Gabel in Augenhöhle gerammt Frau aus Osnabrück fürchtet sich vor Ex-Freund

Von Sven Kienscherf


Osnabrück. Jedes Jahr im November wird es für Adaleta P. mit der Angst noch schlimmer. Es war am 1. November 2011, als ihr Ex-Freund der heute 38-Jährigen an ihrer Arbeitsstelle auflauerte und ihr eine Gabel direkt in die Augenhöhle rammte.

Der Täter, Ferid M. (Name geändert), wurde zu drei Jahren und neun Monaten verurteilt, mittlerweile ist er wieder auf freiem Fuß. Vorzeitig entlassen wegen guter Führung, abgeschoben nach Montenegro, von wo er herstammt. Adaleta P., die eigentlich anders heißt, kämpft dagegen immer noch um den Weg zurück in ein normales Leben und gegen die Angst, die sie seit dem Anschlag bis heute nicht mehr losgelassen hat. Manfred Lindemann, Osnabrücker Regionalleiter der Opferhilfe Weisser Ring hilft ihr dabei, so gut es eben geht.

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Jetzt sitzt die schmale Frau in einem Zimmer des Ameos Klinikums in Osnabrück. Zwei kleine Räume stellt die Klinik dem Weissen Ring kostenlos zur Verfügung. Manfred Lindemann blättert durch P.s Akte. Sein ganzes Berufsleben lang war er Polizist, zuletzt in Sachsen. Dort half er nach der Wende beim Aufbau einer demokratischen Polizei. Seit Ende der Siebziger engagiert er sich beim „Weissen Ring“.

Anfang der 90-er Jahre nach Deutschland gekommen

Heute arbeitet der Pensionär bis zu 50 Stunden die Woche für die Organisation, ehrenamtlich. Zusammen mit elf Mitarbeitern ist er zuständig für die Stadt Osnabrück und den gesamten Landkreis. Über 120 Fälle hat er momentan auf dem Tisch. Er geht mit zu Gerichtsterminen, hilft bei Behördengängen oder hört den Menschen, die er unterstützt, einfach nur zu, wenn sie ihre Geschichte erzählen, so wie Adaleta P. Sie kam während des Jugoslawienkriegs Anfang der 90-er Jahre aus Bosnien nach Deutschland. Sie heiratete, bekam zwei Kinder, die Ehe scheiterte. Ihr Junge ist volljährig, die Tochter 14 Jahre alt. Ihr Ex-Mann zahlt keinen Unterhalt. Sie hält sich mit Putzjobs über Wasser.

2004 lernte sie Ferid M. kennen. Schnell stellte sich heraus, dass er vor allem an ihrem Geld interessiert war und an einer Heirat, um wie sie die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen. Als sie sich weigerte, ihm das Kindergeld zu geben, fing er an, sie zu schlagen. So erzählt sie es. Als sie sich 2008 wegen seiner Gewaltausbrüche von ihm trennte, stellte er ihr nach und bedrohte sie.

Im Foyer zu Boden gezerrt

Schließlich passte er sie nach der Arbeit ab. Zu der Zeit putzte sie in einer Osnabrücker Anwaltskanzlei. M. zerrte sie im Foyer zu Boden und zog die Gabel aus der Tasche. „Mein erster Gedanke war, Gott sei Dank ist es kein Messer“, erinnert sie sich. Seit dem Angriff ist Adaleta P. schwer traumatisiert, hinzu kommen die körperlichen Schmerzen. Dabei hatte sie noch Glück: Die Gabel verfehlte knapp das Auge. „Ich habe zunächst doppelt gesehen, noch heute fühle ich einen starken Druck auf dem Auge.“ Eine weitere Operation könnte dazu führen, dass das Auge vollständig erblindet.

Rund 7.000 Euro Schmerzensgeld stehen aus

Rund 7.000 Euro Schmerzensgeld stehen noch aus, die M. zahlen müsste. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie das Geld irgendwann bekommt ist gering. Wenn P. abends zum Putzen in eine Bäckerei geht, begleitet sie ihr Bruder oder ihre Tochter. Am Liebsten würde sie im Winter gar nicht aus dem Haus gehen. Sie hat Angst, dass ihr Peiniger auf einmal vor ihr steht. „Manchmal kann ich tagelang nicht richtig schlafen.“

Manfred Lindemann hat ihr eine Psychologin vermittelt, bei der sie in Behandlung ist. „Was sie bräuchte, ist eine Kur“, sagt Lindemann. Seit anderthalb Jahren bemüht er sich zusammen mit der Psychologin um eine Auszeit für Adaleta P., damit sie Abstand gewinnen kann. Bisher erfolglos. Irgendwo hängt der Antrag fest. Niemand fühlt sich zuständig. „Die Krankenkasse zahlt nicht“, sagt Lindemann. Nächstes Jahr will er aufhören beim Weissen Ring. Er ist jetzt über 70. Von Adaleta P.s Peiniger gibt es unterdessen Neuigkeiten. Er hat sich bei ihrer Familie gemeldet und gesagt, dass er Adaleta immer noch liebt. Mehr zum sicheren Leben in unserer Region lesen Sie in unserem Themenportal.


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