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Umsatzeinbußen und Schließung Baustelle: So leiden die Geschäfte an der Johannisstraße

Von Wilfried Hinrichs


Osnabrück. Wenn ein kleiner Käseladen an der Johannisstraße schließt, ist das eigentlich keine große Meldung. Aber die Begründung lässt aufhorchen: Die Neumarkt-Baustelle habe die Laufkundschaft vertrieben. Wie steht es um die Geschäftswelt in der gequälten Straße?

Die De Goey Käse GmbH mit Sitz in Emmerich knipste vorige Woche das Licht in dem kleinen Ladenlokal aus und sucht seither per Aushang im Schaufenster nach einem Nachmieter. Über den Rückzug aus Osnabrück will der Käsehändler nicht erklären, er belässt es bei einem Satz: Die Baustelle habe die Kundschaft vertrieben.

Der Abriss des Neumarkt-Tunnels reißt auch bei anderen Geschäftsleuten in der Straße Löcher ins Budget. „30 Prozent weniger Laufkundschaft und zehn Prozent weniger Umsatz seit Beginn der Bauarbeiten“: Das ist die Zwischenbilanz von Birte Erhardt vom gleichnamigen Fotoladen. Die Zahlen zeigen: Die treuen Kunden, die den Weg durch die Absperrbaken vorbei ins Geschäft finden, kaufen dann auch ein. Aber die Laufkundschaft fehlt. Es sei „bewundernswert“, wie Kunden und Mitarbeiter die Unannehmlichkeiten erduldeten: „Man kommt morgens in die Filiale und weiß nicht, was kommt. Mal ist der Strom weg, mal kein Wasser da. Es gibt immer Überraschungen.“ Birte Erhardt ist trotzdem guter Dinge: „Irgendwann wird‘s ja wieder besser.“

1000 Kunden weniger

Ob das auch für den Busverkehr gilt? Die Stadt hat einen zuvor hölzernen, provisorischen Haltepunkt am Ende der Johannisstraße in Beton gegossen. Die Haltestelle wird so bis zum endgültigen Ausbau der Johannisstraße bleiben, wie Baustellen-Chefkoordinator Lutz Vorreyer erklärt. Der Raum ist beengt. Und weil ein Dach fehlt, suchen viele Wartende Schutz in den Eingängen der Geschäfte, verdecken die Schaufenster, blockieren die Türen.

Optiker Udo Exner kann ein Klagelied darüber singen: „Ich kann es den Leuten nicht verdenken, aber wir haben den Schaden dadurch.“ Potenzielle Laufkundschaft könne er gar nicht erreichen. Seit über 100 Jahren gibt es nach seinen Angaben an diesem Standort einen Optiker, er selbst betreibt das Geschäft unter dem Namen „Lünetta“ hier seit 18 Jahren. Entsprechend groß und treu ist seine Stammkundschaft. Deshalb heißt für ihn die Devise: durchhalten – auch wenn das Rumoren im Untergrund schon Risse in die Wände gezogen hat.

Mit einem Wort charakterisiert Margarete Twiehaus, Inhaberin des Edekamarktes an der Gerichtsecke, die Baustelle: „Katastrophe“. Die Sommer-und Semesterferien seien traditionell umsatzschwache Zeiten, aber in diesem Jahr sei es besonders schlimm gewesen. Sie registrierte etwa 800 bis 1000 Kunden weniger pro Tag (bei durchschnittlich 3500 bis 4000 Kunden) und einen Umsatzrückgang von 20 Prozent. „Wir müssen uns bei den Leuten bedanken, dass sie trotz der Baustelle zu uns gekommen sind“, sagt die Einzelhändlerin, die wie ihre Nachbarin aus dem Fotoladen die Unbill mit Fassung trägt. Ein Grund für ihre Gelassenheit könnte sein, das sie am Ende des Jahres in den Ruhestand geht und das Geschäft an der Johannisstraße an Tom Kutsche übergibt. Twiehaus: „Es geht nahtlos weiter.“

Auf der anderen Straßenseite hält Franco Daloiso in seiner Vodafone-Niederlassung die Stellung. Das Haus gehört der L+T-Immobiliengesellschaft und wird deshalb nicht dem Einkaufscenter weichen. Das bedeutet für Daloiso aber auch, dass er auf dieser Bau-Insel spätestens ab 2015 Staub und Baulärm zu ertragen hat – rundherum und mehr noch als in den vergangenen Monaten. „Der Lärm war manchmal heftig“, klagt er. Das habe die Beratungsgespräche auch bei geschlossener Tür sehr gestört. Weniger Laufkundschaft? „Jein“, sagt der Handy-Mann. Gut findet er, dass die Stadt die Anlieger schriftlich über die Bauarbeiten und etwaige Störungen informiert. Schlecht sei aber, „dass man sich darauf nicht verlassen kann“. Die angegebenen Termine passten oft nicht.

Schneller fertig

Baustellen-Koordinator Lutz Vorreyer hat dafür eine einfache Erklärung: Die Verlegung der Versorgungsleitungen sei nicht bis ins Detail planbar. Alte Leitungen könnten erst abgeklemmt werden, wenn die Versorgung über die neuen sichergestellt sei. Die Enge, der Verkehr, die Fußgänger – all diese Faktoren erschwerten die Arbeiten zusätzlich. Vorreyer verweist nicht ohne Stolz darauf, dass die Bauarbeiten dem Plan trotzdem um zwei Monate voraus sind.

Baustellen, Busse und Billigläden zum Trotz glaubt Apotheker Lars Crusius an die Zukunft der Johannisstraße. Der Inhaber der Apotheke 83 ließ das Geschäft grundlegend renovieren. Crusius findet den Standort „spannend“, die Frequenz sei – ohne Baustelle – gut. Große Hoffnung setzt er auf das Einkaufscenter, das der Straße gewiss gut tun werde, und auf die Einsicht der Stadtplaner, endlich den Busverkehr aus der Johannisstraße zu nehmen. Während der Vollsperrung der Johannisstraße habe der Busverkehr ja auch funktioniert, so Crusius. Dass es auf dieser Meile so viele Ein-Euro-Läden gebe, sei auch eine Folge des Linienverkehrs. „Ohne Busse, das würde die Qualität der Straße erhöhen.“

„Problematische Klientel“

Auch Klaus Brentrup, Geschäftsführer von Sinn-Leffers, kämpft für eine Umleitung der Busse . Ihn stört aber besonders das Erscheinungsbild der Straße: „Leerstände, zugekleisterte Schaufenster und eine problematische Klientel“ ließen die Johannisstraße nicht sehr einladend wirken, sagte er neulich. Viele Passanten ließen sich außerdem von den Barrieren am Neumarkt abschrecken. Brentrup: „Man sieht immer wieder Leute, die bei H&M am Bauzaun stehen bleiben und keine Lust haben, sich den Weg über den Neumarkt zu suchen.“


Der Neumarkt bleibt auf Jahre eine Großbaustelle. Bis zum Frühjahr werden die unterirdischen Versorgungsleitungen umgelegt. Im Juli oder August nächsten Jahres werden dann die Abrissbagger anrollen und das grüne Eckhaus (Neumarkt 14) und den früheren Wöhrl-Komplex zerlegen, um Platz für das Einkaufszentrum zu schaffen, wie Projektmanager Björn Reineking vom Investor mfi sagt. Eher still werkeln die Archäologen, die vor allem auf den nicht bebauten Flächen am Parkhaus an der Seminarstraße auf Spurensuche gehen werden. Dort gibt es vielleicht noch etwas zu entdecken, weil hier keine unterkellerten Häuser stehen. Am Dienstag gab Oberbürgermeister Wolfgang Griesert offiziell das Signal für den Abriss der nördlichen Tunnel-Hälfte. Die Johannisstraße ist wieder zweispurig für die Busse befahrbar.