Als Zweitwagen Deutschlands erstes Hanfmobil kommt aus Osnabrück

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Osnabrück. Der Automobil-Pionier Henry Ford hatte vor fast 100 Jahren den Traum vom Auto, das auf dem Acker wächst. Der Osnabrücker Ingenieur Nicolas Meyer kommt diesem Traum mit seinem in Deutschland einmaligen Hanfmobil schon nahe. Der Prototyp ist zwar noch aus Stahl, doch wenn sein Fahrzeug 2016 serienreif ist, sollen die Strukturbauteile aus Hanf bestehen. Marihuana-Fans werden allerdings enttäuscht sein, denn der rauschbewirkende THC-Gehalt liegt bei diesem Nutzhanf bei weniger als 0,2 Prozent.

Meyer nennt seinen Zweisitzer auf vier Reifen selbst allerdings nicht Hanfauto, sondern lieber „Hanfmobil“, weil das elektrisch betriebene Fahrzeug mit Pedalen ausgestattet ist und mit einem Gewicht von nur 120 Kilo zu leicht für ein Auto sei. Durch die eigene Muskelkraft soll das Gefährt in Ergänzung zum Elektroantrieb, der 45 km/h bringt, bis zu 55 Stundenkilometer schaffen. Daher sieht der Osnabrücker Ingenieur in dem Hanfmobil das Potenzial, das Zweitauto zu ersetzen. Der Vorteil an seinem Hybrid-E-Mobil ist, dass dafür nicht einmal der Auto-Führerschein der Klasse 3 benötigt wird, sondern ein Moped-Führerschein der Klasse S ausreicht. Zudem kann man mit dem innovativen Fahrzeug, das einem Liegerad mit Karosserie ähnelt , auch ganz auf den Elektroantrieb verzichten und nur mit eigener Muskelkraft fahren.

Günstiger als benzinbetriebenes Auto

Die Reichweite mit dem Akku beträgt 25 bis 50 Kilometer - je nachdem, ob der Elektromotor mit der eigenen Muskelkraft unterstützt wird. „Der Strom und die Nebenkosten für 100 Kilometer Stadtverkehr kosten unter zwei Euro und damit ein Sechstel des Preises, den ein benzinbetriebenes Auto im Stadtverkehr inklusive Versicherung und Steuer verbraucht“, wirbt Meyer für seine Innovation. Sein Hybridfahrzeug sei durch den Kofferraum mit einer Maximallast von 50 Kilo und Stauraum für zwei Kisten Bier oder Wasser sogar für Einkaufsfahrten in der Stadt geeignet.

Die Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderung Osnabrück, Sonja Ende, gestattete Meyer im Sommer, das Hanf für sein Mobil auf dem bis dato brachliegenden Acker vor dem Innovationscentrum Osnabrück (ICO) anzubauen. Vor einer Woche erntete Meyer die Hanfpflanzen. Die Hanffasern werden zu einem ultraleichten und sehr strapazierfähigen Bauteil, indem sie mit Harz verklebt und im Ofen gebacken werden. Auch bei der Verwendung des Harzsystems versucht er möglichst ökologisches Material einzusetzen und testet dazu eine Basis aus Sojaöl statt des normalerweise verwendeten Rohöls. Auch beim Fahrersitz hat der Tüftler bereits auf Hanffasern und eine Materialkombination eines sojaöl-basiertem Harzsystems und Hanffasern gesetzt.

Hanfbike aus Grundlage

Kürzlich kritisierte der Agrarwissenschaftler Hans-Bernhard von Buttlar, dass Bauteile aus natürlichen Verbundwerkstoffen noch zu teuer sind, um sie auf dem Massenmarkt anzubieten. Dazu sagt Meyer:

„Aus dem Grund bieten wir neben der Lösung aus hanffaserverstärktem Kunststoff auch die günstigere Lösung aus mit Glasfasern verstärktem Kunststoff und hoffen über eine gesteigerte Hanffasernachfrage in Zukunft günstigere Preise angeboten zu bekommen.“ Deshalb sollen die ersten Fahrzeuge 2016 aus diesen beiden Materialvarianten angeboten werden. Über den Preis könne jeder Kunde die Entscheidung über den „ökologischen Fußabdruck“ in der Produktion des Mobils selbst entscheiden. Dass Meyer in der Lage ist, tragende Strukturbauteile aus Hanf zu fertigen, hat er bereits mit seinem Hanfbike unter Beweis gestellt. Im August 2009 bewältigte er mit dem weniger als zwei Kilo schweren Hanfbike sogar einen Triathlon unter Wettkampfbedingungen. Dieses Fahrrad war auch eine wichtige Grundlage zur Entwicklung des Hanfmobils.

Diese Entwicklungsarbeit hat aber auch seinen Preis. „Wir schätzen, dass wir bis zum Serienstart in das Projekt insgesamt rund 700000 bis 800000 Euro investieren müssen“, prognostiziert Meyer. Bis Mitte 2015 wird Onyx nach eigenen Angaben aber noch mit rund 125000 Euro von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) unterstützt. Diese Förderung begann vor zwei Jahren und und aktuell läuft die zweite Förderphase. Die Entwicklung des Hanfmobils habe bislang aber bereits mehr als 250000 Euro gekostet.

Die Investition lohnt sich, denn nach eigenen Recherchen ist es das erste Hanfmobil der Welt. Es gibt in Kanada zwar bereits ein Hanfauto namens Kestrel , doch der Unterschied ist, „dass dem Kestrel ein Rahmen aus Metall zugrunde liegt und lediglich die Verkleidungsteile aus hanffaserverstärktem Kunststoff sind. Damit wiegt es 850 Kilo, benötigt einen großen Elektro-Antrieb und einen großen Akku, was es teuer und ineffizient macht“, wie Meyer erläutert. „Unserem Hanfmobil hingegen liegen erstmalig auch die tragenden Teile aus hanffaserverstärktem Kunststoff zugrunde.“ Er betont: „Unser nur 120 Kilo schweres Hanfmobil ist im Vergleich dazu leicht, ökologisch und kostengünstig.“

Serienfertigung geplant

Aus dem rund 1000 Quadratmeter großen Hanffeld vor dem ICO sollen die Strukturbauteile für die ersten Hanfmobile entstehen. Pro Karosseriestruktur plant Meyer etwa 20 Kilo Hanffaser einzusetzen. Dem ersten Prototyp aus Stahl soll im nächsten Entwicklungsschritt 2015 ein realistischer Prototyp aus Hanf folgen. In der Klasse für leichte Kraftfahrzeuge mit vier Rädern L6E will Meyer bis Ende 2015 die Kfz-Zulassung vom TÜV bekommen. Im nächsten Schritt will er eine Kleinserie mit 200 Fahrzeugen pro Jahr bauen, um Investoren zu überzeugen, auf das Projekt aufzuspringen. Sein großes Ziel ist, bis 2020 eine Serienfertigung von mehr als 10000 Einheiten pro Jahr zu erreichen. „Der Preis von zunächst 8900 Euro würde dann auf unter 6500 Euro fallen und die Nachfrage weiter steigen lassen. Das würde dann ein echter Erfolg für die urbane Mobilität der Zukunft werden“, prognostiziert der 38-Jährige. Eine Fertigung in dieser Dimension könnte sein Ingenieurbüro Onyx composites aber nicht leisten und müsste dann über einen Partner oder Investor aus der Industrie laufen. Meyer will sich mit seinem Büro dann um die Weiterentwicklung und Fertigung von Sondermodellen kümmern und nachhaltige Ideen entwickeln.

Für die Entwicklung eines vier Kilowatt starken und wie in einem Aktenkoffer tragbaren „Akku to go“ für das Hanfmobil hat Meyer Michael Schnakenberg engagiert, dessen Unternehmen für Energiespeichersysteme Commeo ebenfalls im ICO arbeitet. Der Geschäftsführer des Unternehmens für elektronische Dienstleistungen iotec, Daniel Mentrup, ist für die Entwicklung der Elektronik-Komponenten des Hanfmobils zuständig. So kümmert er sich etwa um die Motorsteuerung, Beleuchtung und Bedienung. Auch eine Verbindung mit dem Smartphone ist angedacht. Als Hanfverantwortlicher ist zudem der Agrarwissenschaftler Axel Thoma freiberuflich bei Onyx beschäftigt.


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