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Polizisten radeln Weg ab Totschlagprozess: Wo war der Frauenarzt zur Tatzeit?

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Ein Bild vom Prozessauftakt in Landshut. Der ehemalige Chefarzt aus Osnabrück, ist angeklagt, seine Frau getötet zu haben. Foto: Renate SchmidtEin Bild vom Prozessauftakt in Landshut. Der ehemalige Chefarzt aus Osnabrück, ist angeklagt, seine Frau getötet zu haben. Foto: Renate Schmidt

temp Landshut/Osnabrück. Im Landshuter Totschlag-Prozess gegen einen früheren Chefarzt aus Osnabrück rätseln die Richter, wo sich der Angeklagte zur Tatzeit aufgehalten hat.

Zuletzt hatte das dramatisch zerrüttete Verhältnis des Frauenarztes zu seinen vier Kindern aus erster Ehe im Mittelpunkt des Verfahrens vor dem Landgericht Landshut gestanden. Es ist ein psychologisch interessanter Punkt, weil er ein hohes Konfliktpotenzial in der Beziehung des Angeklagten und seiner zweiten Ehefrau bedeutet haben kann. Staatsanwalt Klaus Kurtz muss, wenn er nachweisen will, dass der Angeklagte der Täter ist, eine überzeugende Erklärung dafür finden, wie und warum es am 4. Dezember 2013 zwischen dem Arzt und seiner Frau zu einem tödlichen Streit gekommen sei. Der Angeklagte bestreitet jede Schuld und hat seine Ehe als bis zuletzt harmonisch dargestellt .

Doch kann der Ex-Chefarzt überhaupt der Täter gewesen sein? Er hat den Ablauf des Tattages so beschrieben, dass er schon aus Zeitgründen ausscheide. Seiner Darstellung nach hat er sein Reihenhaus kurz nach 12.30 Uhr verlassen und war mit dem Fahrrad in die Erdinger Innenstadt geradelt, wo er einige Zeit auf seine Frau gewartet haben will. Die habe mit dem Auto in die Stadt fahren wollen und er hätte für sie das Einparken des großen Kombis übernehmen sollen. Als sie nicht eintraf, sei er schließlich kurz nach 13.15 Uhr in seine Praxis geradelt, wo er um 13.30 Uhr angekommen sei.

Zur Aufgabe der Kripo Erding gehörte es, ein „mögliches Tatzeitfenster des Beschuldigten“ zu ermitteln. Das letzte Lebenszeichen des Opfers war ein kurzes Telefongespräch, das sie mit ihrem Sohn führte. Er hat sie am 4. Dezember 2013 um 12.35 Uhr aus Frankfurt am Main angerufen. Aus Sicht der Ermittler muss der Angeklagte mehr oder weniger unmittelbar danach seine Frau angegriffen und getötet haben – laut dem Obduktionsergebnis wurde sie zunächst schwer verprügelt und schließlich erstickt. Danach sei er, aus Sicht der Ermittler, wohl ohne Umweg gleich in seine Praxis geradelt.

Kripobeamte radelten den Weg vom Reihenhaus zur Praxis ab. Mit dem Ergebnis: Wenn man mit hohem Tempo fahre, gehe das in weniger als zehn Minuten. Das „Tatzeitfenster“ wäre demnach etwa 40 Minuten groß.

Die Kripobeamten fuhren auch den Weg, den der Angeklagte beschrieben hatte. Er hatte dabei angegeben, er habe an einer Bahnschranke minutenlang warten müssen, da zwei S-Bahnen durchgefahren seien. Die tatsächlichen Fahrzeiten aller S-Bahnen sind bei der Deutschen Bahn minutengenau protokolliert. Demnach müsste der Arzt um 12.59 Uhr an den Schranken angekommen sein. Da die Fahrzeit mit dem Rad von seinem Haus bis zu den Bahnschranken jedoch kaum mehr als elf Minuten betrage, so die Kripo, müsste er zu Hause erst nach 12.45 Uhr gestartet sein. Das wäre jedoch später, als er angegeben hatte.

Die Vorsitzende Richterin Gisela Geppert vermeldete außerdem einen weiteren interessanten Punkt. Auf ihre Anordnung haben Polizeibeamte im Reihenhaus leere, aber wieder zugeschraubte Mineralwasserflaschen gesucht. Dabei fanden sich zwei Flaschen, aus denen Alkoholgeruch wahrzunehmen war. Hochprozentigen Schnaps in Wasserflaschen zu tarnen, ist eine bekannte Methode von Alkoholikern, die ihre Trunksucht verbergen wollen. Die Ehefrau des Angeklagten war alkoholkrank. Der Arzt hat angegeben, er habe das lange nicht gewusst und erst wenige Tage vor der Tat entdeckt.


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