Computer-Ass mit Kick Webentwickler Nevaf Ay boxt sich durch, seit er als Kind einwanderte

Von Carolin Appelbaum

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Osnabrück. Bei mehr als 30 Grad im Schatten haben sich an diesem Nachmittag nur fünf Leute zum Tae-Bo-Fitnesstraining eingefunden, doch für Nevaf Ay spielt das keine Rolle. Gut gelaunt hüpft er von einem Fuß auf den anderen, hebt die Arme in Kinnhöhe und zielt mit harten Schlägen auf einen Gegner, den es nicht gibt.

Laut und fordernd hämmert die Musik, und Nevaf Ay gibt als Trainer den Takt vor: „Back Jab... noch vier, drei, zwei, eins... und Knee-Rise... und vier, drei, zwei, eins...“

Das ist schon beim Zuschauen schweißtreibend, doch der 35-Jährige liebt die schnelle Bewegung und die laute Musik. Über sein Leben erzählt er zum Glück in aller Ruhe in seinem kühlen Büro.

Nevaf Ay teilt sich mit einem Kollegen die Büroetage in der Großen Straße. Die Stimmen der Passanten schallen durch das geöffnete Fenster herein. Der 35-Jährige sitzt in sportlichem Outfit am Schreibtisch: T-Shirt und karierte Bermudas. Da wird schon deutlich: Hier arbeitet ein kreativer Selbstständiger. Nevaf Ay ist Webentwickler.

Binärcodes

Einer der Menschen, denen Binärcodes wie 0100100001100001011011000110110001101111 (im Klartext: Hallo) so viel sagen wie anderen ein „Guten Tag“ oder „Auf Wiedersehen“. Als Webentwickler programmiert er Internetseiten. Zurzeit arbeitet er an einer Seite der Hochschule Osnabrück, über die sich Studenten für Auslandssemester anmelden können.

Nevaf Ay arbeitet häufig für die Hochschule. So hat er zum Beispiel auch deren Stellenbörse oder die Seminarverwaltung programmiert. Um neue Auftraggeber muss er sich in seinem Beruf keine Sorgen machen. „Ich muss keine Akquise betreiben, ich werde empfohlen“, sagt er selbstbewusst und ohne eine Spur von Angeberei.

Bis dahin war es durchaus ein langer Weg. Einer, der vor 35 Jahren in einem kleinen Dorf in der Türkei begann. Midyat heißt der Ort nahe der syrischen Grenze. Die Ays sind Kurden, und Nevafs Vater war Bauer und Bürgermeister in Midyat. Als Kurden wurden sie politisch verfolgt. 1986 entschloss sich die Familie, nach Deutschland auszuwandern. Sie schickte die drei ältesten Kinder voraus zur Tante nach Bielefeld. Nevaf Ay war der Drittälteste. Als er in Deutschland ankam, war er sieben.

War er jemals wieder in Midyat? „Nee“, sagt er knapp, „war ich nicht. Es ist eine öde Gegend.“ Eine Gegend, in der seine Eltern Melonen und Trauben anbauten, sieben Kinder bekamen – und die sie verlassen mussten, weil sie Kurden waren.

Heute lebt die Familie in Herford ein ganz traditionelles Leben. Die Geschwister sind mit Kurden verheiratet, der Familienälteste trifft alle Entscheidungen, und zu Hause wird nur Kurdisch gesprochen. Nevaf bezeichnet sich selbst als Außenseiter der Familie. „Meine Frau ist Deutsche, da wird man sofort aus der Religionsgemeinschaft der Jesiden ausgeschlossen“, erklärt er. Die beiden kennen sich schon seit ihrer Jugend in Herford. Damals war er 18 und sie 15. Doch anerkannt wurde seine Frau Natascha von der Familie erst, seit sie verheiratet sind, und vor allem, seit der heute einjährige Sohn Josuel auf der Welt ist.

Trotz der unterschiedlichen Ansichten hält der 35-Jährige engen Kontakt zu seiner Familie: „Meine Mutter wäre tödlich beleidigt, wenn ich monatelang nicht käme“, sagt er und klingt nicht unzufrieden, wenn er von den großen Familientreffen erzählt, bei denen gegrillt wird („Im Sommer wird immer gegrillt“) und alle laut und durcheinander erzählen.

Auf die Frage, was denn typisch kurdisch an ihm sei, erwähnt er genau diese Eigenart: „Von meiner Frau höre ich immer, ich sei lauter als alle anderen und übertöne jeden. Wir Kurden fallen einander oft ins Wort.“ Und gibt es auch etwas typisch Deutsches an ihm? „Ich werde nie komplett Deutscher sein, aber man nimmt schon Verhaltensweisen an: das Ordentliche und Pünktliche“, sagt er und lächelt über das ganze Gesicht.

Ist auch sein sportlicher Ehrgeiz etwas typisch Deutsches? Wer weiß, vielleicht ist es auch einfach nur typisch Nevaf. Sein bester Freund Stefan Springfeld, mit dem er seit Jahren Badminton spielt, beschreibt ihn jedenfalls so: „Er ist sehr ehrgeizig. Was er aber nie vergisst, ist, andere zu motivieren. Er hat ein feines Gespür dafür, wenn andere ein Tief haben, und er baut sie dann wieder auf.“

Eine Fähigkeit, die Nevaf Ay auch als Trainer gut gebrauchen kann. Beim Hochschulsport gibt er Kurse in Tae-Bo, einer Mischung aus Kampfsport und Aerobic. Neben Kickboxen und Badminton ist das die dritte Sportart, die er regelmäßig betreibt. Schon als Kind hat er viele verschiedene Sportarten ausprobiert: von Fußball über Kung-Fu bis Kickboxen. Und dabei ist er hängen geblieben. Inzwischen hat er den Zweiten Schwarzen Dan als Kickboxer. Für Fußball hat er sich dagegen nie richtig erwärmen können. Kann aber gut sein, dass das anders wird – sobald sein Sohn nicht nur läuft, sondern auch begeistert einem Ball hinterherrennt.


Nevaf Ay hat den roten Faden von Hannes Jahn (Foto) gereicht bekommen. Er will ihn weitergeben an Stefanie Jago, Kursleiterin beim Zentrum für Hochschulsport in Osnabrück.

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