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Bluttat an Iburger Straße in Osnabrück Wie viel Schmerzensgeld steht einem Sterbenden zu?

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Lichter gegen Gewalt: Auf Initiative der Interessengemeinschaft Iburger Straße (IGIS) versammelten sich viele Osnabrücker am Tatort. Hier wurde der 22-jährige Matthias B. durch zwei Messerstiche getötet. Archivfoto: Gert WestdörpLichter gegen Gewalt: Auf Initiative der Interessengemeinschaft Iburger Straße (IGIS) versammelten sich viele Osnabrücker am Tatort. Hier wurde der 22-jährige Matthias B. durch zwei Messerstiche getötet. Archivfoto: Gert Westdörp

Osnabrück. Matthias B. starb 2011 in Osnabrück auf der Straße, weil er zufällig auf einen brutalen Messerstecher traf. Seine Eltern fordern von dem Täter Schmerzensgeld.

Zur falschen Zeit, am falschen Ort, auf der falschen Straßenseite. Matthias B. (22) aus Ibbenbüren starb 2011 in Osnabrück, weil er zufällig auf einen brutalen Messerstecher traf. Seine Eltern und Erben fordern vom Täter Schmerzensgeld von 50000 Euro, über das am Dienstag ein Zivilgericht urteilt. Matthias‘ Tod soll damit den Anstoß geben, Gesetze zu ändern und die zynische Wertermittlung menschlichen Lebens und Leidens vor Gericht ein für alle Mal zugunsten der Opfer beenden.

„Den Eltern geht es nicht ums Geld“, versichert der Meppener Rechtsanwalt Bernhard Weiner, der die Eltern vor Gericht zusammen mit Birte Wolken-Lammers vertritt. Sie wüssten, dass sie von den Tätern kaum etwas zu erwarten hätten, wollten aber ein Zeichen setzen: „Ihnen geht es um das Signal in die Gesellschaft.“ Potenzielle Täter sollten abgeschreckt werden. Es dürfe „kein billiges Vergnügen“ sein, wahllos Menschen in den Tod zu prügeln. Die Täter sollten mit dem Schmerzensgeld Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Deutschland müsse endlich zu Regelungen kommen, die in vielen Ländern Europas längst Standard seien, so der Anwalt. In Spanien, Italien oder Österreich stünden Hinterbliebenen Getöteter ein „beträchtliches, pauschaliertes Schmerzensgeld für den Verlust und den damit einhergehenden Schmerz“ zu.

Eine Zivilkammer des Landgerichts Osnabrück wird am Dienstag über die Schmerzensgeld-Klage der Eltern gegen die drei Täter entscheiden . Die Rechtslage zwingt das Gericht zu einer zynisch anmutenden Analyse des Sterbens von Matthias B. Denn das deutsche Recht sieht für den Tod und den Verlust an Lebenszeit kein Schmerzensgeld vor, das ein Opfer an seine Hinterbliebenen vererben würde. Auch die Angehörigen haben keinen Anspruch gegen den Täter. Einzig die im Todeskampf bewusst erlittenen Qualen sind für die Juristen daher „schmerzensgeldrelevant“. Im Fall Matthias B. führt das zu einer zynischen Minutenzählerei. „Es ist unerträglich dass man mit der Stoppuhr danebenstehen müsste“, sagte Rechtsanwältin Birte Wolken-Lammers am Rande der ersten Verhandlung.

Litt er an Todesangst?

Um 2 Uhr in der Nacht des 18. September 2011 begann der ungleiche Kampf zwischen den drei jugendlichen Tätern und Matthias B. , der ihnen in Begleitung von vier Frauen zufällig auf der Iburger Straße in die Arme gelaufen war. Schon acht Minuten später, um 2.08 Uhr, traf der Notarzt am Tatort ein und kümmerte sich um das bewusstlose Opfer. Wer will ermessen, was Matthias B. in diesen acht Minuten spürte? Hat er Todesangst gelitten und wenn ja, wie lange? Vernahm er Schmerzen durch die zwei Messerstiche oder hat er sie im Schock oder unter den Schlägen der drei Angreifer gar nicht wirklich wahrgenommen? Ab wann war er bewusstlos? Und noch ein Detail ist den Juristen wichtig: Wie schmerzhaft waren die Schläge, schmerzhafter vielleicht als die Messerstiche? Davon hängt ab, inwieweit die beiden mitverurteilten Schläger (die nicht zugestochen haben) eventuell Schmerzensgeld berappen müssen.

Für Eltern unerträglich

Der Fall sei ein Lehrstück , wie unzumutbar für bereits schwer gezeichnete Eltern getöteter Kinder die Rechtswege seien, sagt Anwalt Weiner. Es gibt keine Klagemöglichkeit im Strafverfahren. Deshalb mussten die Eltern nach dem schwer erträglichen Strafprozess auch noch das Zivilverfahren anstrengen. Wären die Täter zur Tatzeit schon 18 Jahre oder älter gewesen, hätte die Schmerzensgeldklage im Strafprozess in einem sogenannten Adhäsionsverfahren angehängt werden können. Der Zivilprozess wäre überflüssig gewesen. Bei jugendlichen Straftätern gibt es solche Adhäsionsverfahren nicht. „Diese Art von extrem belastenden Klagewegen gehört abgeschafft“, sagt der Anwalt. Das Adhäsionsverfahren gegen jugendliche Täter müsse ebenso wie ein neues Schmerzensgeldrecht dringend eingeführt werden.

„Aufbrausend und gefährlich“

Der zur Tatzeit 17-jährige Messerstecher wurde 2012 zu siebeneinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt . Das Gericht charakterisierte ihn in der Urteilsbegründung als „aufbrausend und gefährlich“. Die beiden Mittäter erhielten zweieinhalb Jahre beziehungsweise 15 Monate. Die Drei sind bereit, jeweils 1000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen. Der Haupttäter hat darüber hinaus die Beerdigungskosten von 6400 Euro anerkannt.

Die Eltern wollen 50000 Euro. Mit dieser Forderung bewegen sie sich an der Spitze der in Deutschland üblichen Summen. Das Oberlandesgericht Oldenburg, das über die Prozesskostenhilfe für die Täter zu befinden hatte, hält diese Summe für zu hoch und legte ein Schmerzensgeld von 10000 Euro nahe. Begründung: Das Opfer sei nach wenigen Minuten bewusstlos geworden und habe nichts mehr gespürt.


Die Tat

Am 18. September 2011 trafen der Ibbenbürener Matthias B. (22) und vier Begleiterinnen auf dem Rückweg von einer Party zufällig auf den damals 17-jährigen Michael A. und drei seiner Kumpel. Es kam auf Höhe der Lutherkirche zu einer Auseinandersetzung, in deren Verlauf Michael A. ein Messer zückte und den Ibbenbürener tödlich verletzte. Das Landgericht verurteilte den Haupttäter 2012 zu siebeneinhalb Jahren Jugendstrafe. Die beiden Mittäter wurden zu zweieinhalb Jahren, einem Jahr und drei Monaten verurteilt. Der Richter stufte Michael A. als gefährlich ein. Er habe in Tötungsabsicht gehandelt. Die Bluttat löste große Bestürzung aus.

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