Mitgliederversammlung steht bevor Osnabrücker Lokalsender osradio 104,8 am Scheideweg

Von Sebastian Stricker

Viel geregelt wurde beim skandalumwitterten Bürgerfunksender osradio 104,8, seit im Osnabrücker Veranstalterverein ein neuer Vorsitzender das Sagen hat. Foto: Colourbox.deViel geregelt wurde beim skandalumwitterten Bürgerfunksender osradio 104,8, seit im Osnabrücker Veranstalterverein ein neuer Vorsitzender das Sagen hat. Foto: Colourbox.de

Osnabrück. Wegen eines Betrugsskandals in Schlagseite, gelangt der Osnabrücker Bürgerfunksender osradio 104,8 wieder in ruhigeres Fahrwasser. Mehr als zwei Monate nach der Wahl eines neuen Vorsitzenden scheint die Gefahr des Kenterns gebannt und ein Lizenzentzug abgewendet. Am Donnerstag tagt die Mitgliederversammlung – Meuterei unwahrscheinlich.

Wie es aussieht, machen „Kapitän“ Bernhard Wellmann und seine Vorstandsoffiziere gute Arbeit auf der Brücke des Radioveranstalters. Seit der frühere Bürgermeister von Belm Mitte September das Ruder übernommen hat, wurde fleißig klar Schiff gemacht im Verein. Und es war eine Menge zu Bruch gegangen, als Ende Juli die mutmaßlich kriminellen Machenschaften seines wenig später zurückgetretenen Amtsvorgängers Burkhard Holst aufflogen.

Vereinsgelder veruntreut

Um die 80.000 Euro Schaden soll dieser durch illegale Buchungen angerichtet haben, nachdem er ausgangs des Jahres 2010 für mehrere Monate als Geschäftsführer eingesprungen war. Was genau der Ex-Vorsitzende von osradio 104,8 sich alles vorwerfen lassen muss, wird noch ermittelt.

Erst am Dienstag gab es nach Informationen unserer Redaktion ein Treffen bei der Staatsanwaltschaft Osnabrück, bei dem noch einmal die vermutlich größten finanziellen Leidtragenden der Affäre gehört wurden: Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) und Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU). Beide hatten die Lokalfunkstation für Stadt und Landkreis Osnabrück in den vergangenen Jahren mit mehreren Hunderttausend Euro unterstützt. Anzunehmen, dass vor allem ihr Geld veruntreut wurde.

Buchführung ausgelagert

Erste und wichtigste Amtshandlung Wellmanns war es folglich, mit dem Vorstand die Geschäfte des Vereins neu zu regeln – und auf diese Weise alte Fallstricke zu beseitigen. „Wir haben schleunigst die Buchführung angepackt und ausgelagert“, berichtet der 65-Jährige. Zuständig für Lohn- und Gehaltszahlungen, für Jahresabschlüsse und Steuererklärungen sei nun ein Steuerberatungsbüro aus Osnabrück. Und zwar dasselbe, mit dessen Hilfe „die gesamten letzten vier Jahre aufgearbeitet“ worden seien. Bernhard Wellmann: „Wir haben damit im Haus nichts mehr zu tun. Das läuft in Zukunft sauber und korrekt.“ Außerdem habe der Verein ein Rechtsanwaltsbüro, das vormals nur beratend zur Seite stand, mit dauerhafter Vertretung beauftragt.

Lizenzentzug vom Tisch

Bei der NLM habe er sich Anfang Oktober vorgestellt. Sein Eindruck von der Behörde in Hannover, die noch im August mangels Vertrauen in die Rechtstreue von osradio 104,8 ein Verfahren zum Widerruf der Zulassung eingeleitet hatte: „Sehr aufgeschlossen und dem Sender gegenüber wohlwollend.“ Lizenzentzug sei kein Thema mehr. „Das ist vom Tisch.“

Der Staatsanwaltschaft habe er die Forderungen des Vereins an Holst genannt und mit der Umweltstiftung „verhandelt“, sagt Wellmann. „Wir gehen offen und fair miteinander um.“ Transparenz laute die Devise auch im Umgang mit den Mitgliedern und der Öffentlichkeit. Glaubt man dem neuen Vorstandssprecher, hat das osradio 104,8 von heute also nichts mehr zu verbergen.

Wechsel im Vorstand

Zum Schwur wird es am Donnerstagabend kommen. Auf dem Programm der Mitgliederversammlung in Osnabrück stehen heikle Punkte wie Rechenschaftsberichte, Entlastung und Genehmigung von Haushaltsplänen. Außerdem stehen Vorstandswahlen an: Das Abstimmungsergebnis ist bindend für zwei Jahre. Aber wird die Mannschaft auch künftig einem Kapitän folgen, für den Bürgerrundfunk nach eigenen Angaben ein Sprung in kaltes Wasser ist?

Tendenz: Ja. Bernhard Wellmann, frisch angetreten, um den Sender „strukturell voranzubringen“, steht naturgemäß bereit. Seine bisherigen Mitstreiter nicht unbedingt. „Der eine oder andere kandidiert nicht mehr, es wird Wechsel geben.“ Nicht ausgeschlossen, dass sogar die Kopfzahl des erweiterten Vorstands von vier auf zwei schrumpft. Die Tagesordnung sieht auch darüber eine Entscheidung vor.