Noah Ahene aus Ghana Glücklichmacher lernt Servietten falten

Von Carolin Appelbaum


Osnabrück. Noah Ahene will zeigen, wie man einen Tisch richtig eindeckt, doch das heimische Küchenhandtuch ist widerspenstig und lässt sich nicht so korrekt wie eine gestärkte Serviette falten. „Das nennt man Bischofsmütze“, erklärt er seine etwas labile Tischdekoration und lacht. Dabei blitzt eine große Zahnlücke auf. Noah Ahene ist 30 Jahre alt, hat schon viele Jahre in der Gastronomie gearbeitet und hat vor wenigen Wochen mit einer Ausbildung als Restaurantfachmann im Hotel Advena begonnen.

Servietten falten gehört zu den Dingen, die er jetzt lernt. Zwischen seiner Zeit als Hotelmanager eines Strandhotels und als Auszubildender in Osnabrück liegen ein Jahr, Tausende Kilometer und eine Liebe, die sein Leben verändert hat.

Das „Big Millys Backyard“ ist ein bei Rucksacktouristen beliebtes Hotel in einem kleinen Touristen- und Fischerort an der Westküste Ghanas. Kleine Bungalows am Strand, das Restaurant mit Blick aufs Meer. Für ein Foto auf der Homepage lacht das Hotelpersonal in die Kamera. Auch Noah Ahene ist darauf zu sehen. Neun Jahre hat er hier gearbeitet und es weit gebracht. Vom Kellner bis zum Assistenten der Geschäftsführung. Mit seiner Chefin, einer Engländerin, hält er noch regen Kontakt. Man weiß ja nie. Vielleicht kehrt er eines Tages zurück? Aber erst mal hat er sich entschieden, in Deutschland zu leben.

Von seinem Leben und seiner Geschichte erzählt er in erstaunlich gutem Deutsch, nur ab und zu schaut er schnell auf sein Smartphone, um im Wörterbuch nach dem passenden Begriff zu suchen. Immerhin lebt er erst seit zehn Monaten in Osnabrück. Und Deutsch ist schon die fünfte Sprache, die er in seinem Leben gelernt hat. Drei davon bereits als Kind. Noahs Eltern stammen aus verschiedenen Landesteilen Ghanas und sprachen mit ihren Kindern in ihrer jeweiligen Muttersprache, Fanti und Ga. Von Freunden lernte er die dritte von insgesamt 26 unterschiedlichen Sprachen, die es in Ghana gibt. Doch Noah wollte mehr. Er war ein Junge von zehn Jahren, arbeitete neben der Schule als Fischverkäufer, um zum Lebensunterhalt der Familie etwas beizutragen, und hatte den Wunsch, Englisch zu lernen. Er wollte mit den Touristen im Ort reden können. Seine Eltern, ein Fischer und eine Imbissbetreiberin, hatten nie eine Schule besucht. Aber Noah verdiente sich selbst das Geld, um sich die weiterführende Privatschule leisten zu können.

Nach seinem Abschluss fand er Arbeit im Big Millys Backyard, einem der beliebtesten Touristenhotels in seinem Heimatort Kokrobite. Er arbeitete als Gärtner, im Zimmerservice, im Restaurant und schließlich als Assistent der Geschäftsführung. Seine englische Chefin wusste wohl, was sie an ihm hatte. Mit seinen guten Englischkenntnissen und seiner umgänglichen und fröhlichen Art war er genau der Richtige, um auch schwierige Gäste zufriedenzustellen.

„Manchmal rufen die Kollegen aus Ghana an und sagen, es gibt niemanden wie dich – du musst wiederkommen und die Gäste glücklich machen“, sagt Noah lachend und es klingt ein bisschen Heimweh durch. „Ja“, sagt er, „manchmal vermisse ich die Leute, die Arbeit, die Familie und meine Chefin.“

Dass er einmal in Deutschland leben würde, überhaupt jemals nach Europa reisen würde, hätte er vor wenigen Jahren noch für undenkbar gehalten. Es war im Herbst 2010, als sich sein Leben entscheidend veränderte. Die damals 19-jährige Sarah checkte mit ihren Eltern im „Big Millys Backyard“ ein. Sie verbrachte zu dieser Zeit ein Jahr in Ghana im Rahmen eines entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes, und ihre Eltern besuchten sie, um ihren 20. Geburtstag zu feiern.

In Osnabrück sitzt Sarah heute neben Noah und strahlt. „Er ist mir schon am ersten Tag aufgefallen – vor allem seine offene Art und sein einzigartiges Lachen haben mich begeistert.“ Nach 14 Tagen verabschiedeten sich die Eltern, und Sarah hatte noch neun Monate ihres Freiwilligendienstes vor sich. Sie arbeitete als Lehrerin an einer Grundschule, gut 40 Kilometer von Kokrobite entfernt. Die Wochenenden verbrachten sie und Noah Ahene von da an zusammen.

Doch wie sollte es weitergehen? Gab es eine Zukunft für sie? „Wir haben nach zwei Jahren Fernbeziehung beschlossen, dass wir einen Ort finden müssen, damit wir gemeinsam eine Zukunft beginnen können und uns nicht nur jedes halbe Jahr sehen. Das war auf Dauer einfach unerträglich, ständig wieder Tschüss sagen zu müssen“, erzählt Sarah. Nach unzähligen Telefonaten und langen Skype-Abenden entschieden sich die beiden, in Deutschland zu leben.

„Ein großer Wunsch meinerseits war es, Noah endlich auch mein Land, die Kultur und meine Heimat zeigen zu können“, sagt Sarah. Und Noah ergänzt: „Sie sagte mir immer, wenn du in Deutschland überhaupt nicht glücklich wirst, dann werden wir gemeinsam eine andere Lösung finden.“

An der Wand ihres kleinen Wohnzimmers prangt ein riesiges Foto, das deutlich macht, wie sie sich entschieden haben. Es ist vor zwei Jahren in Kokrobite am Strand entstanden. Beide laufen durch den Sand, Sarah in Weiß, mit einem Blumenstrauß in der Hand. Beide strahlen – es muss ein schöner Tag gewesen sein. Es war der Tag ihrer Hochzeit.

Noah Ahene hat den roten Faden von Stefanie Jago (Foto) gereicht bekommen. Er will ihn weitergeben an Mayya Shaposhnik.