Kundgebung gegen Dieter Nuhr Kopfschütteln über islamische Demonstranten

Von Rainer Lahmann-Lammert


Osnabrück. Nur knapp 30 Demonstranten standen am Samstagabend vor der Osnabrückhalle, um gegen den Kabarettisten Dieter Nuhr zu demonstrieren. Und von einigen, die er vorher noch als „Brüder“ bezeichnet hatte, distanzierte sich der Initiator Erhat Toka auch noch. Mit ihren Transparenten erregten sie zwar eine gewisse Aufmerksamkeit, ernteten aber auch viel Kopfschütteln. Viele Fans von Dieter Nuhr empfanden den Protest gegen dessen angeblich islamfeindliche Hetze als Angriff auf die Meinungsfreiheit.

„Das sind Salafisten!“, raunte ein Passant mit gedämpfter Stimme seiner Begleiterin zu, deren besorgte Miene auszudrücken schien, dass es bis zur Ausrufung der Scharia in Deutschland wohl nicht mehr weit sei. Andere blieben stehen und diskutierten, mal unter sich, mal mit den Demonstranten. Gelegentlich wurde auch gepöbelt, aber es blieb friedlich, und die wenigen Polizisten mussten nicht eingreifen.

Erhat Toka, ein muslimischer Osnabrücker mit deutschem Pass und türkischen Wurzeln, hatte Nuhr wegen Beschimpfung von Religionsgemeinschaften angezeigt und die Kundgebung angemeldet, weil der Comedian nach seiner Ansicht das friedliche Zusammenleben mit den Muslimen in Deutschland torpediert. Um zu erläutern, wie friedlich der Islam sei, las Toka mit seinem Megaphon aus einigen Suren vor und zählte auf, wie oft der Koran die Wörter „Barmherzigkeit“ und „Liebe“ nennt.

Bei seinen Zuhörern erntete er damit wenig Verständnis, im Gegenteil. Einige warfen ihm blutrünstig klingende Koranzitate entgegen, vor allem zum Umgang mit Nichtgläubigen. Der Mann mit dem schwarzen Rauschebart konterte mit Bibelversen, um zu belegen, dass sich solch martialisches Vokabular auch in der Heiligen Schrift der Christen finde.

Dass ein Vorkämpfer für den Islam lautstark sein Wort erhebt und die Meinungsfreiheit in Deutschland nutzt, um sich gegen einen beliebten Kabarettisten zu stellen, werteten viele Nuhr-Fans als Provokation. Demnächst würden sie wohl auch Bücher verbrennen, unterstellte ein Mann mittleren Alters den Demonstranten. Einige riefen Toka zu, er solle doch in die Türkei gehen. „Ich bin Deutscher, ich bin Muslim. Wenn es Ihnen nicht passt, dann wandern Sie doch aus!“, gab er keck zurück.

„Wo sind denn Eure Frauen?“, fragte Tina Malachowitz als Besucherin des Kabarettabends, die sich vor Nuhrs Auftritt ein Bild von der Kundgebung verschaffen wollte. Sie wunderte sich, dass ausschließlich Männer und einige wenige Kinder dem Aufruf zur Demonstration gefolgt waren. Eine Antwort bekam sie nicht.

Marita Thöle, langjährige Fraktionsgeschäftsführerin der Osnabrücker Grünen, hatte sich mit dem einlaminierten Tucholsky-Zitat „Satire darf alles“ und einem Bekenntnis zur Meinungsfreiheit als Gegendemonstrantin vor die Stadthalle gestellt. Wer mit dem Hinweis auf den Islam eine Kabarettveranstaltung boykottiere, habe den Bogen schon überspannt, erklärte sie. Es gebe nun einmal demokratische Gepflogenheiten, an die sich alle halten müssten. Ein Mann, der seinen Namen nicht nennen wollte, äußerte sein Verständnis von Meinungsfreiheit: Es müsse endlich Schluss sein mit der weit verbreiteten Haltung, Islamkritik in die rassistische Ecke zu stellen.

Die religiös motivierten Nuhr-Gegner standen derweil mit ihren Plakaten in einer Reihe und schwiegen überwiegend. Als Presseleute einzelne seiner offensichtlichen Gefolgsleute nach ihren Motiven fragten, distanzierte sich Initiator Erhat Toka vorbeugend von Meinungen, die er nicht zu verantworten habe. Ausschließlich er sei befugt, Stellungnahmen zu der von ihm angemeldeten Kundgebung abzugeben, machte er geltend.

Um kurz vor 20 Uhr waren die Kabarettfans in der Osnabrückhalle verschwunden, wo Nuhr mit seinem Programm begann. Vor der nun leeren Kulisse packten die Nuhr-Gegner ihre Plakate und ihr Zelt zusammen und verschwanden im Nieselregen.