Porträt eines Stadt-Originals Doku über Performancekünstler Jonathan aus Osnabrück

Von Tom Bullmann

Performancekünstler Jonathan alias Norbert Henze und Videojournalist Marcel Trocoli, der ihn ein Jahr lang mit der Kamera begleitete. Foto: Thomas OsterfeldPerformancekünstler Jonathan alias Norbert Henze und Videojournalist Marcel Trocoli, der ihn ein Jahr lang mit der Kamera begleitete. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Das Doku-Porträt eines Osnabrücker Stadt-Originals wird als Special beim Unabhängigen FilmFest am Freitag in der Lagerhalle gezeigt: „Jonathan – Ein Herz und tausend Seelen“ betitelte der Videojournalist Marcel Trocoli Castro den 95-minütigen Film, der den Performancekünstler Norbert Henze, Künstlername Jonathan, außerordentlich nah charakterisiert.

Entweder man mag den Mann mit dem rasierten Schädel und der obligatorischen Schweißerbrille – oder man mag ihn nicht. Denn er hat eine raue Schale. Er ist laut, rumpelig, direkt, ehrlich. Wenn Jonathan in dem Doku-Porträt von seiner Kindheit im Heim, von der Fronarbeit auf einem Bauernhof, von den Schlägen und von dem an ihm verübten sexuellen Missbrauch erzählt, dann brechen die Gefühle aus ihm heraus. „Ich habe meine Seele geöffnet, habe mich meiner Vergangenheit gestellt“, sagt der 66-Jährige. Und dann passiert es in dem Film auch schon einmal, dass er die Tränen nicht zurückhalten kann.

Ein Jahr lang hat Marcel Trocoli Castro diesen skurrilen Jonathan auf Schritt und Tritt begleitet. In dessen Galerie, dessen Werkstatt, in dem verwinkelten Garten mit den vielen Hütten und Häuschen hat er ihn besucht, hat sich seiner Geschichte genähert, ist mit Henze alias Jonathan zu Original-Schauplätzen gereist, an denen die Weichen für dessen Leben gestellt wurden. „Da ich allein gearbeitet, selbst die Kamera geführt habe, entstanden sehr nahe Gesprächs-Situationen“, erklärt Trocoli Castro.

Jubel für Jonathan: So war die Premiere beim Filmfest. ››

Scripte, die er anfertigte, verwarf er sehr schnell, weil immer wieder neue Facetten in Jonathans Biografie auftauchten. „Seit geraumer Zeit hatte ich bereits den Wunsch gehegt, ein Doku-Porträt zu machen, nur fehlte mir der Mensch, den ich hätte vorstellen können“, sagt der Journalist, der als Redaktionsleiter für den Osnabrücker Sender os1.tv arbeitet. Während einer Party, bei der ein Buch über Henze vorgestellt wurde, lernte Trocoli Castro den Performance-Künstler Jonathan kennen. Da hat es offenbar Klick gemacht. Plötzlich hatte er jemanden gefunden, den er, so stellte er bald fest, einfach erzählen lassen konnte, ohne dass er seinen Film mit einem „Off-Text“, also mit Erklärungen und Kommentaren eines Außenstehenden, versehen musste.

Der Film wurde zu einem erschütternden Porträt eines sexuell missbrauchten Jugendlichen in einer Zeit, in der Kinderarbeit und Gewalt an der Tagesordnung waren. Aber er zeigt auch Henzes Weg aus der beklemmenden Situation heraus auf. Als er für eine Keramikfirma arbeitete, entdeckte er ein Gerät, mit dem er seine „gefangenen Seelen befreien“ konnte: einen Plasma-Schneider, der in der Lage ist, mithilfe eines elektrischen Lichtbogens Metalle zu durchtrennen. Fortan betrieb er „Metallmalerei“, brannte seine spezifischen Figuren, seine „Seelen“ in Eisen und Blech. Die Schweißerbrille wurde sein Markenzeichen.

Während der einjährigen Produktionszeit des Films wurden Filmer und Porträtierter zu Freunden. Und so gelang es Trocoli Castro auch, Jonathans Lebensgefährten Bernd Stöwe vor die Kamera zu locken sowie den in Kenia geborenen Brendan, der bei Jonathan ein Jahrespraktikum für die Fachoberschule für Gestaltung absolvierte. Auch die musikalische Gestaltung wurde zur Kooperation.

„Jonathan – Ein Herz und tausend Seelen“, Doku-Porträt von Marcel Trocoli Castro in Kooperation mit os1.tv. Uraufführung: Freitag, 17. Oktober, 20 Uhr, Lagerhalle. Matinee: Sonntag, 19. Oktober, 11 Uhr, Lagerhalle.