Zeitreise ins Jahr 1892 Schmuddelecke neben dem Osnabrücker Dom

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Osnabrück. Nicht gerade seine Schokoladenseite zeigt der Dom auf diesem Foto aus der Zeit um 1891. Fotograf Rudolf Lichtenberg hat es wahrscheinlich angefertigt, um noch einmal den alten baulichen Zustand der südlichen Dom-Nachbarschaft festzuhalten. Denn Abriss und Neugestaltung waren bereits beschlossene Sache.

Die heruntergekommenen Gebäude spiegeln ein wenig die Turbulenzen wider, denen das Bistum Osnabrück im 19. Jahrhundert ausgesetzt war. Die Jahreszahl 1803 steht für das Ende der geistlichen Fürstentümer und somit auch des Hochstifts Osnabrück. Das Bistum verlor alle weltliche Macht, einen Großteil seiner Besitztümer, zeitweise auch seine kirchliche Eigenständigkeit und wurde in Personalunion vom Hildesheimer Bischof geführt. Von 1803 bis 1855 residierten in Osnabrück nur Weihbischöfe als Statthalter. 1857 wurde das Bistum wiederhergestellt, hatte aber in bewegten Zeiten unter wechselnder Landesherrschaft einen schweren Stand. Von 1878 bis 1882 blieb der Bischofssitz als Folge des Kulturkampfes, den Preußen gegen die katholische Kirche führte, verwaist.

In dem halben Jahrhundert, in dem das Bistum Osnabrück faktisch nicht existierte, gab es kein Domkapitel. Folglich standen auch die Kurienhäuser im Dombezirk leer. Darunter das einst stattliche Anwesen des Domherrn und Domküsters Clemens August von Haxthausen, das sich südlich an Dom und Kreuzgang anlehnte. Nach der Säkularisation übernahm die staatliche Regierung die Liegenschaft und nutzte sie für untergeordnete Zwecke wie Stallungen, Getreidespeicher und Lagerschuppen. Für die gröbste Verunstaltung sorgte aber wohl die Einrichtung eines Gefängnisses im Südflügel. Nach dem Gefängniswärter Pott, der in einem Verschlag zwischen Kreuzgang und Gefängnis wohnte, hieß die Einrichtung im Volksmund bald „Pottschapp“.

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1864 klagte der „Kirchen- und Volksbote“: „Diese ganze Seite des Domes ist in einer Weise vor- und zugebaut, daß es einem Fremden fast unmöglich wird, von dieser Seite das Dasein einer Kirche, geschweige einer so großen Cathedrale zu vermuten. Es wird freilich schwer werden, hier nach Gebühr wegzuräumen.“ 20 Jahre später war das Bistum in jeder Hinsicht so weit erstarkt, dass unter dem kraftvollen Bischof Bernhard Höting (1821–1898, Episkopat 1882–1898) eine Umgestaltung des Doms innen und außen in Angriff genommen wurde. Als Ausdruck wiedergewonnenen Selbstbewusstseins ließ er seinen Dombaumeister Alexander Behnes (1843–1924) Barockausstattung entfernen und durch neuromanische Stilelemente ersetzen. Außen am Dom machte er gleich weiter und riss die von Haxthausen’sche Kurie samt „Pottschapp“ und allen Nebengebäuden ab. Die Fertigstellung des Justizgebäudes und des dahinterliegenden Gefängnisses am Neumarkt im Jahr 1878 – übrigens auch ein Behnes-Werk – hatte den Weg für den Rückkauf des südlichen Dombezirks durch das Bistum (1885) und den Abriss des Knastes (1891/ 1892) frei gemacht. Dem Freiherrn Clemens Ostman von der Leye gelang es, die prächtige Toranlage an der Zufahrt zur Kurie zu retten und zu seinem Gut in Atter zu transferieren.

Architekt Behnes entwarf für den südlichen Dombezirk eine konsequent neuromanische Umbauung, die ein geschlossenes Erscheinungsbild erzeugen sollte und in den Jahren 1892 bis 1894 umgesetzt wurde. Im Westflügel entstand unter anderem die Michaelskapelle und im südlichen Flügel die zweigeschossige neue Margarethenkapelle. Der Kreuzgang aus dem 12./13. Jahrhundert wurde aufgestockt, Domschatzkammer und Teile des Domarchivs fanden Platz.

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Die „historisierende“, aber letztlich unhistorisch glättende Ummantelung blieb in der Folgezeit nicht ohne Kritik. So wurde etwa angemerkt, dass das mittelalterliche bauliche Funktionsgefüge mit Domherrenkurie, Wohngebäuden für Bedienstete, Wirtschaftsgebäuden für Vorräte und Vieh, also die typische Domimmunität als „kleine Stadt in der Stadt“, einfach übertüncht worden sei.

1939 bestimmte man den Kreuzgang zum Luftschutzraum, indem man die Arkaden zum Innenhof zumauerte. Bis zu 280 Personen sollten dort Schutz vor Bomben finden können. 1944 zerstörten Sprengbomben Teile des Kreuzgangs und der Nebengebäude. Die äußeren Umfassungsmauern blieben stehen. Bis 1955. Dann wurde, was heute kaum verständlich erscheint, der Westflügel durch einen einfachen Standardbau ersetzt, der seit 2008, weiß verputzt, als „Forum am Dom“ den neuen Zugang zum Diözesanmuseum bildet. Die Ruine des dreigeschossigen Eckbaus riss man ab und setzte stattdessen ein baustilistisch aus dem Rahmen fallendes Klassizismus-Gebäude dorthin. Es gehörte der Fabrikantenfamilie Hammersen und stand zuvor an der Johannisstraße 19/20, wo es der Straßenverbreiterung weichen musste. 1961 segnete Bischof Helmut Hermann Wittler den Eckbau als Sitz der Borromäus-Bibliothek.

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