Lesung bei „Menschen und Masken“ Tanja Kinkel über ihren Roman „Manduchai“

Von Anne Reinert

Tanja Kinkel mit „Manduchai“ dieses Jahr bei der Erfurter Herbstlese 2014 in der Stadtbibliothek. Foto: ImagoTanja Kinkel mit „Manduchai“ dieses Jahr bei der Erfurter Herbstlese 2014 in der Stadtbibliothek. Foto: Imago

Osnabrück. Die Schriftstellerin Tanja Kinkel liest aus ihrem Roman „Manuchai“ in der P.E.N-Reihe „Menschen und Masken“ im Nussbaum-Haus. Im Interview sprach sie über den Roman und Felix Nussbaum.

Tanja Kinkels Romane spielen in vielen Epochen und Ländern. Mit „Manduchai“, einem Buch über die letzte mongolische Kriegerkönigin, verlässt sie zum ersten Mal die westliche Welt. Am Donnerstag, 4. Dezember, ist die Bestseller-Autorin bei der P.E.N.-Veranstaltungsreihe „Menschen und Masken“, wo sie auch aus dem Roman liest.

Um für Ihren Roman „Manduchai“ zu recherchieren, waren Sie in der Mongolei und haben in Jurten übernachtet …

Das müssen Sie, wenn Sie Ulan-Bator verlassen. Denn außerhalb der Hauptstadt gibt es praktisch nur Jurten. Ich kann nun bestätigen, dass man in einer Jurte gut übernachtet. Es ist kein Zufall, dass sich dieses wind- und regenabweisende Design über ein Jahrtausend gehalten hat. Und es wird abends sehr schnell warm, wenn man den Ofen anstellt. Das ist auch nötig, weil in der Mongolei Kontinentalklima herrscht und es tagsüber heiß und trocken, nachts aber sehr kühl ist.

Manduchai war eine Kriegerkönigin der Mongolen. Das klingt außergewöhnlich für eine Frau im 15. Jahrhundert.

Und sie war nicht die Einzige. Kriegerköniginnen waren zwar keine Dauererscheinung, aber es hat mehrere in der mongolischen Geschichte gegeben. In der Regel hat es nur ein paar Jahre gedau-ert, bis sie entmachtet oder gar umgebracht wurden. Da war Manduchai eine wirkliche Ausnahme, weil sie nicht nur an die Macht kam, sondern es auch blieb, bis sie friedlich im Alter starb. Das war nicht nur für weibliche, sondern auch männliche Herrscher die Ausnahme.

Manduchais Gegenspielerin ist die chinesische Kaiserin Wan. Haben die starken Frauenfiguren Sie gereizt?

Einer der Gründe für diesen Roman war in der Tat, dass gleichzeitig mit Manduchai in China eben-falls eine Frau an der Macht war. Das fand ich ungewöhnlich und reizvoll. Mir war aber wichtig, dass ich beide verständlich schildere, aus ihrem jeweiligen Hintergrund heraus. Ich wollte nicht die eine zur Bösen und die andere zur Guten machen.

Ihre Bücher spielen in den verschiedensten Epochen und Ländern, waren aber bisher in der westlichen Kultur angesiedelt. War es eine Herausforderung, eine Geschichte über die asiatische Kultur zu schreiben?

Das war es. Aber eine der schönen Sachen beim Schreiben ist, dass ich mir jedes Mal neue Themen vornehmen kann. Da war es ganz logisch, dass ich einmal versuche, eine Geschichte aus einem völlig anderen Kulturkreis zu erzählen. Und zwar nicht auf die Art, wie sie schon oft erzählt wurden, nämlich über eine europäische Mittelsfigur à la Marco Polo, sondern aus der Perspektive der Mongolen und Chinesen. Aber ich hatte schon Angst, wie das Buch ankommen würde. Eine der schönsten Reaktionen, die es bisher gab, war die einer Mongolin, die mein Buch bei Amazon gelobt hat. Das hat mich ungeheuer gefreut.

Sie kommen zu der P.E.N.-Reihe „Menschen und Masken“ im Felix-Nussbaum-Haus und gehören zu den Autoren, die einen Text zu der Anthologie des gleichnamigen Literaturprojektes beisteuern. Haben Sie sich schon mal mit Nussbaums Bildern befasst?

Nein, aber ich weiß natürlich von seinem tragischen Schicksal. Mein Großvater war Osnabrücker. Mein Vater ist in Melle geboren, weil seine Mutter wegen der Bombardierung von Osnabrück während des Zweiten Weltkriegs auf die Klinik in Melle ausweichen musste. Mein Großvater war nach dem Krieg eine Weile in französischer Kriegsgefangenschaft. Als er wieder heimkam, wollte er nicht weiter in einer zerstörten Stadt leben. Er hatte gesehen, dass Bamberg relativ unzerstört war, und ist mit seiner Familie dorthin gezogen. Als ich mir Nussbaums Biografie angesehen habe, ist mir aufgefallen, dass er und mein Großvater im selben Alter waren. Das hat mich einmal mehr an die himmelschreiende Ungerechtigkeit erinnert, wie es möglich war, dass so viele in diesem Land sich von ihren Nachbarn abgewandt haben und ihnen nicht geholfen haben.

Felix Nussbaum hat viele Porträts und Selbstporträts gemalt. Wäre es für Sie vorstellbar, ein Selbstporträt zu schreiben?

Nein. Ich finde, dass man dafür sein Tagebuch hat und das für einen selbst wichtige den Rest der Welt nichts angeht. Malerei ist wieder eine andere Art von Kunst. Wenn Sie sich die Dürerschen Selbstporträts anschauen oder die Rembrandtschen, da wäre uns so viel entgangen, wenn sie sich nicht selbst als Modell genommen hätten. Aber Literatur-Selbstporträts sind häufig nicht so fesselnd. Gelegentlich zwar doch. Aber sie können schnell zur Nabelschau werden.

Wenn Ihr Großvater aus Osnabrück kommt, waren Sie dann selbst häufiger hier?

Meine Verwandten in Osnabrück sind inzwischen alle verstorben oder weggezogen. Aber als Kind war ich regelmäßig dort. Mein Großvater hat mich mal zum Schnatgang mitgenommen. Das hat mich sehr beeindruckt.

„Menschen und Masken“ mit Tanja Kinkel: Donnerstag, 4. Dezember, 19 Uhr, Felix-Nussbaum-Haus. Kostenfreie Einlasskarten unter Tel. 0541/3232560.