Hilfe nach Gewalttaten Weisser Ring: „Die Angst kann man Opfern nicht nehmen“

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Manfred Lindemann ist pensionierter Polizeibeamter und Außenstellenleiter der Kriminalitätsopferhilfe Weisser Ring für den Bereich Stadt und Landkreis Osnabrück. Foto: Sven KienscherfManfred Lindemann ist pensionierter Polizeibeamter und Außenstellenleiter der Kriminalitätsopferhilfe Weisser Ring für den Bereich Stadt und Landkreis Osnabrück. Foto: Sven Kienscherf

Osnabrück. Opfer von Gewalttaten stehen nach dem Verbrechen oftmals alleine da. Manfred Lindemann ist pensionierter Polizeibeamter und Außenstellenleiter der Kriminalitätsopferhilfe Weisser Ring für den Bereich Stadt und Landkreis Osnabrück.

Herr Lindemann, was sind die größten Probleme vor denen Opfern nach Gewalttaten stehen?

Viele wissen gar nicht, was sie machen sollen. Sie denken gar nicht daran, dass Straftaten auch juristisch aufgearbeitet werden müssen, das heißt: dass sie Anzeige erstatten müssen. Viele wollen das auch gar nicht und da muss man eben versuchen, Sie zu überzeugen.

Warum ist es so wichtig, dass Anzeige erstattet wird?

Das ist wichtig, wenn es um die Entschädigung des Opfers nach dem Opferentschädigungsgesetz geht und natürlich auch, damit ein Täter nicht weiter sein Unwesen treiben kann, sondern für seine Taten zur Rechenschaft gezogen wird.

Warum wollen Opfer von Straftaten nicht zur Polizei gehen?

Angst. Vor allem bei innerfamiliärer Gewalt, wenn der Mann die Frau schlägt. Die Frauen werden von der Polizei belehrt, dass sie einen Strafantrag stellen müssen.Sie haben Angst, dass sie mit der Anzeige den Mann ins Gefängnis bringen. Sie fürchten die Rache des Täters.

Wie nehmen Sie den Menschen Ihre Angst?

Die Angst kann man ihnen nicht nehmen. Man kann nur versuchen, Vertrauen aufzubauen. Wenn Frauen von ihren Partnern geschlagen worden sind, suchen wir zusammen mit den zuständigen Behörden einen Platz im Frauenhaus, sofern das noch nicht ohnehin schon passiert ist, oder suchen eine Wohnung.

Sind Staatsanwälte und Richter sensibel genug, wenn es um den Umgang mit Opfern geht?

Im Großen und Ganzen ja. Aber das hängt auch vom Einzelfall ab. Manchmal kommt es vor, dass von der Staatsanwaltschaft eine schwere Körperverletzung auf eine einfache Körperverletzung zurückgestuft wird. Dann ist es kein Delikt mehr, der zwingend von den Behörden verfolgt werden muss, sondern nur dann, wenn das Opfer Anzeige erstattet hat. Gerade Richter sind aber sehr sensibel, vor allem wenn es um den Umgang mit jugendlichen Opfern geht.

Wie klappt die Zusammenarbeit mit der Polizei?

Die ist ordentlich, auf der Führungsebene sogar sehr gut. Schwachstellen gibt es manchmal bei einzelnen Beamten, die gewissermaßen an der Front stehen. Da werden dann Leute, die Anzeige stellen wollen, weggeschickt. Die Begründung ist, aufgrund des Tatorts sei eine andere Dienststelle zuständig. Das hängt damit zusammen, dass die Beamten oft auch sehr viel zu tun haben. Aber das hilft nichts: Wenn Sie in Osnabrück Opfer einer Straftat geworden sind, können Sie die Anzeige auch im Bayerischen Wald aufnehmen.

Wo hakt es sonst noch?

Schwierig kann es manchmal mit Krankenkassen sein. Wenn es um die Kostenübernahme geht, sagen die oft erst mal Nein. Das ist ja auch in Ordnung, das ist ja ihr Recht. Zur Not muss ein Sozialgericht entscheiden. Aber was mich ärgert, ist oft der Ton, in dem Menschen dort behandelt werden.

Wie lange brauchen Menschen nach Gewalttaten, um das Geschehen zu verarbeiten?

Das ist unterschiedlich. Zunächst mal ist wichtig, dass sie einen Psychologen finden, der sich um sie kümmert und Psychologen sind knapp. Das ist manchmal schwer. In Niedersachsen haben wir zum Glück das Traumazentrum, in dem sich mehrere Kliniken zusammengeschlossen haben und Menschen schneller Hilfe finden.


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