Stadt sagt Tagung ab Der Bahnstreik und die Folgen für Osnabrück

Volkswagen bringt die Neufahrzeuge mit der Bahn auf die Reise. Wie sich der Lokführerstreik auf die Produktion auswirkt, will der Konzern aber nicht preisgeben, um der Lokführer-Gewerkschaft nicht weiteres Futter für den Ausstand zu geben. Archivfoto: Gert WeestdörpVolkswagen bringt die Neufahrzeuge mit der Bahn auf die Reise. Wie sich der Lokführerstreik auf die Produktion auswirkt, will der Konzern aber nicht preisgeben, um der Lokführer-Gewerkschaft nicht weiteres Futter für den Ausstand zu geben. Archivfoto: Gert Weestdörp

Osnabrück. Die Stadt sagt eine lange geplante Tagung ab, Firmen satteln auf Lastwagen um, VW bemüht sich, „die Produktion aufrecht zu erhalten“, und der Bahnhofsbäcker Coors verliert „bares Geld“: der Bahnstreik und die Folgen für Osnabrück und die Osnabrücker Wirtschaft.

Größter Nutzer von Bahndienstleistungen ist in Osnabrück mutmaßlich das Volkswagen-Werk, doch inwieweit die Produktion am Gleis hängt, will VW-Sprecher Christoph Adomat nicht verraten. „Wir beobachten die weitere Entwicklung sehr aufmerksam, und unser Ziel ist es, die Produktion an unseren Standorten aufrecht zu erhalten.“ Weitergehende Fragen schmettert der Sprecher ab. Der Hintergrund: VW will keine Hinweise auf empfindliche Stellen in der Transportkette liefern, die die Streikenden für ihre Ziele nutzen könnten.

Die Papierfabrik Schoeller verfügt über einen Gleisanschluss, der bis Montag aber brach liegt. Der aus Brasilien angelieferte Zellstoff, der wichtigste Rohstoff für die Papierproduktion, wird per Lkw vom Hafen Brake nach Gretesch gebracht. Acht Touren sind dafür nötig, wie Unternehmenssprecherin Friederike Texter sagt. Preislich gebe es keinen Unterschied zwischen Lkw- und Bahntransport.

Die Stadt Osnabrück muss eine erstmals in Osnabrück geplante Tagung mit 50 Umweltamtsleitern aus ganz Deutschland absagen. Der Leiter des Fachbereichs Umwelt und Klimaschutz, Detlef Gerdts, beziffert die Kosten für die Absage auf rund 9000 Euro. Noch nicht berücksichtigt sind die Personalkosten. Zwei Monate hatte die Verwaltung zusammen mit dem Stadtmarketing (OMT) die Tagung vorbereitet, Termine abgestimmt, sich um das Catering, Busse, Abendprogramm, Tagungsraum und Hotelbuchungen gekümmert. „Die Fachbereichsleiter wären auch aus Süddeutschland mit dem Zug gekommen. Das ist wegen des Streiks nun nicht mehr möglich“, sagte Gerdts, der weitere Streikfolgen befürchtet: „Unabhängig von der Forderung ist es ärgerlich, wenn der Nah- und Fernverkehr so beeinträchtigt wird, dass die Kunden nun sagen: Darauf kann ich mich nicht mehr verlassen.“ Das Verheerende sei, dass der erneute Streik für viele ein Anstoß sein könnte, um wieder aufs Auto zurückzugreifen. „Das wird eine ganze Weile dauern, um diesen Imageverlust wieder gutzumachen.“

Der Lokführerstreik im Newsticker ››

Das Stahlwerk Georgsmarienhütte setzt auf einen Mix unterschiedlicher Verkehrsmittel. Sowohl die Schrottanlieferung wie auch die Auslieferung des Stahls erfolgt nach Angaben eines Sprechers über Lkw und Bahn. Eine werkseigene Bahn bringt den Schrott vom Osnabrücker Hafen zum Stahlwerk in Georgsmarienhütte. Bei der Belieferung der Kunden über den Schienenweg arbeite die Georgsmarienhütte sowohl mit der Deutschen Bahn als auch mit Privatbahnen zusammen. „Durch den Mix der unterschiedlichen Verkehrsmittel wird im Falle eines Streiks das Risiko für das Unternehmen minimiert, indem kurzfristig auf andere Verkehrswege umgestellt werden kann“, teilte ein Sprecher mit.

Die Bäckerei Coors bekommt den Bahnstreik unmittelbar zu spüren: „Der Streik kostet uns bares Geld“, sagte Sascha Coors. Das Osnabrücker Traditionsunternehmen betreibt seit 1982 ein Café im Hauptbahnhof. Weniger Reisende, weniger Kundschaft, weniger Umsatz – bei gleichbleibenden Kosten für Personal, Energie und Belieferung, so seine Rechnung. Coors: „Ob der Lkw voll oder halbvoll fährt, die Kosten bleiben dieselben.“ Hinzu komme, dass Reisende ihren Frust da abließen, wo sie gerade seien, „und so erwischt es dann auch mal meine Verkäuferinnen“. Das hebe natürlich nicht die Stimmung im Laden.

Osnabrücker GDL: Streik muss sein ››

Der Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), Heinrich Bottermann, zeigte wenig Verständnis, als ihn die Nachricht vom Streik auf dem Klimaschutz-Forum in Osnabrück ereilte. Er selbst müsse sich nun überlegen, wie er dienstlich nach Berlin komme, weil auch er sonst wie üblich auf den Zug gesetzt hätte. Insgesamt glaubt er, dass die GDL den Bogen überspannt habe, und prognostizierte einen weitreichenden Imageverlust für die Gewerkschaften insgesamt in Deutschland, weil nur wenige zwischen der GDL und anderen Gewerkschaften in Deutschland differenzieren würden.

Es gibt aber auch Unternehmen, die Nutzen aus dem Bahnstreik ziehen. Das Fernbus-Unternehmen FlixBus zum Beispiel kann einen bundesweiten Buchungsansturm vermerken. „Auch Verbindungen ab Osnabrück sind sehr stark nachgefragt“, erklärte Sarah-Lena Knust von FlixBus. Auf der Verbindung Osnabrück-Marburg habe sich beispielsweise die Zahl der Buchungen verdoppelt, aber auch die Strecken nach Düsseldorf, Berlin und Hamburg würden für die Streiktage stärker beansprucht. Um dem Ansturm gerecht zu werden, setze man insbesondere auf den Großstadtverbindungen auf Zusatzbusse und Doppeldecker.

Bereits der vorangegangene Streik von 17. bis 18. Oktober habe für ein „Rekordwochenende“ gesorgt. Das Busunternehmen beförderte in diesen Tagen rund 30 Prozent mehr Fahrgäste als an einem normalen Wochenende und verzeichnete ein Umsatzplus von 200 Prozent. Auch jetzt sei man rund um die Uhr dabei, Zusatzbusse zu organisieren, und sehe den Streik als „die Gelegenheit, sich zu beweisen“, wie Knust deutlich macht.

Das Unternehmen „Mein Fernbus“ erlebt eine ähnliche Entwicklung. Der Streik sei „überall spürbar“, versicherte Pressesprecher Gregor Hintz. Die regionalen Auswirkungen könne er zu diesem Zeitpunkt noch nicht feststellen, bundesweit rechne das Unternehmen aber mit rund 100 zusätzlichen Fahrten am Tag. Etwa 70 zusätzliche Busse seien dafür notwendig. Da Osnabrück auf der Linie Ruhrgebiet-Berlin liege, würden auch hier sicherlich zusätzliche Fahrzeuge zum Einsatz kommen. Seine Kollegin Marie Gloystein berichtete von sechs Mal mehr Zugriffen auf die „Mein-Fernbus“-Internetseite und etwa vier Mal mehr Buchungen als zu normalen Zeiten.

Die Autovermietung Hertz in der Lotterstraße ist für heute und die nächsten Tage komplett ausgelastet. Konkurrent Enterprise ist nach eigenen Angaben ebenfalls „kurz davor“. „Alleine für heute haben wir in den letzten zwei Stunden sechs neue Reservierungen aufgrund des Bahnstreiks erhalten“, sagte Lars Kartelmeyer aus der Enterprise-Filiale in der Pagenstecherstraße am Mittwoch. Bei der Autovermietung Brehe an der Hannoverschen Straße sind die Auswirkungen noch eher dezent. „Wir erhalten eine gewisse Resonanz, aber die ist absolut im Rahmen“, erklärte Geschäftsführer Heinrich Brehe. Das liege vor allem daran, dass sein Unternehmen anders als große Ketten keine Einweg-Vermietung anbiete. Dennoch habe auch er für Samstag noch eine Reservierung von jemandem erhalten, dem die Reise mit der Bahn zu unsicher scheine.