Zeitreise zur Großen Straße Osnabrück um 1960: Autokorso durch den Adventstrubel

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Osnabrück. Die Stromzähler kamen mächtig ins Rotieren, wenn vor 50 Jahren in der Großen Straße die Adventsbeleuchtung eingeschaltet wurde. Die feierliche Weihnachtsstimmung drohte häufig zu kippen, wenn die Rechnung ins Haus flatterte. Im Gefolge der ersten Ölkrise 1973 wurde der „überflüssige Stromverbrauch“ durch die Weihnachtsbeleuchtung zum Politikum – und führte dazu, dass auch in Osnabrück die meisten Lichterketten dunkel blieben.

Auf dieser historischen Aufnahme strahlt die Große Straße allerdings noch in ungebrochenem „Lampenfieber“. Hell erleuchtete Sterne mitten über der Straße sollen den Menschen den Weg in die Konsumtempel weisen. Das ist allerdings etwas schwierig, denn die Mittelstraße ist für Fußgänger ein gefährliches Pflaster. Sie gehört noch den Autos. Und vielleicht auch noch der Straßenbahn. Genau lässt sich das nicht bestimmen, denn die auf dem Foto erkennbaren Schienen wurden nicht sofort nach der Einstellung des Straßenbahnbetriebs 1960 entfernt.

Die Große Straße gab es schon, als in Osnabrück noch kein einziges Haus stand. Zuerst war sie nur ein schlechter Karrenweg durch die sumpfigen Haseauen. Zur Zeit Karls des Großen entwickelte sie sich zu einer Nord-Süd-Handelsverbindung. Mit dem Größerwerden der Siedlung blieb sie Jahrhunderte lang eine bescheidene Ackerbürgergasse, die seit 1633 den heutigen Namen trägt. Doch um 1900 kam sie groß heraus und machte als Flaniermeile mit prächtigen Auslagen in großen Schaufenstern ihrem Namen Ehre. Man ging auf den „Bummel“, um zu sehen und gesehen zu werden.

Zeitreise ins Jahr 1892 – Schmuddelecke neben dem Osnabrücker Dom

Schon in der Zwischenkriegszeit kam es zu Verkehrsproblemen. Der Fußgängerverkehr war auf den relativ schmalen Bürgersteigen so dicht geworden, dass die Polizei 1926 eine Entzerrung der Gehrichtungen anordnete. Wer Richtung Neumarkt wollte, musste den Bürgersteig auf der westlichen Seite nutzen, wer zum Nikolaiort wollte, wurde auf die Seite des Kaufhauses Alsberg, später L + T, verwiesen. Noch bis in die Nachkriegszeit hinein waren Pfeile und die Aufforderung „Rechts gehen!“ vor L + T auf dem Pflaster zu erkennen.

Die zunehmende Motorisierung in den 1950er-Jahren verschärfte die Probleme. Als erste Maßnahme machte man die Große Straße zur Einbahnstraße. 1972 schließlich wurde sie bis zum Nikolaiort zur Fußgängerzone umgestaltet. Viele Einzelhändler sprachen sich dagegen aus, da sie sich Sorgen um ihre Erreichbarkeit machten. Wie wir heute wissen, waren diese Sorgen unbegründet. Wohl niemand würde sich den Autoverkehr in die Großen Straße zurückwünschen, wie ihn die Aufnahme aus der Zeit um 1960 zeigt – so nett anzusehen die „Oldtimer-Parade“ aus heutiger Sicht auch ist.

November 1938 – Artillerie zieht hoch zu Ross durch Osnabrück

Angeführt wird der Autokorso von einem BMW der Baureihe 501/502. Die zwischen 1952 und 1964 gebauten „Barockengel“ mit aufregendem V-8-Motor waren wie der Mercedes 300 eine Ikone des nachkriegsdeutschen Wirtschaftswunders. Dahinter folgt ein Borgward Hansa, der zwischen 1949 und 1954 in Bremen vom Band lief, schließlich ein VW Käfer und ein DKW-Zweitakter „Meisterklasse“.

Das Eckhaus zum Jürgensort links im Bild war Sitz des Hauptpostamts, bis 1957 der Neubau der Post an der Wittekindstraße/Ecke Möserstraße fertiggestellt war. Der instandgesetzte dunkle Vorkriegsbau bekam Ende der 1950er-Jahre eine helle neue Fassade und wurde Sitz des Bekleidungshauses Osterhaus. Der „Herren- und Knaben-Ausstatter“ existierte bis 2002, seitdem sind dort die beiden zum Douglas-Konzern gehörenden Firmen Thalia und Christ Mieter. Nach rechts schließt sich die denkmalgeschützte Fassade des Barockhauses von 1790 an, das nacheinander die Bäckerei Gösling, den Weinhandel Dütting (ab 1802), den Schuhhandel Markus (ab 1926), den Schuhhandel Schröder („Salamander-Schröder“, bis 2005) erlebte und aktuell den DM-Drogeriemarkt beherbergt. Ein Haus weiter, Große Straße 61, war über viele Jahrzehnte das „Haus der Dame“ Köhne, bevor es 1987 zur „Markthalle“ wurde. Seit 1997 ist das Haus wieder Textilstandort mit „New Yorker“ (bis 2012) und aktuell „Vero Moda“ sowie „Jack and Jones“.


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