Leben ohne Dach über dem Kopf Aktionstage gegen Wohnungslosigkeit in Osnabrück


Osnabrück. Alle Jahre wieder werben die Katholischen Sozialen Dienste SKM in Osnabrück um Solidarität mit Wohnungslosen. In diesem Jahr heißt die Aktion „Wir bauen Häuser“. Denn Häuser werden dringend gebraucht. Die Situation auf dem Wohnungsmarkt hat sich weiter verschärft. Wer von der Straße zurück in eigene vier Wände will, hat so gut wie keine Chance.

Es ist das Problem aller großen Städte, also auch in Osnabrück: Die Mieten sind zu hoch, und es mangelt an gefördertem Wohnungsbau. „Die Wohnungssuche ist für unsere Besucher fast aussichtslos“, sagt Thomas Kater von der Tageswohnung. Nach seiner Kenntnis gibt es in Osnabrück 80 Menschen ohne festen Wohnsitz. Hinzu kommen 40 Männer, die im Laurentiushaus wohnen. Dort bekommen sie Unterstützung, wenn sie ihr bisheriges Leben umkrempeln wollen. Am Ende fehlt aber auch ihnen eine Wohnung .

So bleibt diesen Menschen vorerst die Tageswohnung. Eine wertvolle Einrichtung, wie das für die Aktionstage entwickelte Spiel „Nowohnpoly“ belegt. Dabei sind nicht wie bei Monopoly die Parkstraße und die Schlossallee die teuersten Pflaster, sondern die Tageswohnung an der Bramscher Str. 11 und die dort angesiedelte Fachberatungsstelle sind die kostbarsten Felder.

Dass diese Einschätzung richtig ist, belegen die Zahlen: 57 Besucher täglich wurden im vergangenen Jahr registriert, davon gut 80 Prozent Männer. Das entspricht auch ungefähr dem Geschlechterverhältnis bei den Wohnungslosen generell, sagt Thomas Kater. Zum Vergleich: 1995 gab es 15 Besucher pro Tag.

Keine Wohnung zu haben bedeute dabei nicht unbedingt, auf der Straße oder unter Brücken zu schlafen, erläutert Kater. Viele Betroffene kämen vorübergehend bei Freunden oder Bekannten unter. Keine eigene Wohnung heißt aber: keine eigene Adresse. Auch deshalb ist die Tageswohnung wichtig: Sie dient den Osnabrücker Wohnungslosen als Anschrift, an die ihre Post geht.

Aber das ist nur ein Zweck, den die Tageswohnung seit inzwischen 25 Jahren erfüllt. Das Wichtigste: Sie bietet außer einem warmen Ort zum Aufhalten auch eine Tagesstruktur im Leben von Menschen, die keine festen Regeln einhalten müssen. Hier steht die Waschmaschine, in der sie ihre Sachen waschen können. Auch sie selbst können in der Tageswohnung duschen. Kostenlose Schließfächer stehen zur Lagerung ihrer Papiere oder anderer Habseligkeiten bereit.

In der Kleiderkammer gibt es bei Bedarf etwas anzuziehen. Als Spenden erwünscht sind immer warme Sachen, betont Kater: Speziell warme Unterwäsche und Schlafsäcke würden immer gebraucht.

Die Besucher können Billard, Kicker oder Dart spielen, an einem Kunstkurs teilnehmen oder in der Redaktion der „Abseits!?“ mitarbeiten. Osnabrücks erste Straßenzeitung hat inzwischen einen festen Kundenstamm in der Stadt. Aus der Redaktion ist ein Chor hervorgegangen, der jederzeit neue Mitglieder aufnimmt – auch Sängerinnen und Sänger mit festem Wohnsitz sind willkommen.

Die Besucher der Tageswohnung werden so akzeptiert, wie sie sind. Niemand der Mitarbeiter dränge sich auf, erzählt Kater. Für Krisenintervention oder Kurzberatungen seien sie aber ohne Anmeldung ansprechbar. Bei speziellen Problemen würden die Besucher an andere Einrichtungen wie die Schuldnerberatungsstelle weitergeleitet. „Aber wir wollen nicht nur verwahren, sondern Veränderungen einleiten“, sagt Bernhard Lienesch, Fachbereichsleiter der Wohnungslosenhilfe des SKM.

Für alle Menschen, die diese Veränderungen anstreben, ist in der ersten Etage der Tageswohnung die Fachberatungsstelle für wohnungslose Männer und Frauen zuständig. Das Team um Ressortleiter Heinz Hermann Flint betreut aktuell 50 Menschen, die wieder ein festes Dach über dem Kopf haben möchten. Alle Beratung, Betreuung und Begleitung endet aber vor der schier unüberwindlichen Hürde – dem angespannten Wohnungsmarkt.

Leider gebe es zu wenige dem SKM wohlgesonnene Vermieter, beklagt Bernhard Lienesch. Anlässlich der Aktionstage appelliert der SKM erneut an Vermieter, auch Wohnungslosen eine Chance zu geben. Sichere Mieteinnahmen seien durch das Jobcenter gewährt, beteuert Lienesch. Zudem böten die Sozialen Dienste die Betreuung ihrer Klienten in der eigenen deren Wohnung an, um bei möglichen Problemen vermitteln zu können.

Der SKM stellt aber auch grundsätzliche Forderungen an die öffentliche Hand auf: So müsse unbedingt der soziale Wohnungsbau wieder vorangetrieben werden. Wichtig sei eine Anpassung der Mietobergrenzen. Die Fachleute wünschen sich aber auch mehr vorbeugende Hilfen , etwa bei Räumungsklagen, durch die Obdachlosigkeit entstehen kann.

Mit Beginn der kalten Jahreszeit treiben die Mitarbeiter der Osnabrücker Wohnungslosenhilfe aber ganz praktische Sorgen an. Gesucht wird nach einer sogenannten warmen Platte, einer Notübernachtung für frostige Nächte. Das kann, so Bernhard Lienesch, eine leere, beheizbare Wohnung mit funktionierenden sanitären Einrichtungen sein, aber auch ein Kirchenkeller.

Ab 8. November öffnet die Tageswohnung wieder samstags und sonntags. Der Wochenendbetrieb wird von ehrenamtlichen Mitarbeitern organisiert und betreut. Neue Freiwillige sind in der Bramscher Str. 11 willkommen, ebenso alle Menschen, die warme Kleidung und Schlafsäcke für die Kleiderkammer spenden könne. Mehr Informationen unter Telefon 0541/330350.


Aktion „Wir bauen Häuser“ auf dem Domvorplatz 7. November, 15 Uhr: Die Sozialen Dienste SKM informieren über die Situation wohnungsloser Menschen in Osnabrück. Zudem findet ein Büchermarkt statt. Vorgestellt wird das nach dem Vorbild von Monopoly selbst entworfene Spiel „Nowohnpoly“. Die Ausstellung „Ausweg Straße“ wird gezeigt.

19 Uhr: Offizielle Eröffnung durch Bernhard Lienesch. Der SKM-Mitarbeiter präsentiert die Wohnungslosenhilfe in Osnabrück und legt den Grundstein für den Bau eines Holzhauses. Es singt der „Abseits!?“-Chor. 20.30 Uhr: Alternative Stadtführung zu Orten, an denen sich Obdachlose aufhalten.

22 Uhr: Filmvorführung „Die Kinder von Don Quichotte“. Es geht um eine Aktion Obdachloser, die 2006 im Zentrum von Paris Zelte aufschlugen, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen.

24 Uhr: „Ich mach Platte“, Betroffene und Nichtbetroffene übernachten im Zelt auf dem Domvorplatz.

8. November, 9 Uhr: Frühstück gegen Spende.

9 bis 15 Uhr: Büchermarkt.

10 Uhr: Alternative Stadtführung zu Orten, an denen sich Obdachlose aufhalten.

11 Uhr: Die niedersächsische Sozialministerin Cornelia Rundt informiert sich über die Arbeit der Wohnungslosenhilfe.

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