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Wider den Hassprediger-Vorwurf Dieter Nuhr in Osnabrück: 15 Minuten Islam-Kritik


Osnabrück. Dieter Nuhr widmet die ersten Minuten eines Auftritts stets aktuellen Themen. In Osnabrück, das war klar, ging es um den Islam und den Protest gegen den Kabarettisten, weil er die Religion angeblich verunglimpfe.

Von Daniel Benedict und Hendrik Steinkuhl

„Wir haben heute Besuch. Sie haben es vielleicht gemerkt.“ Dieter Nuhr thematisiert die rund 30 muslimischen Demonstranten vor der Osnabrückhalle gleich im ersten Satz . Den Eröffnungsapplaus nutzt er als Aufwind, um sich als ungebrochener Kritiker des Islamismus zu zeigen. Damit er sich später nicht fragen müsse: „Warum haben wir nichts getan?“ Unübersehbar arbeitet er dabei an einer sauberen Grenzziehung zwischen Islamkritik und Islamophobie. Zu den Gesten der Versöhnung gehört auch dies: Nachdem Dieter Nuhr die Presse zunächst von seiner Veranstaltung ausgeschlossen hat, zieht er die Ausladung kurzfristig wieder zurück – und nimmt im Gespräch mit unserer Zeitung Stellung.

Als Nuhr auf die Bühne tritt teilt er weiterhin aus. Ironisch ermuntert er seine Fans zum Mitgefühl mit seinen Gegnern vor der Osnabrück-Halle - „auch wenn es nicht sehr viele sind.“ Nuhr: „Die haben mit der Zeitrechnung 600 Jahre später angefangen. Bei denen ist es erst so 1400.“

Einzelne Programmblöcke bestehen weitgehend unverändert aus dem alten Material, das seine Gegner ihm heute vorhalten . Ein Vergleich von NS-Terror und Islamismus ist zum Beispiel schon Teil des Videozusammenschnitts seiner gesammelten Anti-Islam-Gedanken. Dass darin nur alter Kram zu sehen ist, bleibt trotzdem Teil von Dieter Nuhrs Selbstverteidigung. Genauso wie der Hinweis, dass der Youtube-Film illegal veröffentlicht und verlinkt werde. Als ob es darum ginge.

Nuhr greift Kritik an Islamthesen auf

Kritik an seinen Islamthesen greift Dieter Nuhr sofort auf. Etwa die an dem Satz: Der Islam ist nur tolerant, wenn er keine Macht hat. Hinweise auf tolerante Phasen in der Historie beantwortet er mit der Korrektur: „Ein kleiner Unterschied: Ist - ich habe bewusst die Gegenwartsform gebraucht.“

Nuhr lehnt Vermischung von Islam und Islamismus ab

Zwischendurch arbeitet er an kleinen, bedeutsamen Präzisierungen seiner Pointen. Die Vermischung von Islam und Islamismus lehnt er ausdrücklich ab. Ein weiterer Gedanke gilt den islamischen Opfern des islamistischen Terrors. All das ist ihm im Lichte der Debatte so wichtig, dass er dabei sogar auf jede Pointe verzichtet. Nuhr will das Wort vom „Hassprediger“ erkennbar widerlegen, während die Fans im Saal keinen Zweifel lassen, dass sie ohnehin fest hinter dem Kabarettisten stehen.

Comedian spart auch nicht mit Kirchenwitzen

Nuhr sparte in der Einführung nach dem Schlenker zum Islam auch mit Kirchenwitzen nicht, auch über Sexualität und Messdiener - vermutlich kein Zufall, um als Religion nicht den Islam allein zu kritisieren, womit das inzwischen bundesweit heiß diskutierte Thema erst einmal erledigt ist. Über Bundeswehr-Kitas und einen Hitler-Putin-Vergleich findet Nuhr zurück ins aktuelle Programm. Hin und wieder erinnert er sich der muslimischen Demonstranten mit einem Witz über die 72 Jungfrauen der Märtyrer. Für einen Christenmenschen wie Micky Krause reichten zehn nackte Frisösen. Noch einmal Szenenapplaus. Wenig später streift er wieder den Islam: „An allen bewaffneten Konflikten auf dieser Welt – die Ukraine mal ausgenommen – sind Islamisten beteiligt. Und das liegt am Alkohol. Denn wer trinkt, der sagt: Ach, spreng du dich doch mal in die Luft, ich habe noch was im Glas.“

Und was kam nach dem Islam?

Auch wenn die aktuelle Debatte den Fokus auf das Thema Islam lenkte: Angereist war Dieter Nuhr mit seinem Programm „Nuhr ein Traum“, mit dem er hier bereits im Dezember 2013 gastierte. (Hier unsere damalige Kritik.) Darin sucht er nach Glücksperspektiven in einer Welt, in der selbst die Kinder vom Genörgel ihrer Eltern deprimiert sind. Ein Leitgedanke, dem sich die Helmpflicht genauso anpasst wie Smartphone-Unsitten, der Klimawandel und alles zu Männern und Frauen: Ehefrust und Geschlechterbilder, die sprachlichen Verrenkungen der Gender-Debatte.

Worüber wird am lautesten gelacht?

Besonders ausgelassen feiert das Publikum die Nacherzählung, in der Dieter Nuhr einen Sexfilm wiedergibt. Der Kabarettist lässt lüsterne Logistiker auftreten, Hausfrauen, Bedienstete und allerlei Handwerker. Am Ende stürzt alles in einem einzigen Wort zusammen. Nuhr findet den Film – „unrealistisch“. Auch die Realität vor der Osnabrück-Halle gerät nun langsam in Vergessenheit: die längst heimgekehrten Demonstranten, die heftigen Debatten um Nuhrs Islamkritik.

In eigener Sache: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir in der Dachzeile den Begriff „Hassprediger-Image“ statt „Hassprediger-Vorwurf“ gebraucht. Auf einen zutreffenden Hinweis von außen ändern wir den falschen Terminus.


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