empfinden das Gefangensein der Mutter oder des Vaters in einer oft bedrohlichen inneren Welt, aus der sie ausgeschlossen sind oder aber eng mit einbezogen werden sollen. Manchmal geben sie sich die Schuld, wenn Mama wieder traurig ist und ständig weint. Dazu müssen sie Trennungen durch Krankenhausaufenthalte und oft wechselnde Betreuungen aushalten.

„Trotzdem“ steht für das Ziel, trotz psychischer Erkrankung stark im Umgang mit den Kindern zu bleiben. Das bedeutet, die Mitarbeiterinnen unterstützen die Eltern in der Erziehung ihrer Kinder. Parallel dazu gibt es Gruppenangebote für Kinder vom Grundschulalter bis zur Volljährigkeit.

„Ich bin nicht allein“, ist die wichtigste Erkenntnis der Kinder in der Gruppe, erzählt Maike Ruskowski. Altersgerecht informieren sie die Jungen und Mädchen über eine Krankheit, die man nicht sehen kann. Dabei hätten die Kinder selbst auch gute Begriffe, etwa „Mein Vater hat eine Baustelle im Kopf“ oder „Mama hat die Schlafkrankheit.“

Die Kinder sollen aber auch Spaß haben, sagen die Fachfrauen. Sie sollten im Mittelpunkt stehen, nicht die Krankheit wie so oft im Familienalltag. Aus diesem Grund wurden Paten angeworben und ausgebildet, die für mindestens ein Jahr einmal wöchentlich etwas mit einem Kind unternehmen. Damit entlasten sie zum einen Teil die Eltern, zum anderen geben sie den Kindern die Gelegenheit, eigenes Interessen und Hobbys zu entwickeln.

Speziell für die Unternehmungen von Paten und Kindern sollen die Spenden der orgelnden Ärzte verwendet werden. Kosten für Ausflüge oder Eintrittsgelder könnten die psychisch kranken Eltern meist nicht übernehmen.

Das Anorgeln findet traditionell mit prominenter Unterstützung statt: Am Freitag, 28. November werden um 16 Uhr Bürgermeisterin Karin Jabs-Kiesler und die frühere Polizeipräsidentin Heike Fischer die Orgelkurbel drehen und Passanten um Spenden bitten.


Mehr als 20 Jahre spielte Aloys Mussenbrock in der Fußgängerzone die Drehorgel und sammelte unermüdlich Geld für wohltätige Zwecke. 2004 starb das Osnabrücker Original. Seither sammeln Osnabrücker Ärzte, Therapeuten und ihre Freunde jährlich in der Adventszeit mit der Orgel Spenden für einen guten Zweck. Die Orgel wird ihnen dabei von der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück zur Verfügung gestellt, der Mussenbrock seinen Leierkasten vermacht hatte.