„Ja, ich wollte ihr Gesicht entstellen“ Attackierte Ehefrau schildert Leidensweg vor Gericht

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Im Verfahren gegen einen Mann, der seine Ehefrau bei einer Messerattacke schwer verletzt haben soll, schilderte die Ehefrau die Vorgeschichte. Symbolfoto: NOZ-ArchivIm Verfahren gegen einen Mann, der seine Ehefrau bei einer Messerattacke schwer verletzt haben soll, schilderte die Ehefrau die Vorgeschichte. Symbolfoto: NOZ-Archiv

Osnabrück. Im Verfahren gegen einen 43-jährigen Mann aus Preußisch Oldendorf, der seine 41-jährige Ehefrau bei einer Messerattacke schwer verletzt haben soll, schilderte die Ehefrau am dritten Verhandlungstag den von zunehmenden Krisen geprägten Eheverlauf und die Vorgeschichte des Tatabends.

Der Angeklagte hat bereits gestanden, seiner Ehefrau mit einem Obstmesser absichtlich Verletzungen im Gesicht und am Hals zugefügt zu haben, um durch Narben ihre Suche nach einem neuen Partner zu erschweren. „Ja, ich wollte ihr Gesicht entstellen“, räumte er ein. Und er bestätigte auch die Angaben eines Zeugen, dass er seiner Frau auf Türkisch zugerufen habe: „Mit diesem Gesicht kannst du ja versuchen, neu zu heiraten!“ Keinesfalls habe er aber vorgehabt, sie zu töten. Denn, im Gegenteil, er habe ja versucht, sie von ihrer Scheidungsabsicht abzubringen und wieder mit ihr und den drei Kindern zusammen zu leben.

Im weiteren Verfahren geht es darum, ob dem Angeklagten zusätzlich zu der vorsätzlichen schweren Körperverletzung auch ein versuchter Totschlag nachzuweisen ist. Zumindest soll er, so der Staatsanwalt, billigend in Kauf genommen haben, dass die Frau die zugefügten Verletzungen nicht überleben würde. Laut Anklage ließ der Mann erst von der Frau ab, als er von einem Tatzeugen Schläge mit dem Eisenfuß eines Warndreiecks auf die Schulter bekam und andere herbeigeeilte Zeugen der Frau die Flucht ermöglichten. Das stellte der Angeklagte anders dar: Er habe von sich aus aufgehört. „Es war genug, es reichte“, sagte er. Das Tatwerkzeug habe er nicht eigens für die Tatausführung eingesteckt, sondern er führe so ein Obstmesser stets bei sich, weil er als Diabetiker häufig zwischendurch einen Apfel oder eine Birne esse, die er zuvor abschäle. Keinesfalls liege der Tat ein Plan zugrunde. Er sei halt ausgerastet, als seine Frau ihm zum wiederholten Mal ein Gespräch verweigert habe.

Geldprobleme

Die Frau gab zu verstehen, dass sie so ein Messer zuvor noch nie bei ihrem Mann gesehen habe. Es sei zwar richtig, dass ein Diabetesleiden bei ihm festgestellt wurde, doch habe er sich herzlich wenig darum gekümmert, Medikamente nur unregelmäßig eingenommen und sich an keine Diätvorschriften gehalten. Wie überhaupt sein Lebenswandel zunehmend plan- und ziellos verlaufen sei. In dem Zeitraum, in dem sie nach der Babypause wieder anfing zu arbeiten, er aber arbeitslos war, habe er sich um Haus und Kinder kümmern sollen. Doch das tat er nicht. Er habe sich in Spielotheken herumgetrieben .

Rechnungen zahlte er grundsätzlich nicht. Sie habe sich dann mit dem Gerichtsvollzieher herumschlagen müssen, wenn sie auf Freischicht zuhause war, der Mann aber mal wieder unterwegs. Sie habe den Mitarbeiter des Versorgungsunternehmens bekniet, dass er den Strom nicht abklemmt. Nicht immer mit Erfolg. Ohne Strom und geregeltes Zahlungsverhalten habe man die Boutique nicht halten können. Nach weniger als einem Jahr wurde der Laden aufgegeben, was die Schulden noch weiter erhöht habe. „Es gab Zeiten, da haben wir gehungert“, sagte sie mit bewegter Stimme. Am Zeugentisch war die zierliche Frau von Dolmetscherin und Rechtsanwältin als Nebenklagevertreterin eingerahmt, wobei die Anwältin sie gegen direkten Blickkontakt mit dem Angeklagten abschirmte.

Ehestreit

Der Mann habe alle Gelddinge an sich gerissen. Mieteinkünfte, Eigenheimzulage, Kindergeld – alles habe er kontrolliert. Wo das Geld blieb, sei ihr schleierhaft gewesen. „Ich wollte mein eigenes Bankkonto haben und über meinen Arbeitslohn selbst verfügen, um dann wenigstens die Stromrechnungen bezahlen können, damit der schlimmste Stress aufhört“, sagte die Frau. Doch das habe der Mann nicht gewollt. „Wenn du ein eigenes Konto eröffnest, dann ist die Ehe zu Ende“, habe er gedroht. Sie habe sich nach jahrelangen Rangeleien um dieses Thema schließlich durchgesetzt. Dann habe ihr Mann gegen ihren Willen ihre Lohnsteuerkarte aus dem Lohnbüro ihres Arbeitgebers abgeholt und die Steuerklassen von 3/5 auf 4/4 ändern lassen, wodurch sie weniger und er mehr ausgezahlt bekam. Ebenfalls gegen ihren Willen habe der Mann ihren persönlichen Familienschmuck zum Pfandleiher gebracht.

In den letzten Jahren sei er mehrfach tätlich gegen sie geworden. Einmal habe er ihr die Fernbedienung an den Kopf geworfen, dann sei er ihr absichtlich mit dem Auto über den Fuß gefahren. In der Zeit, als schon ein gerichtliches Annäherungsverbot gegen den Mann verhängt war, habe er ihr einmal im Kelleraufgang aufgelauert und ihr ein Messer an den Hals gesetzt. Der älteste Sohn sei dazwischengegangen und habe sie befreit. Die Verhandlung wird am 25. November mit Zeugenvernehmungen fortgesetzt.


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