November 1938 Artillerie zieht hoch zu Ross durch Osnabrück

Von Joachim Dierks

Am 1. November 1938 erlebte die Große Straße den Durchzug einer berittenen Wehrmachtseinheit. In Hintergrund der Neumarkt mit dem Landgericht.  Die Perspektive des historischen Fotos ist mit vertretbarem Aufwand nicht mehr einzunehmen, da die Bauflucht für die Nachkriegsbauten rückverlegt wurde. Die abgesetzte Pflasterstruktur lässt die alte Straßenenge erahnen. Foto: Archiv/Kurt Behrens/MartensAm 1. November 1938 erlebte die Große Straße den Durchzug einer berittenen Wehrmachtseinheit. In Hintergrund der Neumarkt mit dem Landgericht. Die Perspektive des historischen Fotos ist mit vertretbarem Aufwand nicht mehr einzunehmen, da die Bauflucht für die Nachkriegsbauten rückverlegt wurde. Die abgesetzte Pflasterstruktur lässt die alte Straßenenge erahnen. Foto: Archiv/Kurt Behrens/Martens

Osnabrück. Lauter Hufschlag begleitet einen Umzug durch die Große Straße. Schützenfest? Olle Use? Nein, die Sache ist ernster. Die III. Abteilung des Artillerie-Regiments Nr. 6 ist am 1. November 1938 von Detmold nach Osnabrück verlegt worden und marschiert vom Bahnhof durch die Stadt zum Erstbezug der Scharnhorst-Kaserne an der Sedanstraße. Die ist nämlich gerade fertig geworden. Dadurch ergab sich die Gelegenheit, nach Stab und II. Abteilung nun einen weiteren Teil des Regiments in Osnabrück zu konzentrieren.

Zeitungsfotograf Kurt Behrens hat den Moment festgehalten, in dem die Spitze des Zuges mit der Regiments-Standarte das Verlagsgebäude Meinders & Elstermann und die Geschäftsstelle des „Osnabrücker Tageblatts“ passiert. Eine Anzahl von Bürgern schaut sich das Spektakel an. Die auf der linken Straßenseite scheint der Vorbeimarsch weniger zu beeindrucken, während sich unten rechts ein Grüppchen eingefunden hat, das den Arm zum „Deutschen Gruß“ streckt.

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Die Soldaten waren am Vormittag auf dem Güterbahnhof mit Pferd und Material eingetroffen. Von dort bewegten sie sich zum Platz am Pottgraben, wo sie zur Begrüßung durch den Standortältesten Oberst von Hartmann antraten. Anschließend der Marsch durch die Stadt, angeführt vom Trompeterkorps, sodann die Offiziere des Regimentsstabes mit der Regiments-Standarte, die 7., die 8. und die 9. Batterie und schließlich der Nachrichtenzug. Das „Tageblatt“ berichtet von einem freundlichen Empfang: „Ja, es fehlte auch hier und da an Blumen nicht, die von zarter Hand unseren Artilleristen als Willkommensgruß zugeworfen wurden.“

In der Sprachregelung der damaligen Zeit war „die Freude der Osnabrücker groß, als nach der Wiedereinführung der deutschen Wehrhoheit durch den Führer auch die alte Garnisonsstadt der 78er wieder zum Standort eines Regiments bestimmt wurde, nachdem sie in der Nachkriegszeit bis dahin nur ein Ausbildungsbataillon und zwei Eskadrone der Fahrabteilung des sechsten Artillerieregiments besaß.“

Erster Meilenstein auf dem Weg der Hasestadt zu einer größeren Garnison war der Neubau der Kasernen in der Netterheide gewesen, die 1935 vom Infanterieregiment 37 bezogen wurden. Es folgten Teile des 6. Artillerieregiments, die in der alten Artilleriekaserne an der Barbarastraße und in der Caprivikaserne untergebracht wurden. Der Neubau der Metzer Kaserne und der Scharnhorstkaserne an der Sedanstraße eröffnete nun die Möglichkeit, die III. Abteilung der Artilleristen nachzuholen, während die I. Abteilung weiterhin in Lingen stationiert blieb.

In einer Kolonne von mehr als einem Kilometer Länge ritten und marschierten die Artilleristen durch die Große Straße, Krahnstraße, Bierstraße, Natruper Straße und Sedanstraße in ihre neuen Quartiere. Die Sedanstraße trennt den Komplex: linker Hand, zum Westerberg hin, der kleinere Teil mit der Metzer Kaserne, rechter Hand der größere mit der Scharnhorstkaserne. Die Metzer Kaserne war schon einige Monate zuvor fertiggestellt und vom Regimentsstab, dem Nachrichtenzug und dem Musikzug belegt worden. Dazu gehörte ein 200 Meter langer Pferdestall, eine Reithalle von 21 mal 42 Metern und mehrere offene Reitbahnen. Die Zeitung lobte: „Für Mann und Pferd ist in den neuen Unterkünften aufs Beste gesorgt.“ Die Ställe verfügten über eine moderne Entlüftungsanlage und eine automatische Tränkevorrichtung. „Saufen können die Pferde jederzeit, während es Futter nur zu den festgesetzten ‚Mahlzeiten‘ gibt.“

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Die Scharnhorstkaserne gegenüber war zum 1. November nur mit knapper Not bezugsfertig geworden. Einige Restarbeiten standen noch aus, doch das fiel nicht weiter auf, denn das Eingangstor und die Türen zu allen Gebäuden waren mit frischem Tannengrün festlich geschmückt. Um 14 Uhr trat das Regiment auf dem Appellplatz an. Ein Vertreter der Heeresneubauleitung übergab „unter erstmaliger Hissung der Reichskriegsflagge“ den Schlüssel an den Regimentskommandeur, Oberstleutnant Schopper.

Die Wehrmacht war nicht einmal sieben Jahre lang Hausherr. Nach dem Zusammenbruch 1945 kamen die Engländer und nutzten die Kasernen 63 Jahre lang. Heute ist nichts mehr davon zu sehen. Seit 2012 ist das Areal der Metzer Kaserne in den „Wohnpark Westerberg“ rund um die Heinrich-Böll-Straße verwandelt worden, während die 14,2 Hektar der Scharnhorst-Kaserne derzeit zu einem Wissenschafts- und Wohnpark ausgebaut werden.