Kirmes im Behinderten-Check Wie barrierefrei ist der Osnabrücker Jahrmarkt?

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ng Osnabrück. Es ist wieder Jahrmarkt in Osnabrück. Auch auf Menschen mit Behinderung haben sich der Schaustellerverband Weser-Ems und die Stadt Osnabrück eingestellt. Doch wie barrierefrei ist der Osnabrücker Herbstjahrmarkt tatsächlich? Wir haben den Praxistest gemacht.

Heino Stagge, zweiter Vorsitzender des Behindertenforums der Stadt Osnabrück, und Birgit Köhne vom Bundesselbsthilfe Verband Kleinwüchsiger Menschen, sind beide kleinwüchsig und daran gewöhnt, mehr oder weniger große Hindernisse aufgrund von körperlichen Einschränkungen im Alltag zu bewältigen. Am Samstag haben sie sich der Herausforderung des Jahrmarktbesuches gestellt und getestet, wie hilfreich die Maßnahmen zur Barrierefreiheit sind.

„Wir stellen den Behinderten kostenlos Kellen und Trillerpfeifen zur Verfügung, mit denen sie auf sich aufmerksam machen können, wenn sie Hilfe brauchen“, sagt Bernhard Kracke junior, Vorsitzender des Schaustellerverbands Weser-Ems. „Alle Schausteller sind über die Kellen informiert und leisten bei Bedarf Hilfe“, so Kracke weiter. Darüber hinaus seien an den Fahr- und Laufgeschäften schwarz-gelbe Klebebänder angebracht worden, die Sehbehinderte auf Erhöhungen und Stufen aufmerksam machen sollen.

Behindertenkellen gegen 5 Euro Pfand

Die sogenannten Behindertenkellen werden am Eingang an der Bremer Brücke bei Hammoor am Stand „Creativ Pizza“ gegen 5 Euro Pfand ausgehändigt. Blau-weiße Schilder weisen auf die „Behindertenkellen“ hin. Allein der Name sorgt bei unseren beiden Testpersonen für Skepsis. „Das Wort ist schrecklich und grenzt fast schon an Diskriminierung“, findet Birgit Köhne. „Außerdem möchte vielleicht nicht jeder so viel Aufmerksamkeit erregen“, fügt die Kleinwüchsige hinzu. Trotzdem besorgen sie sich jeder eine Kelle und sorgen erst einmal bei den Mitarbeiterinnen des Standes für Überraschung. „Das ist das erste Mal, dass sich jemand die Kellen ausleihen möchte“, gesteht Kerstin Venjakob von Creativ Pizza. Insgesamt 20 Kellen hätten sie vorrätig, Trillerpfeifen gäbe es jedoch keine.

Mit den Kellen bewaffnet beginnen die beiden Kleinwüchsigen ihre Runde über den Jahrmarkt. Vor der Almhütte wollen sie es sich an einem der Tische gemütlich machen, doch leider sind die Stühle zu hoch. Kurzerhand schwenken sie die Kellen, um die Aufmerksamkeit der Mitarbeiter zu erregen, doch diese sehen sie zum ersten Mal und wissen nicht genau, was von ihnen erwartet wird. Erst die Betreiberin des Standes erkennt die Hilfsgegenstände und bietet ihre Unterstützung an.

Der nächste Halt ist das Riesenrad, doch auch dort stoßen Heino Stagge und Birgit Köhne mit ihren Kellen auf Unverständnis. Auch Betreiber Carlo Kröker hat noch nichts von den Maßnahmen zur Barrierefreiheit gehört, die schwarz-weißen Klebesteifen fehlen. „Wir sind aber bereit, zu helfen, und haben genug Personal, um auch Rollstuhlfahrern ins Riesenrad zu helfen“, versichert der Schausteller. Beim nächsten Fahrgeschäft, der „Raupe“, stößt Köhne wieder auf ein Hindernis in Form einer zu großen Stufe.

„Wir werden nicht richtig ernst genommen“

Leider reagieren die Mitarbeiter auch dort nur mit verdutzten Gesichtern und die angeforderte Hilfeleistung bleibt aus. „Wir werden nicht richtig ernst genommen“, stellt Stagge resigniert fest. Dementsprechend negativ fällt auch das Ergebnis des Praxistests mit den „Behindertenkellen“ aus. Ein Großteil der Mitarbeiter in den Fahr- und Laufgeschäften sowie an den Imbissständen waren nicht über die Existenz der Kellen informiert.

Das Gleiche gilt für die Menschen mit Behinderungen. Außerdem fehlen die schwarz-gelben Klebebänder als Hilfestellung für Sehbehinderte an einigen der Jahrmarktattraktionen. Trotzdem haben die Schausteller auf Nachfrage fast alle sehr hilfsbereit reagiert und ihre Unterstützung angeboten.

Auch wenn die Kellen den Praxistest nicht wirklich bestanden haben, fällt das Fazit unserer Testpersonen nicht komplett negativ aus. „Ich finde es gut, dass sich der Schaustellerverband und die Stadt Gedanken zur Barrierefreiheit gemacht haben“, bemerkt der zweite Vorsitzende des Behindertenforums. „Trotzdem denke ich, dass es noch ein weiter Weg ist, bis der Jahrmarkt wirklich barrierefrei ist.“


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