Streit um Satire und Islam-Pointen Auftritt in Osnabrück: Dieter Nuhr und der Islam


Osnabrück. Eine Strafanzeige, knapp 30 Demonstranten und ein vorübergehender Presseboykott: Dieter Nuhrs Auftritt am Samstag in der Osnabrück-Halle wurde von Nebengeräuschen begleitet, die in ganz Deutschland Widerhall fanden.

Den Aufstieg vom arrivierten Kleinkünstler zum Konsenskomiker der Deutschen hat Dieter Nuhr einem Satz zu verdanken: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal: Fresse halten.“ Das Plädoyer für verbale Zurückhaltung wurde auf T-Shirts gedruckt und tausendfach verkauft. „Ich habe mal ein Motto erfunden, das verfolgt mich ein wenig“, sagte Nuhr in einem SWR-Interview im Jahr 2010. Vier Jahre später bezeichnet der renommierte Migrationsforsche r Klaus J. Bade in der „Welt“ Nuhrs Äußerungen zum Thema Islam als ebenso falsch wie dumm. Hat Nuhr das eigene Motto nicht ernst genommen?

Nuhrs Religionskritik

Ahnung aber hat er von der Materie. Religion war schon immer ein Thema für den 53-Jährigen. Zunächst verspottete er vor allem den Katholizismus, seit dem 11. September 2001 aber ist der Islam sein bevorzugtes Ziel. Vor einiger Zeit veröffentlichte jemand auf Youtube ein 18-minütiges Video, das ausschließlich aus Passagen besteht, in denen Nuhr den Islamismus geißelt, aber auch den Islam und die islamisch geprägte Welt abseits der Religion mit Hohn und Spott überzieht. „Die Araber leben in ärmlichsten Verhältnissen, die kriegen da nix auf die Reihe. Im gesamten arabischen Raum erscheinen jährlich 350 neue Bücher. Das ist nichts!“

Vor acht Monaten sah Erhat Toka dieses Video. Der Osnabrücker Muslim war wütend über den Rundumschlag und beschloss, etwas zu unternehmen. Zunächst erstattete er Anzeige wegen „Beschimpfung von Religionsgemeinschaften“, dann demonstrierte er mit 30 anderen Muslimen vor Nuhrs Auftritt in der Osnabrück-Halle. „Das hier ist meine Pflicht!“, sagt er am Rande der Demo. „Das ist der Inbegriff des Dschihad: auf friedliche Art für meine Religion einzutreten.“

An Tokas friedlichen Absichten gibt es allerdings Zweifel. Dem Besitzer einer Kampfsportschule wird immer wieder eine Nähe zu islamistischen Hardlinern nachgesagt. Der Verdacht des Verfassungsschutzes, er bewege sich in einem Hort von Extremisten, erhärtete sich allerdings nicht.

Tokas Anzeige gegen Dieter Nuhr wird kaum juristische Konsequenzen haben. Die Wirkung war dennoch enorm. Nachdem die „Neue Osnabrücker Zeitung“ über Tokas Strafantrag berichtet hatte, griffen Ende vergangener Woche Medien in ganz Deutschland das Thema auf.

Einer war mit der Berichterstattung allerdings überhaupt nicht zufrieden: Dieter Nuhr. „Braucht ein Land, das solche Zeitungen hat, überhaupt noch Islamisten?, fragte er auf Facebook. Hauptsächlich bezog er sich dabei auf die Auslegung seines Satzes, „der Islam ist ausschließlich dann tolerant, wenn er keine Macht hat“. Ist dies eine universale oder temporale Aussage? Seinem Publikum in der Osnabrück-Halle erklärte Nuhr, natürlich wisse er darum, dass es in der Vergangenheit tolerante islamische Regime gegeben habe. Deshalb habe er ja auch bewusst die Gegenwartsform benutzt und „ist“ gesagt, nicht „war“. Diesen verbalen Präzisionsgrad erreicht Nuhr nicht immer. Wenig später etwa erzählt er: „Die rufen Tod bis zzz... Krieg! Brrrr! Nich, das ist für mich, äh, hat einen Grad von Lächerlichkeit...“

Erbost war Nuhr auch darüber, dass ihm die „NOZ“ seinen Worten zufolge nicht die Möglichkeit eingeräumt habe, in dem Artikel über die Strafanzeige Stellung zu beziehen. Doch bereits mehr als zwei Wochen, bevor Bericht und Kommentar erschienen, wurde Nuhrs Agentur mehrfach schriftlich und telefonisch um eine Stellungnahme des Künstlers gebeten. Vorübergehend kündigte er an, der „NOZ“ den Zugang zu seinem Auftritt in der Osnabrück-Halle zu verwehren, räumte dann aber ein, dass die Redaktion ihn in der Tat um eine Stellungnahme gebeten hatte, er sich jedoch erst nach seinem Auftritt habe äußern wollen.

Begeisterte Fans

Nuhrs Wut, die ihren Niederschlag auch auf seiner Facebook-Seite fand, löste eine Welle der Sympathiebekundungen mit dem Comedian aus. Geprägt sind viele davon allerdings von unverhohlenem Hass – gegen Islamismus, Islam und gegen vermeintliche Sympathisanten etwa bei der „NOZ“.

Am Samstagabend kam es dann zum Zusammentreffen zwischen Nuhrs Gegnern und Fans. Vor der Osnabrück-Halle versammelten sich knapp 30 Demonstranten – angemeldet waren 80. Auf ihren Schildern prangten Aufschriften wie „Nu(h)r Lügen“ oder „Stoppt den Hassprediger“, darüber das rot durchgestrichene Konterfei von Nuhr. Organisator Toka las per Megafon Koran-Suren vor, die beweisen sollten, wie friedlich der Islam ist. Das Publikum konnte er nicht für sich gewinnen. „Dann geht doch zurück in die Türkei!“, rief ihm ein Mann zu. Marita Thöle formulierte ihren Protest schriftlich. Die langjährige Fraktionsgeschäftsführerin der Osnabrücker Grünen trug ein Schild mit dem Tucholsky-Zitat „Was darf Satire? Alles.“ um den Hals. Wer mit dem Hinweis auf den Islam das Kabarett boykottiere, habe den Bogen schon überspannt, erklärte sie.

Als Nuhrs Programm begann, verschwanden die Demonstranten im Osnabrücker Nieselregen. In der Halle waren sie derweil noch länger präsent. Die ersten 15 Minuten widmete Nuhr fast komplett dem Thema Islam und der Demonstration gegen ihn. Sein erster Satz: „Wir haben heute Besuch. Sie haben es vielleicht gemerkt.“ Den Eröffnungsapplaus nutzte er als Aufwind, um sich als ungebrochener Kritiker des Islamismus zu zeigen: „Im Alten Testament geht es auch grausam zu. Aber das sind Geschichten. Der Koran hingegen besteht nur aus konkreten Handlungsanweisungen.“ Anschließend ließ Nuhr sein Publikum wissen, dass das viel kritisierte Youtube-Video altes Material und aus heutiger Sicht nicht relevant sei. Trotzdem brachte er im unmittelbaren Anschluss zahlreiche Gags, die im Video exakt so zu sehen sind.

Auch nach dem Startblock kommt Nuhr im Programm immer wieder auf das Thema zurück. Nur ein Beispiel: „An allen bewaffneten Konflikten auf dieser Welt – die Ukraine mal ausgenommen – sind Islamisten beteiligt.“ Das Publikum reagierte mit Zustimmung und Begeisterung. Der Applaus war groß, und egal, wen man nach der Vorstellung fragte: Niemand nahm Anstoß an Nuhrs Islamkritik.

Tokas Facebook-Humor

Gestern veröffentlichte Toka auf seiner Facebook-Seite einen Eintrag, der beweisen soll, dass er Humor im Prinzip nicht abgeneigt sei: „Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich lustig bin. Ein Beispiel: Was heißt gehbehindert auf Arabisch? Is-Lam.“

Nuhr wiederum kam in einem großen Interview mit der „Welt am Sonntag“ zu Wort. Er wiederholte, dass das umstrittene Video irrelevant sei, und: „Ich habe das Video erst mal angucken müssen. Das ist uralt, ich kannte es schon gar nicht mehr so richtig.“ Und doch gab er die Gags fehlerfrei wieder. In der „Welt“ erschien auch der Satz: „Ich bin überhaupt kein Typ, der gerne polarisiert und provoziert. Das ist nicht meine Art.“


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