Baustelle und Gettoisierung in Osnabrück Gewalt und weniger Kundschaft: Johannisbeere schließt

Von Dietmar Kröger


Osnabrück. Sie haben die Nase voll und werden der Johannisstraße Ende des Jahres, spätestens aber im April den Rücken kehren – die Betreiber der Osnabrücker Kneipe Johannisbeere geben auf. Sie kapitulieren vor zunehmender Gewalt und abnehmender Kundschaft.

„Wenn wir den Laden hier dicht machen, fallen wir nicht ins Bodenlose“, sagen Jenny Weitzmann und Kamil Alarslan. Die beiden haben vorgesorgt und werden durch die Aufgabe der Johannisbeere nicht arbeitslos. „Menschlich gesehen würden wir gerne weitermachen. Aber wir sind Kaufleute, und aus wirtschaftlicher Sicht ist das hier nicht mehr interessant.“

Seit fast fünf Jahren stehen sie in der Johannisbeere hinter der Theke. „Es war eine schöne Zeit, bis auf die letzten anderthalb Jahre. Das war Hardcore“, sagt Alarslan. Sie hätten den Laden renoviert und sich eine neue Stammkundschaft aufgebaut, die ihnen nun aber nach und nach wieder wegbreche. Verantwortlich dafür machen Weitzmann und Alarslan die Bauarbeiten am Neumarkt und die zunehmende Gettoisierung der Johannisstraße. Drogenabhängige, Alkoholiker und gewaltbereite Jugendliche nähmen die Straße immer mehr in Besitz.

Durch den Staub und den Dreck am Neumarkt kämen immer weniger Gäste. Die Absage von Straßenfesten trage ihren Teil zur negativen wirtschaftlichen Entwicklung bei. Und wenn demnächst das Einkaufscenter gebaut werde, sei die Johannisstraße komplett vom Publikumsverkehr aus Richtung Neumarkt abgeschnitten. „Es mag ja sein, dass die Johannisstraße eine Zukunft hat. Das aber im besten Fall wohl erst in vier bis fünf Jahren, wenn die Bauprojekte verwirklicht sind“, schätzt Alarslan die Zukunft ein. Einen so langen Atem haben die beiden Kneipiers nicht.

Großes Gewaltpotenzial

Aber es sind nicht nur die Bauarbeiten, die den beiden zu schaffen machen. „Das Gewaltpotenzial in der Johannisstraße vertreibt die Gäste“, sagt Alarslan. Mittlerweile sei es so weit, dass er Mitarbeiterinnen entweder selbst nach Hause bringe oder so lange nach Geschäftsschluss mit ihnen warte, bis das bestellte Taxi vor der Tür vorfahre. Stammgäste würden von ihnen zum Bus gebracht. Auch handgreifliche Auseinandersetzungen sind den beiden nicht fremd. Nachhaltig in Erinnerung gebleiben ist ihnen ein Zwischenfall vor etwa sechs Wochen, bei dem mehrere junge Männer vor vier Mädchen in unmittelbarer Nähe zur Johannisbeere ihr Geschlechtsteil entblößten. Die jungen Frauen flüchteten sich in die Gaststätte. Alarslan und einige Stammgäste wollten die Exhibitionisten zur Rede stellen, es kam zu einer ausgewachsenen Schlägerei, in deren Nachgang auch noch der Besitzer eines benachbarten Kiosk mit einem Messer angegriffen wurde, wie Weitzmann und Alarslan berichten.

Die Polizei habe nur sehr verzögert auf den Alarm reagiert, beklagen sich die beiden. Auch sei das polizeiliche Eingreifen für die Täter in ihren Augen bislang folgenlos geblieben, da diese wieder in der Johannisstraße unterwegs seien. Ein Sprecher der Polizei bestätigt den Vorgang, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass die Untersuchungen schwierig seien, weil sich den Beamten vor Ort eine „undurchsichtige“ Situation geboten habe. Zudem seien die betroffenen Mädchen bislang unbekannt. Auch wollten offensichtlich nicht alle Zeugen ihren Eindruck des Geschehens vor der Polizei zu Protokoll geben.

Spritzen auf der Toilette

Die Toilettenbenutzung in der Johannisbeere ist nur noch den Gästen vorbehalten. „Wie lassen niemand anders mehr auf unsere Toiletten“, sagt Weitzmann. Zu oft seien die Örtlichkeiten verdreckt worden. Vor allem aber hätten Drogenabhängige die Räume genutzt, um sich einen Schuss zu setzen. „Wir haben schon so viele Spritzen gefunden. Das geht alles nicht mehr.“ Weitzmann und Alarslan sind sich bewusst, dass ihre Sicht auf die Johannisstraße zumindest in Teilen eine andere ist als die anderer Geschäftsleute. „Wir erleben eben auch die Situation nach Geschäftsschluss. Dann wird es hier richtig finster.“ Sie hätten Erfahrungen mit einer Gaststätte in Schinkel. Dort gebe es die Probleme nicht. „Was dem Schinkel nachgesagt wird, findet hier statt.“

Es sei wie ein Virus, der langsam die Johannisstraße hochkrieche. Die beiden Gastronomen fühlen sich von Stadt und Polizei im Stich gelassen. Völliges Unverständnis erntet bei ihnen der Vorschlag, die Geschäftsleute sollten sich an einer Aufstockung des OS-Teams finanziell beteiligen. Bei Umsatzeinbußen von bis zu 40 Prozent für die beiden ein völlig unmögliches Ansinnen. Sie hätten mit dem Thema Johannisstraße abgeschlossen, sagen Weitzmann und Alarslan. Ihr Blick zurück ist frei von Groll. „Wir hatten hier auch schöne Jahre, aber das ist nun vorbei. Jetzt sehen wir hier für uns keine Zukunft mehr. Damit können wir leben. Uns tut es nur leid um die Johannisstraße und alle Geschäftsleute, die hier weitermachen müssen.“