Stadt- und Ortsführungen (1) Osnabrücker Stadtführung auf den Spuren der Frauen

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Berührt sind die Teilnehmer, wenn Renate Frankenberg den Abschiedsbrief von Elfriede Scholz vorliest, die Opfer des Nationalsozialismus war. Foto: Carolin HlawatschBerührt sind die Teilnehmer, wenn Renate Frankenberg den Abschiedsbrief von Elfriede Scholz vorliest, die Opfer des Nationalsozialismus war. Foto: Carolin Hlawatsch

Osnabrück. In der Stadt und dem Umland werden immer mehr Führungen angeboten. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad können Einheimische und Touristen markante Orte und deren Geschichte erkunden. In einer Serie stellen wir ausgewählte Rundgänge vor.

Justus Möser, Erich Maria Remarque, Felix Nussbaum – die Liste Osnabrücks berühmter Persönlichkeiten ist lang, doch größtenteils sind es Männer deren Lebenswerk in Museen und auf Stadtführungen gewürdigt wird. „Das ging mir irgendwann auf den Zeiger. Es erweckt den Eindruck, Frauen hätten früher nichts leisten können“, so Renate Frankenberg, Geschäftsführerin des Osnabrücker Stadtführungsunternehmens „Zeit-Seeing“. Weil sie als Geschichts- und Theologieexpertin und durch die Kooperation mit Historikern interessante historische Frauenpersönlichkeiten kennt, rief sie die Themenführung „Echte Osnabrückerinnen“ ins Leben.

Die Teilnehmer dieser Führung reisen vom 17. bis in das 20. Jahrhundert und treffen dabei auf Frauen, die zwar nicht berühmt wurden, aber Erstaunliches, manchmal Erschreckendes und stets Typisches für ihre Lebensepoche zu erzählen hätten, wenn sie es noch könnten. Das Erzählen übernimmt Renate Frankenberg nun für diese Damen. In der kleinen Ratskammer im Osnabrücker Rathaus machen die Teilnehmer zuerst Bekanntschaft mit Sophie von der Pfalz. Stolz blickt sie von einem Gemälde auf ihre Betrachter hinab. Es wirkt, als würde sie belustigt lauschen, wie die Stadtführerin versucht, Licht in all die Irrungen und Wirrungen ihrer Familie zu bringen, die zur adligen Oberschicht Osnabrücks gehörte. Die 1630 geborene Sophie war nicht nur Kurfürstentochter, sondern auch Enkelin aus englischem Königshaus, die später ins Haus der Welfen einheiratete, allerdings auf kleinem Umweg. „Ihr Verlobter, Welfe und Lebemann Georg Wilhelm, fing sich beim Maskenball in Venedig eine Geschlechtskrankheit ein. Mit einem derartigen Leiden konnte er das edle Fräulein Sophie nicht heiraten, das in Osnabrück auf ihn wartete“, erklärt die Stadtführerin. So habe er seinem Bruder Ernst August, dem späteren Bischof von Osnabrück, bei der Heirat den Vortritt gelassen.

Auf die amüsante Vorstellung des Adelsfräuleins folgen die dramatischen Schicksale zweier Osnabrückerinnen. Renate Frankenberg führt die Gruppe aus dem Rathaus, über den historischen Marktplatz hinüber zum Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum. In diesem Gebäude fand sich im 17. Jahrhundert die Apotheke des angesehenen Ratsapothekers Heinrich Ameldung. Dessen Frau Anna Ameldung wurde innerhalb von drei Monaten als Hexe verurteilt. Ein außergewöhnlicher Hexenprozess, denn erstmals wurde einer Angehörigen der Oberschicht ein Pakt mit dem Teufel nachgesagt. Spricht man am Remarque-Friedenszentrum von „echten Osnabrückerinnen“, darf die Schwester des berühmten Schriftstellers Erich Maria Remarque nicht unerwähnt bleiben. Elfriede Remarque wurde Schneiderin in Dresden, wo sie den Musiker Heinz Scholz heiratete. Eine Aussage gegenüber einer Kundin, die zeigte, dass Elfriede Gegnerin des Nationalsozialismus war, führte 1943 nach Denunziation bei der Gestapo zu ihrer Verhaftung. Elfriede Scholz wurde zum Tode verurteilt. Vor ihrer Hinrichtung im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee schrieb sie einen Abschiedsbrief an ihre Schwester Erna. Dieser Brief wird auf der Stadtführung vorgelesen. „Den Teilnehmern fällt das Weitergehen danach oft schwer“, weiß Renate Frankenberg, die die Gruppe auf dem kurzen Weg zum Café am Markt erst einmal durchatmen lässt.

Das Café befindet sich im Nachfolgegebäude des Geburtshauses von Literat Justus Möser. Hier lernen die Teilnehmer seine Tochter Jenny von Voigts kennen. Über diese hochgebildete Frau aus der Osnabrücker Oberschicht des 18. Jahrhunderts weiß die Stadtführerin genauso Spannendes zu berichten wie ein Stück weiter an der Statue „Mädchen mit Taube“ über die arme „Frau Altenbäumer“, die den Stadtrat 1762 mit ihrer missratenen Ehe mit einem Tagelöhner in Aufruhr versetzte.

Haben die Teilnehmer danach Lust und bleibt noch Zeit, lüftet Renate Frankenberg manchmal noch weitere Aufzeichnungen von Frauen, die in Osnabrück lebten. Dank deren Tagebucheinträgen, Briefen oder auch aus städtischen Akten können ihre Lebensgeschichten heute erzählt werden.


Die Stadtführung kann jederzeit auf Anfrage gebucht werden. Kosten je Gruppe bis 25 Personen 95 Euro. Kontakt: Zeit-Seeing Stadtführungen, Telefon: 0541 / 7502340. Öffentliche Führungen, für die keine Anmeldung erforderlich ist, finden von April bis Oktober jeden zweiten Donnerstag im Monat um 19.30 Uhr statt und kosten 5 Euro für Erwachsene, 2 Euro für Kinder (bis 16 Jahre). Startpunkt der Führung ist die Treppe vor dem Osnabrücker Rathaus am Markt, Dauer: zwei Stunden.

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