Ein politischer Herbst Wie aus einer privaten Biografie ein politisches Tagebuch wurde

Von Bastian Klenke

In Ihrem Tagebuch hielt Ursula Wittschell den Umbruch im Herbst 1989 fest. Foto: Jörn MartensIn Ihrem Tagebuch hielt Ursula Wittschell den Umbruch im Herbst 1989 fest. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. „Wie die nächste Dekade ausfallen wird, privat wie politisch? Panta rhei (Alles fließt)!“ beginnt Ursula Wittschell aus Hasbergen im Landkreis Osnabrück am 20. September 1989 ihr Tagebuch. Als sich Wittschell entschloss, ein Tagebuch zu beginnen, wollte sie lediglich ihre persönlichen Erinnerungen festhalten. Doch unvermittelt fand sie sich in den Wirren des Mauerfalls wieder.

4. Oktober: „Am vergangenen Samstag durften nachts, ganz überraschend, alle DDR-Flüchtlinge aus den Botschaften in Prag und Warschau mit Zügen der DDR-Reichsbahn über DDR-Hoheitsgebiet in die Bundesrepublik ausreisen. Die Grenze zwischen DDR und CSSR wurde gestern Nachmittag geschlossen.

In Leipzig demonstrierten am Montag wieder Zehntausende. Ob sie etwas bewirken können?“

Wo waren Sie als die Mauer fiel? Schreiben Sie uns Ihre Erinnerungen ››

10. Oktober: „Das sich für Tage total eingeigelte DDR-Regime feierte mit dem Empfang Gorbatschows, dem Fackelzug der FDJ und einem martialischen Spektakel der Volksarmee am vergangenen Wochenende den 40. Gründungstag. […] Im Land fanden gleichzeitig die größten Demonstrationen seit dem 17. Juni 1953 statt. So hörte und sah man viele tausend Menschen, die die Rufe ‚Freiheit jetzt‘und ‚Gorbi hilf uns‘ anstimmten.“

24. Oktober: „Im Zug nach Hannover trafen wir am 18. Oktober auf eine sehr alte Frau aus Leipzig, mit der ich mich unterhielt. Was mich erschreckte war die grenzenlose Angst vor eventuellen Zuhörern aus der DDR. Die Frau wollte nur hinter geschlossener Tür sprechen. Dabei schien sie mir sogar ziemlich systemkonform, nicht aufmüpfig, sondern resignierend.“ [...]

3. November: „In der DDR rollen zwar die Köpfe – symbolisch -, aber wirklich große einschneidende Veränderungen stehen aus. Das Volk demonstriert allerorten friedlich. „[...]

11. November: „Wie unverbraucht und spontan erscheinen mir die DDR Menschen. Diese Jahrzehnte lang unterdrückten Menschen, die sich ‚Ihre Demokratie‘ nun erkämpfen. Es herrscht ein unbeschreiblicher Freudentaumel. Hoffentlich geht die Entwicklung so friedlich wie bisher weiter.“

22. Dezember: „Ich habe schon wochenlang nicht mehr geschrieben, obwohl politisch in Europa die größten Veränderungen stattfinden. […]

In der DDR ging inzwischen alles so schnell, Politbüro und ZK traten vor Wochen zurück. Die Menschen in der DDR haben eine friedliche Revolution gemacht.“