Gesicht zeigen gegen Antisemitismus Würdevolle Erinnerung an die Pogromnacht 1938

Von Regine Hoffmeister


Osnabrück. Während in Berlin freudig das 25-jährige Jubiläum des Mauerfalls gefeiert wurde, gedachte man an anderer Stelle dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, innerhalb dessen die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 als erinnerungswürdiges Datum hervorsticht.

In Osnabrück hatten Schüler der Berufsbildenden Schulen im Marienheim die Gedenkveranstaltung gestaltet. In Zusammenarbeit mit dem Musiktheater Lupe hatten sie ein Theaterstück entwickelt, das vom Leben und von der Verfolgung der ermordeten Juden aus Osnabrück erzählt.

„Ich bin ein Mensch, der auf deinem Weg gegangen ist. Würde ich heut noch leben, könntest du mich sehen. Du würdest erkennen: Ich bin mehr als ein Stück Geschichte“, mit diesen Liedzeilen sorgten die Berufsschüler für einen der Gänsehaut-Momente in ihrem Stück „Gesicht zeigen“.

In einer Reihe von Spielszenen schlüpften sie in die Rollen der ermordeten Juden, an die heute Stolpersteine in der ganzen Stadt erinnern. Darunter waren Alma Flatauer, deren Tuchhandlung an der Möserstraße in der Pogromnacht von der SA geplündert wurde, Julius Silbermann, der in der Pogromnacht in das KZ Buchenwald deportiert wurde, sowie das Ehepaar Bertha und Max Katz, die in der verhängnisvollen Nacht bereits zusammengepfercht auf engstem Raum im Osnabrücker „Judenhaus“ an der Kommenderiestraße lebten.

Als Zeichen gegen den aktuell wieder erstarkenden Antisemitismus in Deutschland wertete Bürgermeisterin Birgit Strangmann das Stück. Angela Müllenbach-Michel von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Osnabrück bekannte: „Die Aufführung hat mich sehr beeindruckt. Die Schüler haben richtig mit Herzblut gespielt.“ Ob man diese Form der Erinnerungskultur so werde erhalten können, werde die Zukunft zeigen. „Aber diese Form des Erinnerns, wie sie hier in Osnabrück stattfindet, ist sehr lebendig und würdevoll.“

Im Anschluss an die Theateraufführung im Osnabrücker Schloss machten sich die Teilnehmer auf zur Kranzniederlegung am Mahnmal in der Alte-Synagogen-Straße. Am Rande des Weges über den Neuen Graben, den Heger-Tor-Wall, Katharinenstraße und Arndtstraße stellten sich einzelne Schauspielergruppen zu stummen Momentaufnahmen aus dem Stück zusammen, die den Gedenkzug immer wieder innehalten ließen.

Bei der Kranzniederlegung erinnerte Müllenbach-Michel exemplarisch an das Schicksal der Osnabrücker Familie van Pels, deren Sohn Peter später als erste Liebe von Anne Frank berühmt geworden ist. Er starb am Tag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 5. Mai 1945 im österreichischen KZ Mauthausen. Kantor Baruch Chauskin von der Jüdischen Gemeinde Osnabrück sang danach das „El male Rahamim“, das Gebet für die Seelen der Opfer der Schoah. Alexander Ginsburg sprach zum Abschluss das Kaddisch.