Bravos für „Jonathan“ Filmfest Osnabrück: Missbrauch durch die Mutter: Doku „Jonathan“

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Unabhängiges Filmfest Osnabrück: Jonathan macht sich bereit für das Bad in der menge. Im Hintergrund:  Marcel Trocoli Castro, Regisseur des Porträtfilms „Jonathan – Ein Herz und tausen Seelen“.. Foto: Kerstin HehmannUnabhängiges Filmfest Osnabrück: Jonathan macht sich bereit für das Bad in der menge. Im Hintergrund: Marcel Trocoli Castro, Regisseur des Porträtfilms „Jonathan – Ein Herz und tausen Seelen“.. Foto: Kerstin Hehmann

Osnabrück. Bravo-Rufe für den Performance-Künstler Jonathan alias Norbert Henze. Im Porträtfilm von Marcel Trocoli Castro öffnete er beim Unabhängigen Filmfest Osnabrück sein Herz – und ließ sich danach vom Publikum feiern.

Es war das Publikumsgespräch mit den meisten Mitwirkenden – und zugleich das kürzeste. Eine Frage aus dem Publikum, eine des Moderators beantwortet Jonathan nach der Premiere des Porträtfilms „Jonathan – Ein Herz und tausend Seelen“. „Uuuuuuuuuuuund Feierabend“, brummt der Künstler dann im tiefsten Bass – erklärt die Veranstaltung für beendet und verschwindet aus dem Saal. Der Regisseur und der Festivalleiter, die Soundtrack-Musiker, der Lebensgefährte und ein Kunstschüler Jonathans folgen verdutzt. „Nikotinmangel“, erklärt später Dokumentarfilmer (und os1.tv-Redaktionsleiter) Marcel Trocoli Castro. „Jonathan musste ganz schnell eine rauchen.“

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„Jonathan“: Nach der Kunst kommt die Kippe

Vermutlich hätte das Publikum in der nahezu ausverkauften Lagerhalle gerne noch mehr gefragt. Trotzdem darf der lakonische Abgang als gelungener Abschluss einer umjubelten Premiere gelten. So schnoddrig und direkt, wie der 66-jährige Jonathan – bürgerlich: Norbert Henze – von der Kunst zur Kippe überleitete, hatte er sich auch im Film präsentiert. Bei einer Lebensgeschichte, die von Missbrauch geprägt ist, von Gewalt im Heim und in der Ersatzfamilie ist das keine Selbstverständlichkeit.

„Jonathan“ – lakonisch vom Missbrauch sprechen

Dass der Film über den Osnabrücker Performance-Künstler schon im Abspann mit feurigen Bravos gefeiert wurde, verdankt sich womöglich genau diesem Kontrast: auf der einen Seite der Schock über eine extreme Lebensgeschichte, auf der anderen ungebrochener Optimismus. Dabei darf man die bodenständige Direktheit des Titelhelden von „Jonathan – Ein Herz und tausend Seelen“ nicht unterschätzen. Norbert „Jonathan“ Henze berichtet derb vom Missbrauch durch die Mutter, „die vermaledeite Schlampe“. Und sein Überlebensrezept klingt fast zu einfach: „Es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels.“ Aber wenn Henze sich an die Jahre erinnert, in denen seine Mutter immer wieder mit ihm geschlafen hat, beweist er umwerfenden Mut zu seinen ambivalenten Gefühlen – und konfrontiert das Publikum damit, dass ein Teil von ihm den Missbrauch genossen hat – als nachgeholte Nähe zu einer Mutter, die er sich in den Heimjahren gewünscht hatte.

Filmfest-Kolumne: Was taugt das Publikum? ››

Hofhalten in der Lagerhalle: Jonathan herzt den OB

Die unbefangene Offenheit mit der Norbert Henze aus seinem Leben erzählt, lässt ihm die Herzen zufliegen. Nach der Premierenzigarette spaziert er durch die Lagerhalle, wo ihm Filmteam, Freunde und auch Oberbürgermeister Wolfgang Griesert reihum auf die Schultern klopfen. Seine jubelnde Lebensfreude, die schon dem Film seine Energie gegeben hat, erfüllt das Foyer der Lagerhalle. Die Osnabrücker Musikerin Luca Sophie Reinartz liefert weiterhin den Soundtrack dazu – im Film steuert sie die Schlussnummer bei, in der Lagerhalle singt sie dann live. Bis die Filmcrew – so war zumindest der Plan – die Nacht im Tiefenrausch beschließt.

Wiederholungstermin auf dem Filmfest

„Jonathan – Ein Herz und tausend Seelen“ ist auf dem Unabhängigen Filmfest Osnabrück noch einmal zu sehen: am Sonntag, 11 Uhr, in der Lagerhalle.


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