Dialogbeauftragte der Polizeidirektion „Wir brauchen mehr Migranten bei der Polizei“

Von Sven Kienscherf

Sabina Ide ist seit 2011 Dialogbeauftragte der Polizei. Auch in den Reihen der Beamte gab es zu Beginn Vorbehalte. Foto: Sven KienscherfSabina Ide ist seit 2011 Dialogbeauftragte der Polizei. Auch in den Reihen der Beamte gab es zu Beginn Vorbehalte. Foto: Sven Kienscherf

Osnabrück. Sabina Ide ist seit Juni 2011 Dialogbeauftragte bei der Polizeidirektion Osnabrück. Sie sucht vor allem den Kontakt zu muslimischen Vereinen und Verbänden. Zuvor hat die 53-Jährige, die selbst keine Polizistin ist, als Fremdsprachenkorrespondentin und freie Autorin gearbeitet. Sie spricht über Vorurteile, Parallelgesellschaften und erzählt, warum es wichtig ist,dass es mehr Polizisten mit Migrationshintergrund gibt.

Frau Ide, wie muss man sich ihre Arbeit als Dialogbeauftragte vorstellen?

Meine Arbeit muss man sich so vorstellen, dass ich sie nicht nur vom Schreibtisch aus erledigen kann. Ich bin oft unterwegs und habe viele persönliche Begegnungen und Kontakte mit den unterschiedlichsten Menschen. Die Themen meiner Arbeit reichen von der Nachwuchswerbung für die Polizei bei jungen Migranten über interne Fortbildungsveranstaltungen bis hin zur Präventionsarbeit. Außerdem sehe ich mich als Netzwerkerin zwischen den migrantischen Vereinen, Verbänden, Kommunen und der Polizei.

Wozu braucht die Polizei eine Dialogbeauftragte?

Weil alles mit allem zusammenhängt und sich unsere Welt rasend schnell verändert. Die Polizei ist nicht nur dazu da, um zu kontrollieren und Anzeigen zu schreiben, auch wenn das in den Köpfen von vielen Migranten so drin ist. Es geht darum, dass sich die muslimische Community vertrauensvoll an uns wendet, wenn es Probleme, Ängste oder Fragen gibt. Deshalb halte ich meine Arbeit als Dialogbeauftragte für absolut notwendig und zeitgemäß.

Welche Vorbehalte gibt es gegenüber der Polizei?

Manchmal muss ich erklären, dass ein Streifenwagen an der Moschee vorbeifährt, um Sicherheit zu gewährleisten, nicht aber, um deren Besucher zu kontrollieren. Oft trauen sich die Menschen nicht mit einer Anzeige zu uns. Das kann auch mit schlechten Erfahrungen zu tun haben, die sie in ihren Herkunftsländern mit der Polizei gemacht haben. Zudem gibt es das hartnäckige Gerücht, dass man sich nur bei der Polizei bewerben kann, wenn man die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Das stimmt nicht!

Hatten Polizisten zu Beginn eigentlich auch Vorbehalte gegen ihre Rolle?

Als Quereinsteiger, der nicht in der Polizei sozialisiert ist, habe ich eine gewisse Anlaufzeit gebraucht. Das ist normal. Ich musste mich erst mal bei der Polizei als Behörde zurechtfinden und natürlich auch das Vertrauen der Kollegen gewinnen. Es war ein gegenseitiger Prozess. Mittlerweile greifen viele Polizisten auf meine Kenntnisse zurück und haben erkannt, dass es von Vorteil ist, eine Dialogbeauftragte in den eigenen Reihen zu haben.

Immer wieder ist von Parallelgesellschaften bei Migranten die Rede. Ist das eine Beobachtung, die sie teilen?

Unsere Gesellschaft besteht aus nichts anderem als Parallelgesellschaften. Nehmen Sie das Bildungsbürgertum oder andere soziale Schichten. Parallelgesellschaften wird es immer geben, aber das ist nicht grundsätzlich schädlich. Es gibt immer Bereiche, wo es sich überschneidet: im Kindergarten, in der Schule und im Berufsleben. Wenn ich privat auf eine bestimmte Art und Weise lebe, hindert mich das nicht unbedingt daran, in dieser Gesellschaft gut klar zu kommen.

Problematisch ist es aber möglicherweise, wenn strafrechtlich relevante Konflikte intern geregelt werden.

Das gibt es sicherlich, aber für den Bereich der Polizeidirektion Osnabrück habe ich noch nichts davon gehört. Aber ich kann mir schon sehr gut vorstellen, dass auch hier in bestimmten Familien Dinge abgesprochen werden. Inwieweit dass rechtlich problematisch ist, kann ich nicht beurteilen.

Sind Sie auch im Gespräch mit Salafisten?

Ich spreche mit jedem, der das Gespräch mit mir sucht oder wo es sich ergibt. Ich muss nicht mit jedem einer Meinung sein, mit dem ich am Tisch sitze.

Sie haben in den Moschee-Gemeinden viel mit Jugendlichen zu tun. Was ist deren Blick auf die Welt?

Es fehlen oft die Perspektiven. Es ist wichtig, dass man die Jugendlichen wertschätzt, dass man ihnen sagt: Wir glauben an Dich. Eigentlich suchen Jugendliche Anleitungen für ihr Leben und vor allem Antworten. Wenn wir ihnen keine Antworten geben, tun das eventuell andere…

Stichwort Nachwuchsgewinnung.

Mit den „Polizeiscouts“, ein bundesweit einzigartiges Projekt der Polizeidirektion Osnabrück im Bereich Nachwuchsgewinnung, haben wir einen Riesenerfolg. Das sind Jugendliche aus der muslimischen Community, die ehrenamtlich auf Gemeindefesten und anderen öffentlichen Veranstaltungen anderen Jugendlichen Informationen über den Polizeiberuf und den Bewerbungsweg geben. Wir erhoffen uns durch das Projekt mehr Bewerber mit Migrationshintergrund.

Warum ist es wichtig, dass es Polizisten mit Migrationshintergrund gibt?

Die Zusammensetzung der Bevölkerung sollte sich möglichst auch bei der Polizei widerspiegeln. Deshalb brauchen wir mehr Menschen mit Migrationshintergrund bei der Polizei. Wenn Kollegen unterschiedliche Biografien haben, lernen alle automatisch etwas über andere Kulturen, Traditionen und Religionen. Wir brauchen in unserer Gesellschaft weniger Kurse in interkultureller Kompetenz als vielmehr echte Begegnungen. Das kann keine Powerpoint-Präsentation ersetzen.

Seit 2011 sind Sie Dialogbeauftragte. Was hat sich seitdem geändert?

Ich bekomme aus den muslimischen Vereinen und Verbänden zahlreiche positive Rückmeldungen. Beispielsweise höre ich oft, dass man erleichtert ist, eine vertraute Kontaktperson zu haben. Gleiches gilt für Vertreter von Kommunen, anderen regionalen Institutionen und natürlich auch für die eigenen Mitarbeiter der Polizeidirektion Osnabrück. Wir haben es im Laufe der Zeit hinbekommen, mit dem neu gegründeten Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück zu kooperieren. Von der Fachkompetenz und den gemeinsamen Fortbildungsveranstaltungen profitieren unsere Kollegen sehr. Es ergeben sich fast täglich neue Möglichkeiten und Wege der gemeinsamen Zusammenarbeit.