zuletzt aktualisiert vor

Ausbeutung statt Ausbildung Studierende demonstrieren in der Osnabrücker Innenstadt

Von David Hausfeld


Osnabrück. Mit Trillerpfeifen für eine faire Behandlung: Vor dem Kaufhaus L+T in der Innenstadt demonstrierten rund 100 Psychologie-Studenten unter anderem für feste Arbeitsverträge und angemessene Bezahlung von Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA).

„Rücken krumm, Taschen leer – Klinikleitung, danke sehr“, tönte es mit einem Megafon über den Platz vor dem Kaufhaus L+T in der Innenstadt. Begleitet von Trillerpfeifen und „Das ist keine Ausbildung, das ist: Ausbeutung“-Rufen zeigten die Psychologie-Studenten der Universität Osnabrück ihren Unmut gegenüber einem reformbedürftigen Ausbildungssystem und sammelten Unterschriften von vorbeigehenden Passanten. Dazu aufgerufen hatte die Fachschaft Psychologie der Universität.

Damit ein Psychologie-Student sich nach seinem Masterstudium Psychotherapeut nennen, als solcher arbeiten und kassenärztlich abrechnen darf, muss er eine drei- bis fünfjährige Ausbildung absolvieren. 1800 Praxisstunden, klinische Seminare und Stunden in der Eigentherapie durchlaufen die PiA in dieser Zeit. In der Praxis bedeute dies rund 40 Stunden in der Woche, in denen sie als vollwertige Arbeitskräfte in einer Klinik arbeiten, erklärte Marie Hengstenberg von der Fachschaft Psychologie der Uni Osnabrück.

Geld sehen sie dafür wenig bis gar keins. Etwa 54 Prozent arbeiten völlig unentgeltlich, und das in Vollzeit. „Das wird schon kalkuliert ausgenutzt“, beschreibt die Studentin die Lage in den Kliniken. Der Grund dafür ist, dass der rechtliche Status der Auszubildenden nicht hinreichend geklärt ist. Weder sind sie Studenten, noch Berufstätige, auch wenn sie als solche arbeiten. Arbeitsverträge gibt es nicht. Vielmehr sind sie hoch qualifizierte Praktikanten und gleichzeitig günstige Arbeitskräfte.

Dabei kostet die Ausbildung einen angehenden Psychotherapeuten zwischen 10 000 und 30 000 Euro. Abend- und Wochenendseminare verhindern oft den notwendigen Verdienst durch einen Nebenjob. Stattdessen müssen die Studenten auf Kredite zurückgreifen und eventuelle Schulden durch Bafög oder Studienkredite weiter erhöhen.

Damit sich diese Zustände möglichst bald ändern, demonstrierten in mehreren Städten, darunter Berlin, Bonn, Düsseldorf und Trier, Psychologie-Studenten und Psychotherapeuten in Ausbildung unter dem Motto „PiA im Streik “ für eine angemessene Bezahlung der praktischen Tätigkeit, eine Ausbildungsreform unter Einbeziehung der PiA, Erhalt der Vielfalt der Therapieverfahren und Zugangsmöglichkeiten und den Masterabschluss als Zugangsvoraussetzung. Derzeit können auch Bachelorabsolventen der Sozialpädagogik eine Ausbildung im Bereich Kinder- und Jugendpsychotherapie absolvieren. „Es ist schon bitter, dass Sozialpädagogen mit Bachelor die gleichen Voraussetzungen haben, wie wir mit einem Master“, meint Fachschaftsmitglied Martin Bernhof.

Die Resonanz sei bisher sehr gut, versicherte Bernhof. Einige Unterschriftenlisten mussten bereits nachgedruckt werden, weil die Leute sich engagieren und einbringen wollen. Psychotherapeuten in Ausbildung waren hingegen selber nicht auf der Demonstration anwesend. „Nein, das sind nur Studierende, die Psychotherapeuten sind ja arbeiten“, scherzte Hengstenberg zynisch.