Tag 3 im Totschlagsprozess Blutspuren können Osnabrücker Arzt nicht überführen

Von

Die Betrachtung kleinster Details und mikroskopischer Spuren prägten den dritten Verhandlungstag im Totschlagsprozess gegen einen Osnabrücker Frauenarzt am Landgericht Landshut. Foto: Renate SchmidtDie Betrachtung kleinster Details und mikroskopischer Spuren prägten den dritten Verhandlungstag im Totschlagsprozess gegen einen Osnabrücker Frauenarzt am Landgericht Landshut. Foto: Renate Schmidt

temp Osnabrück/Landshut. Nach dem spannenden Auftakt wird nun immer deutlicher, dass das Verfahren gegen den des Totschlags verdächtigen Osnabrücker Frauenarzt eben doch ein klassischer Indizienprozess ist. Die Betrachtung kleinster Details und mikroskopischer Spuren prägten den dritten Verhandlungstag am Landgericht Landshut.

Bereits die ultrakurze, nur acht Zeilen lange Anklage hatte klar gemacht, dass die Ermittlungen keine Beweise dafür erbracht haben, dass der 55-jährige Medizinprofessor am 4. Dezember 2013 seine damals 60-jährige Ehefrau Brigitte B. in ihrem Reihenhaus in Erding getötet hat. Weil der Angeklagte die Tat vehement bestreitet, kann ein Schuldnachweis deshalb nur gelingen, wenn viele Mosaiksteinchen, die einzeln und für sich genommen wenig Aussagekraft haben, zusammengesetzt am Ende ein klares Gesamtbild ergeben.

Schwache Indizien

Wie schwierig es jedoch ist, überhaupt Puzzlestücke zu finden, machte das Gutachten eines Spezialisten für Blutspuren vom rechtsmedizinischen Institut der Universität München deutlich. Am Montag hatten Spurenexperten der Kripo Erding und des bayerischen Landeskriminalamts in einem digitalen 3-D-Film die Spurenlage im Haus des Ehepaars anschaulich vorgestellt. Demnach fanden sich im Bad, wo die Leiche von Brigitte B. gefunden wurde, sowie im Flur davor, auf der Treppe ins Dachgeschoss und im Wohnzimmer zahlreiche, wenn auch weggeputzte Blutspuren.

Der Experte erläuterte nun jedoch, dass die gefundenen Spuren keine klaren Rückschlüsse erlaubten. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen sind nur schwache Indizien.

Viele Erklärungen

Er hatte bei den Waschbecken vier kleine Spritzer mit Blut von Brigitte B. entdeckt – im Normalfall offensichtliche Zeichen einer Gewalttat. Ein Tropfen klebte an der Unterseite eines an die Wand geschraubten Unterschranks, drei weitere ganz hinten an den Wandkacheln. Sie waren so versteckt, dass man sich auf den Fußboden legen musste, um sie zu entdecken.

Wurde das Opfer so hart geschlagen, dass Bluttropfen aus einer Wunde wegflogen? Vielleicht. Allerdings, so der Experte, gäbe es auch andere Erklärungsmöglichkeiten.

So oder so war es sonderbar, dass es – zum Beispiel an den Türen des Unterschranks – keine weiteren Blutspritzer im Bad zu sehen gab, als der Notarzt, die Rettungssanitäter und die Polizei am Tatort waren. Doch aus dem Nichtvorhandensein von Spuren lässt sich vernünftigerweise nichts ableiten. Oder doch?

Verdächtiger Fleck

Einen gewissermaßen verdächtigen Fleck weggeputzten Blutes entdeckte der Sachverständige unter einem Beautycase. Ein Vergleich mit Fotos der Polizei vom Tatabend zeigte, dass das halb geöffnete und voll gepackte Köfferchen nicht bewegt worden war. Der Tragegurt lag zum Beispiel noch in der exakt gleichen Schlingung oben drauf. Das lege folgenden Schluss nahe, so der Gutachter: Das Bad war schon von Blutspitzern gereinigt, bevor Notarzt, Sanitäter und Polizei kamen. Als die Außenstehenden am Tatort waren, gab es keine Blutspuren zu sehen, außer einer kleinen Lache direkt neben dem Kopf der Leiche. Womöglich hatte der Täter also vorher geputzt.

Spuren an Handschuhen, Rad und Brille

Auch in den Handschuhen des Angeklagten und am Lenker seines Fahrrads fanden sich Blutspuren. Aber der Angeklagte hat dafür eine Erklärung: Als er seine Frau leblos im Bad fand, habe er sie berührt und sei in Kontakt mit ihrem Blut gekommen. Später habe er dann seine Handschuhe zu seinem Fahrrad in der Garage gebracht.

Für einen direkten, minimalen Blutspritzer auf der Brille des Angeklagten, lieferte er sogar zwei Erklärungen: Entweder sei das Tröpfchen am Tag vorher auf seiner Brille gekommen, als seine Frau angeblich Nasenbluten hatte. Oder es passierte, als er im Bad neben der Leiche seine Brille abnahm und von sich warf – was sein Nachbar bezeugte.

Weitere „diffuse Blutantragungen“ stellte der Experte auf der Treppe zum Dachgeschoss, am Treppengeländer und an der Terrassentür zum Garten fest. Aus all diesen lasse sich aber kaum etwas ableiten. Nur möglicherweise habe es „eine Tatphase“ auf der Treppe gegeben. Aber das sei nicht mehr als eine Vermutung.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN