Als die Bürger sich plötzlich empörten Die Anfänge städtischer Denkmalpflege in Osnabrück

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Osnabrück. Den Job als kommunaler Denkmalpfleger verdanke ich der innerstädtischen Protestbewegung im Osnabrück vor 40 Jahren: Diese Erkenntnis ließ Bruno Switala in seinem Vortrag über Denkmalschutz bis 1975 und die Zeit danach aus Gründen der Bescheidenheit unerwähnt. Viel wichtiger war ihm zu sagen: Empört euch, Bürger, wenn künftig wieder Stein gewordene Geschichte dem hippen Neuen angeblich im Wege steht – und unwiederbringlich beseitigt werden soll.

„Was war geschehen, dass was geschah“ – so lautete die leicht kryptisch formulierte Überschrift für Switalas einstündigen Vortrag, zu dem ihn das Ortskuratorium der Deutschen Stiftung Denkmalschutz eingeladen hatte. Zuhöchst persönlich, einseitig fokussiert seien seine Gedanken und Geschichte des Osnabrücker Denkmalschutzes, wollte Switala am Anfang sichergestellt wissen.

Er wurde 1975 der erste kommunale Denkmalpfleger, den eine niedersächsische Großstadt anstellte. Was den Absolventen des Aachener Studiengangs Architektur und Denkmalpflege mit bis dato nur wenig Berufserfahrenen am meisten überraschte: Das Interesse des Rates und der Öffentlichkeit in Form der Presse an seiner Arbeit sei sehr groß gewesen. „Alles musste berichtet werden“, erinnerte Switala.

Welche Folgen die wachsende Wahrnehmung für einen erfolgreichen Denkmalschutz hatte, zeigte Switala etwa am Haseschachtgebäude. Die ehemalige Ruine wurde wegen ihrer Industrialisierungs-Architektur schützenswerter als wirtschaftlich interessante Sandabbaurechte gewertet. „Finanziell unterstützte das Land das Gebäude ohne großes Entwicklungskonzept“, schilderte Switala noch heute spürbar erstaunt. Einzig dem „großen Interesse“ sei es zu verdanken, dass sich dort inzwischen eine Museumslandschaft entwickelt habe. Bestand durch öffentliches Engagement haben zudem die alte Hebammenlehranstalt, die Große Domsfreiheit und Räume im Gebäude des heutigen Gourmet-Restaurants „La Vie“, erinnerte Switala.

Was aber war der Grund für dieses große Interesse an Fragen des Denkmalschutzes und für den Widerstand gegen Pläne, Osnabrücker Baugeschichte zu eliminieren? Switala konnte letztlich keine Begründung für die plötzlich auftauchende innerstädtische Protestbewegung liefern, die 1973/74 in übervollen Bürgerversammlungen, Tausenden Demonstranten, Zehntausenden Namen auf Unterschriftslisten und sogar in Häuserbesetzungen sichtbar wurde. Klar sei aber: Erst als das öffentliche Interesse nicht mehr zu übersehen war, bewegten sich Rat und Verwaltung – und institutionalisierten die Denkmalpflege.

Diese Erkenntnis gelte bis heute: Fragen stellen, Forderungen erheben und die Verantwortlichen zwingen, das öffentliche Interesse am Denkmalschutz ernst zu nehmen – so bewahre man eine Kommune vor dem Verlust ihrer Individualität. „Und wenn die fehlt, geht eine Stadt kaputt“, schloss Switala.


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