Selten zu sehendes Kunstwerk Prachtvolles Chorbuch: Diözesanmuseum zeigt Codex Gisle

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Osnabrück. Der Codex Gisle aus dem ehemaligen Kloster Rulle ist im Diözesanmuseum bis Ende Mai im Original zu sehen. Anlass ist die Faksimilierung der prachtvollen, um 1300 angefertigten Musikhandschrift durch den Quaternio Verlag. Der feierlichen Aussstellungseröffnung im Osnabrücker Dom wohnten am Sonntag 500 Besucher bei.

„Der Codex Gisle ist eines der herausragenden Kunstwerke unserer Region“, sagt Hermann Queckenstedt, Direktor des Diözesanmuseums. Das prachtvolle Chorbuch entstand um 1300 für die Zisterzienserinnen aus dem Kloster Rulle.

Wegen seiner reichen Ausstattung meldete sich der Quaternio Verlag aus dem schweizerischen Luzern beim Osnabrücker Diözesanmuseum mit der Anfrage, ein hochwertiges Faksimile zu erstellen. Die Edition ist nun fertig, und aus diesem Anlass zeigt das Museum die wertvolle originale Handschrift bis zum 31. Mai nächsten Jahres.

Die Gelegenheit, diesen Schatz zu sehen, bot sich bisher nur selten. „Aus konservatorischen Gründen ist er wenig gezeigt worden“, so Hermann Queckenstedt. Dabei war das Buch von 1300 bis zur Aufhebung des Ruller Klosters im Jahre 1802 immerhin 500 Jahre in Gebrauch. Dafür sieht das Werk überraschend gut aus, die prachtvollen Farben strahlen noch immer wie frisch aufgetragen. Dennoch gibt es natürlich Gebrauchsspuren, die allesamt auch in der Edition des Quaternio Verlags wiedergegeben werden.

Die Herstellung des Faksimiles wird in der Ausstellung ebenfalls mit Schautafeln dokumentiert. Ein Faksimile-Exemplar zum Blättern liegt zudem der originalen Handschrift gegenüber, Letztere zu ihrem Schutz natürlich unter Glas. Aufgeschlagen wird darin die jeweils zum Kirchenjahr passende Seite. Hermann Queckenstedt: „Wir haben Jahreskarten, die relativ preiswert sind – wer Spaß dran hat, die wichtigsten Initialen zwischen erstem Advent und Pfingsten alle im Original zu sehen – das ist schon ein echter Leckerbissen.“ In der Tat: „Es gibt nur ein einziges Graduale mit noch mehr Bildern“, so Friederike Dorner , Kuratorin der Sonderausstellung.

Die Wissenschaft zweifelt gerade deswegen, ob der Codex tatsächlich von der Ruller Nonne Gisela von Kerssenbrock gestaltet worden ist, oder er die Fähigkeiten eines kleinen Konvents mit gerade einmal sechs Ordensschwestern nicht überstiegen hätte, dass im Jahre 1300 nicht einmal eine fertig gebaute Kirche besaß.

Friederike Dorner weiß mehr: „Manche Forscher meinen, der Codex sei in Rulle geschrieben und anderswo illustriert worden, es gibt auch die Variante, dass er komplett woanders entstanden ist. Und für alles gibt es gute Gründe.“ Ausgeschlossen ist dennoch nicht, dass der Codex komplett in Rulle entstand. „Es ist wahrscheinlich nicht zu entscheiden“, sagt Friederike Dorner.

Immerhin wurde im Zuge der Faksimilierung auch daran weiter geforscht. Clarissa Rothacker vom Quaternio Verlag erklärt. „Zur Edition wird auch ein wissenschaftlicher Kommentarband erscheinen, der sich auch mit dieser Frage beschäftigt, und ich bin sehr gespannt, welche Richtung er einnehmen wird.“


Diözesanmuseum Osnabrück am Domhof: „Singen wie die Engel“ bis 31. Mai 2015. Geöffnet: dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.

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