Osnabrücker in Landshut vor Gericht Totschlagprozess gegen Ex-Chefarzt startet spektakulär

Der wegen Totschlags angeklagte Gynäkologieprofessor aus Osnabrück berichtete zu Beginn der Hauptverhandlung vor dem Landgericht Landshut ausführlich über seine erste Ehe, seinen beruflichen Werdegang, die Beziehung zu seiner zweiten Frau Brigitte und den Tattag. Foto: Renate SchmidtDer wegen Totschlags angeklagte Gynäkologieprofessor aus Osnabrück berichtete zu Beginn der Hauptverhandlung vor dem Landgericht Landshut ausführlich über seine erste Ehe, seinen beruflichen Werdegang, die Beziehung zu seiner zweiten Frau Brigitte und den Tattag. Foto: Renate Schmidt

temp Osnabrück. Ein redseliger Angeklagter, ein trunksüchtiges Todesopfer mit dickem Bankkonto, ein von der Polizei verkannter Tatort und die Theorie von Mister X: Der Auftakt im Totschlagprozess gegen einen Osnabrücker Frauenarzt am Donnerstag vor dem Landgericht Landshut brachte ebenso Peinliches wie Privates ans Licht.

Wie der Hauptermittler der Kripo Erding ausgesagte, sei die Polizei zunächst davon ausgegangen, dass die 60-jährige Ehefrau des Angeklagten am 4. Dezember 2013 im Bad ihres Reihenhauses im Erdinger Stadtteil Pretzen durch einen unglücklichen Sturz ums Leben gekommen ist. Der Notarzt hatte in der Todesbescheinigung „häuslichen Unfall“ angekreuzt. Um ein Haar wäre nicht erkannt worden, dass die Frau erst grob verprügelt und dann durch Zuhalten von Mund und Nase erstickt worden ist.

Erst am Tag, nachdem die Leiche der Frau gefunden worden war, kamen dem Kriminalbeamten Zweifel an der Unfalltheorie. Als daraufhin eine Obduktion im rechtsmedizinischen Institut in München angeordnet wurde, stellte sich heraus, „dass wir ein Tötungsdelikt haben – da haben wir alle geguckt“. In der Zwischenzeit hatte der Angeklagte das Badezimmer, wo die Leiche seiner Frau lag – also den nicht erkannten Tatort –, durchgeputzt und die Badematten in die Waschmaschine gesteckt.

„Da stimmt was nicht“

Als man den Gynäkologieprofessor, der von 1996 bis 2011 Chefarzt in Frauenkliniken in Osnabrück und Bremen war, am gleichen Nachmittag vernahm, habe dieser „ganz cool, ruhig und total relaxed“ Fragen beantwortet. Dabei habe er einerseits „ausschweifende Angaben“ gemacht – etwa detailliert erzählt, wann er was gegessen habe. Andererseits habe er Einzelheiten berichtet, die im Widerspruch zu dem standen, was er am Abend zuvor gesagt hatte, als die Polizei noch von einem Unfalltod seiner Frau ausging.

Zudem habe er nicht ein einziges Mal gefragt, wie seine Frau letztendlich ums Leben gekommen ist. „Da hat man gespürt, dass da etwas nicht stimmt“, sagte der Kripobeamte, „mein Eindruck war, dass er etwas damit zu tun hat.“ Das Gericht bemängelte allerdings, dass der dringend Tatverdächtige damals erst zu einem späten Zeitpunkt über sein Recht belehrt wurde, als Beschuldigter zu schweigen.

Seit dieser Vernehmung bei der Polizei hatte der Medizinprofessor keine Angaben mehr gemacht. Am ersten Prozesstag änderte sich das grundlegend. Der Angeklagte berichtete vor Gericht nun ausführlich über seine erste Ehe, seinen beruflichen Werdegang, seine Beziehung zu seiner zweiten Frau Brigitte und den Tattag.

Vom Bischof fortgeschickt

Mit ruhiger Stimme und äußerlich ohne Anspannung berichtete er, wie er – nachdem seine erste Ehe gescheitert war – 2005 seine damalige Sekretärin am katholischen Marienhospital in Osnabrück, kennenlernte. Sie beide hätten eine „Seelenverwandtschaft“ festgestellt, die sich zu einer „tief greifenden Liebe“ entwickelt habe und bis zuletzt von „Wärme, Zuwendung und Zärtlichkeit geprägt“ gewesen sei. Als die Beziehung zu seiner Sekretärin bekannt wurde, habe er dort nicht länger Chefarzt bleiben können, da der Osnabrücker Bischof das nicht geduldet habe.

2008 wurde seine erste Ehe geschieden. Wenige Monate später heiratete er seine zweite Frau, nahm eine Chefarzt-Stelle an einem katholischen Krankenhaus in Bremen an, blieb dort aber nur zwei Jahre. Im April 2012 ließ er sich in Erding als Frauenarzt nieder. In Erding fühlten er und seine Frau sich wohl, sagte der Angeklagte. Beide hätten vor allem über den Rotary-Club neue Freunde gefunden.

Schock am Vorabend der Tat

Das Opfer hatte allerdings, wie nun vor Gericht bekannt wurde, ein massives Alkoholproblem. Laut einer Blutuntersuchung, deren Ergebnisse ein Labor ihrem Ehemann erst am Tag vor dem Tod seiner Frau zufaxte, hatte sie „verheerend schlechte Leberwerte“, stellte die vorsitzende Richterin Gisela Geppert fest. Der Angeklagte beteuerte, bis dahin nichts davon gewusst zu haben. Er habe seine Frau niemals betrunken erlebt und erst eine Woche vor ihrem Tod bemerkt, dass sie offenbar in kurzer Zeit viele Flaschen Weißwein geleert haben muss.

Auf die Frage des Gerichts nach seinen finanziellen Verhältnissen erklärte der Angeklagte, sein Vermögen sei in etwa so hoch wie seine Schulden. Seine verstorbene Ehefrau sei hingegen wohlhabend gewesen, da er ihr „im Laufe der Jahre“ 900.000 Euro geschenkt habe.

Der unbekannte Dritte

Zum Tattag sagte der Osnabrücker, dass er kurz nach 12.30 Uhr sein Haus verlassen habe und mit dem Rad in die Erdinger Innenstadt gefahren sei. Dort habe er sich mit seiner Frau treffen wollen, die mit dem Auto in die Innenstadt fahren wollte. Er sollte ihr beim Einparken des großen Wagens helfen. Da seine Frau nicht am ausgemachten Treffpunkt erschien, sei er schließlich in seine Praxis gefahren. Nach einem arbeitsreichen Nachmittag sei er gegen 19 Uhr nach Hause zurückgekommen. Er habe sich über drei Dinge gewundert: Die Haustür war nicht doppelt abgesperrt, das Gartenlicht brannte nicht, und die Terrassentür war nicht richtig verschlossen – „alles sehr unüblich“. Dann sei er in den ersten Stock gegangen und habe die Leiche seiner Frau entdeckt.